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America's Cup Segler machen die Welle

04.04.2006 ·  Bei der Aufrüstung für den America's Cup 2007 liegen manche Syndikate voll im Winde, anderen steht das Wasser bis zum Hals. Hartnäckig hält sich das Gerücht, drei oder vier der zwölf gemeldeten Crews stünden vor dem Kollaps.

Von Michael Ashelm, Valencia
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Manchmal schimmert das alte Bild vom America's Cup noch durch - als der bedeutendste und glamouröseste Segelwettbewerb der Welt noch von abenteuerlustigen Männern mit einem jungenhaften Faible für teure Technik dominiert wurde. Dann steigt alten Recken wie Chris Dickson der Glanz in die Augen, wenn sie sich freuen auf die erste Ausfahrt mit ihrem frisch modellierten Renngefährt.

"Ein bewegender Augenblick", sagte der Neuseeländer vergangene Woche nach der Bootstaufe für die "USA 87", "ich bin gespannt auf unser neues Spielzeug." Von einem netten Spielchen kann jedoch nicht die Rede sein, weshalb Dickson nach seinem sentimentalen Anflug schnell wieder zurückfindet zur gewohnten Attitüde des eiskalten Generals. Als Geschäftsführer und Skipper des Syndikats "BMW Oracle Racing" ist er verantwortlich für das gemeinsame Segel-Investment von BMW und Larry Ellison, dem Software-Milliardär. Die Last wiegt schwer. Die Kosten des Projekts werden die 100-Millionen-Dollar-Grenze leicht überschreiten.

Segeln als Geschäft, Segeln als Unterhaltung

Die gläserne Bürofassade spiegelt den Fortschritt. Drinnen befördert eine Rolltreppe den Besucher hinauf in die neue Welt des Segelns. Nichts ist geblieben vom Bootshauscharme gediegener Yachtklubs, an seiner Stelle steht futuristischer Lifestyle für das nächste Jahrzehnt. Im zweiten Stock der Teambasis sollen Geschäftskontakte gepflegt werden. Der Szene-Gastwirt aus der Schweiz steht hinter der schneeweißen Bar, die schön wie eine Hawaiiwelle geschwungen ist. Aus den Lautsprechern dringt dezenter Jazz, während unten am Pier der Rumpf einer Yacht glanzpoliert wird - von Männern in einheitlicher Arbeitskluft. Der America's Cup als blitzsauberes Marketingobjekt - dieser Traum hat sich hier erfüllt.

Ein Jahr bevor in Valencia die Rennen um die älteste Trophäe des Sports ernsthaft beginnen, hat der Wandlungsprozeß des Wettbewerbs eine neue Phase erreicht. Überall. Die Bauarbeiter im Hafen werkeln derzeit in Tag- und Nachtschichten, um die anspruchsvolle Idee des Schweizer Milliardärs Ernesto Bertarelli vom neuen America's Cup umzusetzen. Bertarelli hatte als großer Sieger mit der "Alinghi" die Veranstaltung nach Europa gebracht und mit Valencia einen spendablen Partner gefunden. Der Betonausleger für die Motoryachten der wohlsituierten Besucher wird bald fertiggestellt. Schließlich finden Mitte Mai mit viel Brimborium die nächsten Testregatten statt. Noch im Rohbau befindet sich der monströse Gebäudekomplex an der Hafenausfahrt, in dem später verglaste Logen mit Blick auf die Regattabahnen sowie Geschäfte, Restaurants, Cafes und ein Schwimmbad untergebracht werden sollen. Segeln als Geschäft, Segeln als Unterhaltung für ein breites Publikum.

Crews vor dem finanziellen Kollaps?

Nicht alle kommen bei diesem hohen Tempo mit. Hartnäckig hält sich das Gerücht, drei oder sogar vier der zwölf gemeldeten Crews, nämlich die aus China, Schweden und Frankreich sowie eine aus Italien ("+ 39"), stünden vor dem finanziellen Kollaps. Löhne könnten nicht bezahlt, Boote nicht gebaut und Trainingseinheiten auf dem Wasser nicht organisiert werden. Zu teuer.

Verdächtig ruhig wirken die vergleichsweise bescheidenen Domizile dieser betroffenen Mannschaften. Vielleicht auch deshalb, weil man ausgeflogen ist wie zum Beispiel die Chinesen, um mit einer kleinen Schauregatta vor Hongkong etwas Geld zusammenzukratzen. Doch ein weiteres Gerücht - und das dürfte die Notleidenden beruhigen - besagt auch, daß derzeit ein Mann aus der Schweiz mit dickem Portemonnaie großzügig seine Runde dreht im Hafen. Herr Bertarelli? Er hatte den Neuseeländern angeblich schon vor zwei Jahren einen günstigen Kredit zur Anschubfinanzierung gewährt, um die "Brasilianer des Segelns" dabeizuhaben bei seiner Show, deren Dimension doch sehr ambitioniert erscheint.

Deutsche zeitlich in Verzug

"Wir gehören zur Mittelklasse", sagt Michael Scheeren. Daß der im vergangenen Jahr berufene Chef des deutschen Syndikats "United Internet Team Germany", ein Finanzfachmann ohne Erfahrung im Segeln, noch im Containerbüro sitzt und den Lärm von Preßlufthämmern ertragen muß, liegt nicht daran, daß Geld fehlt. Fünfzig Millionen Euro sollen zur Verfügung stehen. Nach den internen Querelen, die zur hundertprozentigen Übernahme durch den Unternehmer Ralph Dommermuth geführt hatten, sind die Deutschen nur zeitlich in Verzug. Der Ausbau der Basis steht an, noch ist nicht klar, ob ein oder zwei Boote für den Wettbewerb im nächsten Jahr gebaut werden, was bei einem Totalschaden auf dem Wasser und einer einfachen Lösung das vorzeitige Ende der Wettfahrten um den America's Cup bedeuten könnte.

Am 24. April steht die Taufe des ersten Rumpfes an. Die Ehefrau des Bundespräsidenten wird Patin. Ganz besonders auf den Nägeln brennt den Verantwortlichen, adäquate Unterstützung für den renommierten Skipper Jesper Bank zu finden. Würde dem ehemaligen Weltmeister etwas Unvorhersehbares zustoßen, zum Beispiel eine schwerere Verletzung, niemand im Team könnte die Yacht auf dem geforderten Niveau lenken. Zum anderen wird ein gewiefter Steuermann als Sparringspartner fürs Training gesucht. Prominente Namen aus der Szene wie der Australier Peter Gilmore oder der Amerikaner Paul Cayard werden gehandelt, und Scheeren betont, daß bei dieser Entscheidung nicht wie sonst auf den Cent geschaut werden solle. Technikvorstand Eberhard Magg weiß allerdings, wie schwer sich der Findungsprozeß gestalten könnte. "Das ist so, als würde ein Bundesligaklub zu Saisonstart noch einen Superstürmer suchen."

Einschüchterndes Aufrüstungsprogramm

Der America's Cup vor Valencia - schon jetzt ein Kontrastprogramm. Andere Teams schöpfen aus dem vollen, spendieren wie "Alinghi" ihren Teammitgliedern einen Erholungsurlaub in den Schweizer Bergen oder tüfteln an ihrem einschüchternden Aufrüstungsprogramm. "BMW Oracle Racing" stehen gleich mehrere hochkarätige Steuermänner zur Verfügung, die je nach Windbedingung und Spezialität einzusetzen sind. Hier entscheiden nur noch Feinheiten. "Nächste Woche bin ich in New York", sagt der Marketingmann der deutsch-amerikanischen Branchenriesen. Dann soll der Aufbau einer originalgetreuen Yacht vor dem Rockefeller Center vorbereitet werden.

Quelle: F.A.Z., 04.04.2006, Nr. 80 / Seite 32
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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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