20.06.2007 · Wenn am Samstag das Endspiel der „NFL Europe“ ausgetragen wird, könnte dies das letzte Kapitel in der Geschichte einer Liga gewesen sein, die einst antrat, die amerikanischste aller amerikanischen Sportarten in Europa zu verbreiten.
Von Leonhard Kazda, FrankfurtDie beiden riesigen, aufgeblasenen Footballspieler aus Kunststoff sanken in sich zusammen, kaum dass die starken Männer von Frankfurt Galaxy und den Hamburg Sea Devils an ihnen vorbeigeschritten waren. Die Stadt Frankfurt hatte am Dienstagabend zum Empfang der Endspielgegner des World-Bowl-Finales in den Römer geladen, vor dessen Eingang die beiden baumhohen Kerle in Helm und Footballrüstung den sportlichen Schmuck boten.
Doch die die bunte Kulisse war nur eine flüchtige Erscheinung, die Luft entwich, als der Besuch gerade angekommen war – eine vielleicht schon symbolhafte Szene. Denn die Luft könnte auch aus der NFL Europa heraus sein. Steht die europäische Tochter der amerikanischen Profiliga NFL, der National Football League, vor dem Aus? Wenn an diesem Samstag in der Frankfurter Commerzbank-Arena das Endspiel um die World Bowl genannte Trophäe der europäischen Football-Profiliga ausgetragen wird, könnte dies das letzte Kapitel in der Geschichte der Liga gewesen sein.
„Wir schreiben nie über diese Liga“
Dafür gibt es in amerikanischen Medien mehrere Hinweise. Es sei durchaus möglich, dass der „Stecker für die NFL Europa nach dem World Bowl XV herausgezogen werden könnte“, ist auf der Internetseite des amerikanischen Sportsenders ESPN zu lesen. „Die Liga, die einst eine gute Trainingsmöglichkeit für Starting Quarterbacks war, hatte einen ziemlich guten Lauf“, räumt der Kolumnist John Clayton ein und fügt hinzu: „Aber das Ende scheint nahe zu sein.“ Auch bei der Tageszeitung USA Today wird die NFL Europa als Auslaufmodell gehandelt: „Wir schreiben nie über diese Liga“, ist dort zu lesen, „und wir tun uns sogar schwer, die Ergebnisse abzudrucken.“
Harte Worte über das Projekt, das 1991 antrat, um die vielleicht amerikanischste aller amerikanischen Sportarten in der Welt zu verbreiten. Schon da gab es eine Auszeit für das damals World League genannte Vorhaben. 1992 erreichte vormittags ein Fax aus New York die Ligazentrale in London, in dem kurzerhand das Ende der Weltliga verkündet wurde. 1995 traten die expansionswilligen Amerikaner wieder mit der NFL Europe League an, die inzwischen zur NFL Europa geworden ist, aber eigentlich NFL Germany heißen müsste. Denn fünf der sechs Mannschaften sind in Deutschland (Frankfurt, Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Köln), nur eines in Holland (Amsterdam) stationiert.
Lieber Familienfeier als World-Bowl-Finale
Eigentlich verfügt die aktuelle NFL Europa über einen Geschäftsplan bis ins Jahr 2010. Ob er aber umgesetzt werden wird, ist fraglich. Die Kritiker aus den Vereinigten Staaten sehen vor allem im Führungswechsel der NFL den vermutlich entscheidenden Punkt. „Die NFL Europa war sicher, solange Paul Tagliabue Commissioner war“, schreibt Clayton für ESPN, „er hat erfolgreich für die Liga gekämpft und sie am Leben erhalten.“ Dies könnte unter Commissioner Roger Goodell anders werden.
Noch in diesem Sommer wird eine Entscheidung darüber erwartet, ob die 32 Eigentümer der NFL-Klubs weiterhin bereit sind, jährlich insgesamt 30 Millionen Dollar in die NFL Europa zu stecken. Goodell werde, so Clayton, „die Eigentümer zur Entscheidung drängen, ob ihnen das jeweils eine Million Dollar wert ist.“ Ein Indiz dafür, dass Goodell nicht unbedingt ein großer Befürworter der NFL Europa ist, ist auch die Tatsache, dass er als ranghöchster Funktionär der NFL nicht zum Endspiel nach Frankfurt anreist. Uwe Bergheim, Geschäftsführer der NFL Europa, spricht von einer Familienfeier, die Goodell dem World-Bowl-Finale vorziehe.
Quarterbacks aus der dritten Reihe
Harsche Kritik muss die Liga wegen ihrer versäumten Expansionspläne einstecken. Und auch die Spielerstruktur gilt als höchst umstritten. Die Effizienz bei der Ausbildung von Spielern habe stark abgenommen, heißt es bei ESPN. Meist seien es Quarterbacks aus der dritten Reihe, die nach Europa geschickt würden, schreibt Clayton, „und sie kommen auch als Spielmacher aus der dritten Reihe mit etwas mehr Erfahrung zurück. Die NFL Europa ist keine Ausbildungsliga mehr.“
Gut möglich, dass die NFL bald andere Expansionswege beschreiten wird. Im kommenden Jahr könnten zwei reguläre NFL-Spiele in Deutschland stattfinden. Schon Ende Oktober wird es im Londoner Wembleystadion ein Spiel zwischen den Miami Dolphins und den New York Giants geben. Die 40.000 Tickets dafür waren in 90 Minuten ausverkauft.