09.02.2010 · Noch fehlt der richtige Wind vor Valencia, damit die Crews der beiden Rennyachten von Alinghi und BMW Oracle Racing endlich auf dem Wasser den Meister ermitteln können. Doch der Druck bleibt trotz der äußerlichen Gelassenheit erhalten - die America's-Cup-Konkurrenten nutzen weiterhin jede Gelegenheit für Sticheleien.
Von Michael Ashelm, ValenciaVerunsicherung oder Belastung ist Ernesto Bertarelli nicht anzumerken. Der Milliardär, Besitzer und Steuermann des Alinghi-Teams gibt sich nach dem missglückten Start des America's Cup auffällig gelassen. Der strömende Regen hat sich verzogen, die Sonne scheint.
Er vergnügt sich am Tag danach mit seinen Mitstreitern auf der Schweizer Teambasis, als wäre aus dem Duell mit den Amerikanern plötzlich die Luft heraus. Ist sie aber nicht: Noch fehlt zwar der richtige Wind vor Valencia, damit die Crews der beiden Rennyachten von Alinghi und BMW Oracle Racing endlich auf dem Wasser den Meister ermitteln können. Doch der Druck auf den Teilnehmern bleibt trotz der äußerlichen Gelassenheit erhalten.
Dieser 33. America's Cup könnte zu einer nervenzehrenden Hängepartie werden. Das Winterwetter im Mittelmeer ist unberechenbar. Um für einige Stunden einigermaßen konstante Windbedingungen anzutreffen, die nötig wären für die riesenhaften und diffizil beherrschbaren Mehrrumpfboote, müsste auch schon Glück dazukommen.
Alinghi fühlt sich deshalb in seiner negativen Haltung bestätigt, dass ein Duell mit diesen Bootstypen derzeit vor Valencia nur schwer kalkulierbar ist. Im Januar und Februar käme man auf zusammen durchschnittlich zehn Segeltage, heißt es beim Schweizer Titelverteidiger. „Wir sind leider gezwungen worden, hier zu segeln“, sagte Rolf Vrolijk, Alinghi-Chefdesigner. Der Gegner und ein New Yorker Gericht hatten erst für die Ansetzung des Rennens gesorgt.
Unterschiedliche Stärken, unterschiedliche Interessen
Die Warterei könnte die belastete Atmosphäre zwischen den Teams weiter vergiften. Weil beide Boote unterschiedliche Stärken haben, ist die Interessenlage der Crews vor dem Startsignal ganz verschieden. Der Schweizer Katamaran ist wohl besser bei schwachen Winden, der Trimaran der Amerikaner durch seine Robustheit und das höhere Gewicht voraussichtlich dann schneller, wenn eine satte Brise weht.
Als der Wettfahrtleiter Harold Bennett am Montag nach mehreren Stunden vergeblichen Hoffens auf dem Wasser den Start zum ersten Rennen wegen Flaute absagte, kam es wieder zu Scharmützeln. Während die Amerikaner erfreut von einer „völlig richtigen Entscheidung“ sprachen, stichelten die Schweizer ein wenig. „Wir haben versucht zu segeln, die haben verweigert“, sagte Vrolijk über den Gegner.
BMW Oracle Racing habe sich an der Startlinie absichtlich passiv verhalten, um nicht den Eindruck zu erwecken, der Wind könnte für einen Regattastart reichen. „Das nenne ich Beeinflussung der Wettkampfleitung“, sagte Vrolijk.
Auch „Gott“ kennt das Wetter nicht
Die Arbeit des unabhängigen Wettfahrtleiters wird durch die schlechte Stimmung zwischen den beiden Teams nicht erleichtert. Er muss auf dem Wasser entscheiden, ob ein Rennen zu fairen Bedingungen stattfinden kann. „Es gibt viel Druck von allen Seiten“, sagt Bennett. Zwischenzeitlich kursierte das Gerücht, der erfahrene, in mehreren Cup-Regatten erprobte Neuseeländer würde aufgrund der Situation gar seinen Job hinschmeißen, was den laufenden America's Cup an den Rand eines Skandals bringen würde.
Aber das erwies sich als Fehlmeldung. „Ich bleibe da ganz gelassen. Die Attacken unter den Teams gehören zum Spiel dazu“, sagte Bennett. Sein Spitzname in der Szene lautet „Gott“. Einen Start für diesen Mittwoch hält er für möglich. Aber sicher ist er sich auch nicht.