Es hat schon oft Tage in New Orleans gegeben, an denen das Wirkliche und das Unwirkliche ganz nah beieinanderlagen. Auch beim Football, wo etwa einst eine Macumba-Priesterin sonntags im Superdome vor dem Anpfiff an der Mittellinie eine Voodoo-Zeremonie abhalten durfte. Sie sollten die riesige Arena „von allen Flüchen befreien“, die dem Team das Leben schwermachen.
Derart fauler Zauber schien zuletzt nicht vonnöten. Denn die New Orleans Saints - ein Klub, der mit seinem Namen an die Musiktradition in der Stadt und den Jazz-Gospel „When the Saints Go Marching In“ anspielt - hatten sich nach Jahren der Mittelmäßigkeit zu einem veritablen Titelanwärter gemausert. 2009 gewannen sie, angeführt von Drew Brees, dem präzisesten Quarterback der Liga, die Super Bowl.
Vor zwei Monaten jedoch erlitt der Heiligenschein ziemlichen Schaden. Ähnlich wie das Dach der großen Halle während des Hurrikans Katrina, bei dem die Stadt am Unterlauf des Mississippi überschwemmt und teilweise zerstört wurde. Es wurde nämlich bekannt, dass der Trainerstab zahllose Saints-Spieler mit Kopfgeldprämien dazu ermuntert hatte, sonntags im harten Kampf Mann gegen Mann etwas intensiver zuzupacken. Das Ziel: Gegnerische Spieler so schwer zu verletzen, dass sie nicht mehr einsatzfähig waren.
Als der Skandal vor ein paar Wochen bekannt wurde, reagierte die National Football League mit einer massiven Strafaktion. Cheftrainer Sean Payton wurde für ein Jahr gesperrt. Sein ehemaliger Defensivkoordinator Gregg Williams, der vor kurzem bei den St. Louis Rams unterschrieben hat, wurde auf unbegrenzte Zeit von der Liga ausgeschlossen. Obendrein erhielt Chefmanager Mickey Loomis eine Sperre von acht Spielen, weil er von den Attacken auf die Gesundheit der Spieler wusste, aber nichts unternahm, um sie abzustellen.
Spionage aus der Suite
Seit Anfang der Woche steht Loomis abermals und ganz allein im Blickpunkt. Da meldete der Fernsehsender ESPN, dass der Team-Verantwortliche einst von seiner Suite im Superdome aus gegnerische Trainer abgehört haben soll. Nicht nur die Liga ermittelt, sondern auch die Strafverfolgungsbehörden. Denn eine solche Aktion verstößt nicht nur gegen sportliche Regeln, sondern gegen amerikanische Gesetze. Loomis, dessen Management-Fähigkeiten bei seiner Amtsübernahme 2002 von Spielern heftig kritisiert wurden, hat die Anschuldigungen bestritten.
Fälle von Betriebsspionage sind im American Football nichts Neues. Denn das Mannschaftsspiel lebt von einer Unmenge an verschlüsselten Informationen, Handzeichen und geheimnisvollen Codewörtern, die allesamt nur einen Zweck haben: die im Training ausgetüftelten komplexen Spielzüge, die im Laufe der Begegnungen je nach Bedarf eingesetzt werden, zu verschleiern.
Quarterbacks und ihre Nebenleute müssen deshalb Hunderte von Manövern und Begriffe auswendig lernen und erhalten im Spiel von der Außenlinie während der zahllosen Unterbrechungen exakte Anweisungen darüber, welche Formationen und Laufwege sie anzusagen haben. Dieses Spielverständnis macht Football zu einer Mischung aus Rasenschach und durchchoreographiertem Brachialballett.
Wer die Codes und Pläne der Gegner kennt, ist im Vorteil. Weshalb die New England Patriots vor ein paar Jahren eigens einen Kameramann abstellten, der die Zeichen und Gebärden der gegnerischen Trainer und Spieler einzufangen trachtete. Trainer Bill Belichick wurde von der NFL mit einer Geldstrafe von 500.000 Dollar belegt. Der Klub musste weitere 250.000 Dollar bezahlen und einen Draft-Platz bei der Auswahl von Talenten abgeben.
Code-Knacker am Spielfeldrand
Auch im Baseball gehören Signale und Gesten von der Bank zum Alltag. Genauso wie das Erraten und „Stehlen“ der Codes des Gegners. Und das seit mehr als hundert Jahren, als die erste professionelle Liga gegründet wurde. Doch anders als im Football wird der Diebstahl von niemandem bestraft. Es ist ein eigener Sport und Antwort auf eine Kommunikationskultur aus Fingerbewegungen, mit denen etwa der Catcher in der Hocke zwischen seinen Beinen seinem Pitcher meldet, wie er den nächsten Ball werfen soll - oben, unten, mit Tempo oder Effet. Die Entscheidung bleibt nicht etwa dem wurfstarken Mann im Zentrum des Spiels überlassen. Er hat die Anweisungen zu befolgen.
Das Tauziehen zwischen den Parteien produziert bisweilen kuriose Novitäten. So setzte Tony LaRussa, einer der erfolgreichsten Trainer der vergangenen Jahrzehnte, bei den St. Louis Cardinals mal den Masseur als Nachrichtenübermittler ein. Es dauerte eine Weile, bis die Gegner herausgefunden hatten, was es bedeutete, dass er mit einem Mundabstrichspatel herumwedelte, wie ihn Ärzte benutzen, um ihren Patienten in den Rachen zu schauen. Diesen Trick benutzt seitdem kein Baseball-Coach mehr.