20.10.2009 · Footballspieler leben mit dem Risiko, nach Gehirnerschütterungen durch Zusammenstöße an Alzheimer oder Demenz zu erkranken. Doch die Verantwortlichen in der amerikanischen Profiliga NFL spielen die Risiken herunter.
Von Heiko Oldörp, New YorkTed Johnson war einer der erfolgreichsten Spieler in der National Football-League NFL. Mit den New England Patriots wurde er dreimal Meister. Johnson spielte in der Defensive, auf der Position des Linebackers. Er galt als besonders harter Kerl, als jemand, der immer mit dem Kopf voranging. Einmal knallten er und sein Gegenspieler mit so großer Wucht mit den Helmen zusammen, dass der Kopfschutz seines Gegenübers in zwei Stücke zerbrach.
In seiner zehnjährigen Karriere zog sich Johnson nachweislich mehr als fünfzig Gehirnerschütterungen zu. Er hatte Kopfschmerzen, Schwindelgefühle, Sehstörungen. „Oft war mein Blick so getrübt, dass ein Mitspieler mir erklären musste, welcher Spielzug dran war. Ich bin dennoch auf dem Feld geblieben, wusste es nicht besser, hatte keine Ahnung, welchem Risiko ich mich aussetze.“ Es gab Tage, an denen sein Kopf vor Schmerzen zu platzen drohte und er sein Gedächtnis verlor.
Nach seinem Rücktritt 2004 verfiel der einst kompromisslose Kraftklotz in Depressionen, blieb 15 bis 20 Tage lang durchgehend im Bett, die Vorhänge zugezogen. Seine Ehe scheiterte, seine Kontakte zur Außenwelt brach er fast vollständig ab. „Das ging rund anderthalb Jahre so“, sagt Johnson, der erste Anzeichen von Alzheimer zeigt. Er ist 36 Jahre alt.
Dr. Robert Cantu hat ihn behandelt. Für den Neurologen sind Fälle wie der von Ted Johnson keine Einzelschicksale. Zusammen mit weiteren Spezialisten hat Cantu an der Universität von North Carolina ehemalige Football-Profis untersucht und einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Gehirnerschütterungen und der Entstehung von Demenz und Depressionen festgestellt. „Die Auswirkungen der Zusammenstöße im Spiel können gewaltig sein. Die Athleten sind fast 30 km/h schnell, hinzu kommen ihre Größe und Gewicht. Das ist, als wenn ein Auto mit rund 70 km/h gegen eine Steinmauer prallt“, erklärt Cantu.
150.000 Gehirnerschütterungen in High School Teams
Er sorgt sich vor allem um die Jugendlichen. Im Vorjahr hatten Footballspieler aus High School Teams 150.000 Gehirnerschütterungen gemeldet. Cantu weist darauf hin, dass das Gehirn bei Teenagern anfälliger sei und es im Gegensatz zur NFL kaum jemanden am Spielfeldrand gäbe, der umgehend eine Gehirnverletzung diagnostizieren könne. Dabei seien es mitunter Verletzungen aus der Jugend, die später zu bleibenden Hirnschädigungen führen könnten, warnt Ann McKee, Neuropathologin an der Universität Boston. Ann McKee hat in diesem Jahr die Gehirne von 16 ehemaligen Sportlern untersucht, elf davon waren Football-Profis. Sie alle wiesen dunkle Punkte auf.
Die Pigmente sind Proteinablagerungen und klares Indiz für eine degenerative Hirnschädigung, die sogenannte chronisch traumatische Enzephalopathie - kurz CTE. Diese Krankheit wurde zuerst bei Boxern festgestellt und ist erst nach dem Tod diagnostizierbar, wenn das Gehirn aufgeschnitten wird. Das Gefährliche an CTE ist, dass sie jahrelang unentdeckt bleibt, Gehirnzellen zerstört und somit zu Demenz und anderen kognitiven Problemen führt. „Es wird ausgelöst durch Trauma, die vor langer Zeit passiert sind, im Teenageralter, den Zwanzigern oder Dreißigern, aber es tritt erst Jahrzehnte später auf. Leute denken, sie haben eine psychische Krankheit oder eine Midlife-Krise. Dabei leiden sie unter einer Gehirnerkrankung“, sagt McKee.
Die Verantwortlichen spielen die Fakten herunter
Die NFL hat das Thema lange Zeit heruntergespielt, ist erst seit zwei Jahren zumindest bemüht, Football sicherer zu machen. Für jeden Profi wurden neurologische Tests eingeführt, besonders gefährliche Stöße wurden verboten. Ein Merkblatt weist darauf hin, dass Gehirnerschütterungen zu Hirnschädigungen führen können. Eine Telefonbefragung von 1000 ehemaligen Profis ergab kürzlich ein schockierendes Ergebnis. Die Interviews zeigten, dass das Risiko, an Alzheimer oder Demenz zu erkranken, für NFL-Spieler zwischen 30 und 50 Jahren 19 Mal höher ist als für normale Menschen.
Die Verantwortlichen spielen die Fakten jedoch herunter. Schließlich ist Football der Lieblingssport der Amerikaner und die NFL ein Premiumprodukt. In der Liste der zehn reichsten Sportklubs der Welt 2008 führt das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ sechs NFL-Teams. Der Wirtschaftskrise zum Trotz liegt der Durchschnittswert jeder der 32 NFL-Vereine jenseits der Grenze von einer Milliarde Dollar. Da würde schlechte Publicity nur unnötige Kopfschmerzen bereiten.
„Profis in Kontakt-Sportarten erleiden ein paar Gehirnerschütterungen in ihrer Karriere. Einige haben deshalb später Probleme, andere nicht“, relativiert Dr. Andrew Tucker. Er ist Teamarzt der Baltimore Ravens und Mitglied des Ausschusses für Gehirnschäden der NFL. Tucker spricht von „Einzelfällen“ und verweist im Namen der Liga darauf, dass derzeit ein detailliertes medizinisches Gutachten erstellt wird, dessen Ergebnisse in einem Jahr zu erwarten seien.
„Alle wissen, dass es ein aggressiver Sport ist“
Trotz aller Expertisen und Expertenmeinungen sehen die Profis ihren Job nicht als Spiel mit der eigenen Gesundheit. „Alle wissen, dass es ein aggressiver Sport ist und Verletzungen passieren können. Aber bei Gehirnerschütterungen wird aufgepasst. Früher wurde weitergespielt, heute ist das nicht mehr so“, sagt Sebastian Vollmer, einziger Deutscher in der NFL. Er spielt bei den New England Patriots, jenem Klub, für den auch Ted Johnson einst seinen Kopf hinhielt.
Johnson spricht mittlerweile offen über seine Krankheit und die Risiken, gibt an der Suffolk-Universität in Boston Seminare dazu und stellt sein Gehirn der Forschung zur Verfügung. Er würde gerne auch mit Profis reden, doch Johnson war zu lange selbst einer von ihnen. „Ich würde ihnen alles erzählen, aber ich denke nicht, dass sie das hören wollen. Denn wer Angst hat, ist kein guter Spieler.“