http://www.faz.net/-gtl-8yp5v
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 17.06.2017, 09:02 Uhr

Finale beim America’s Cup Gefährliche Meeresungeheuer vor Bermuda

Sportler, die aussehen wie Gladiatoren. Boote voller Hightech: Der America’s Cup sprengt die Grenzen des Segelns. In Gang gesetzt hat diese Entwicklung einer, der nun auch im Finale mitmischt.

von
© EPA Team New Zealand will Titelverteidiger Oracle beim Finale im America’s Cup besiegen.

Auch das Paradies macht mal Pause. Zu Beginn des 35. America's Cups erinnerte die Bucht von Bermuda zeitweise mehr an die Nordseeküste im Herbst als an eine tropische Inselgruppe fast 1000 Kilometer vor der Küste Floridas. Starker Wind und heftiger Regen sorgten dabei zumindest einen Tag für Chaos bei der aktuellen Auflage des Segel-Spektakels – und machten deutlich, dass die immer weiter voranpreschende Entwicklung des ältesten und berühmtesten Rennens der Welt auch große Gefahren birgt: Während die Neuseeländer in einer Kurve von einer Windböe erfasst wurden und spektakulär kenterten, verlor die schwedische Crew für längere Zeit die Kontrolle über ihren Katamaran und kollidierte nach einer Irrfahrt außerhalb der offiziellen Strecke fast mit einem Boot voller Zuschauer.

Mehr zum Thema

Sebastian Reuter Folgen:

Trotz der Zwischenfälle und widrigen Bedingungen steht nun das Finale an. Das Team New Zealand wird von diesem Samstag an (Zeiten, Modus und Live-Übertragung im Kasten am Endes dieses Artikels) in maximal dreizehn Rennen im Großen Sund von Bermuda gegen den Titelverteidiger – das Oracle-Team aus den Vereinigten Staaten – um den America’s Cup segeln dürfen. Fest steht schon jetzt: Das Finale um die wichtigste Trophäe im Segelsport wird – was Taktik, Technik und Tempo angeht – alle Rekorde brechen. Sofern es die Bedingungen zulassen. Denn während die Yachten bei perfektem Segelwetter elegant über das azurblaue Wasser fliegen und waghalsige Manöver zeigen, ist nun auch klar, dass sie unter schwierigen Bedingungen zu unkontrollierbaren und gefährlichen Geschossen werden können.

Generell ist der diesjährige America’s Cup mit den Auflagen vergangener Epochen nicht mehr zu vergleichen. In den mehr als 150 Jahren zwischen dem ersten Rennen um die britische Isle of Wight und jenem im Jahr 2003 haben die Yachten ihre Höchstgeschwindigkeit lediglich um sieben Kilometer in der Stunde – von 18 auf 25 – gesteigert. Seitdem haben die Teilnehmer ihr Tempo jedoch mehr als verdreifacht und rasen teilweise mit fast 50 Knoten – also mehr als 90 Kilometern in der Stunde – haarscharf aneinander vorbei. Noch nie war Segeln so spannend und spektakulär.

© Youtube

In Gang gesetzt hat diese Revolution vor mehr als sieben Jahren Oracle-Besitzer Larry Ellison, der den America’s Cup wie niemand vor ihm umgebaut hat: Ließ sich der Software-Milliardär die erste Teilnahme seines Teams noch mit Hilfe juristischer Tricks zusichern, nutzt Ellison seitdem das auf der Stiftungsurkunde von 1851 beruhende Recht des Titelverteidigers zur Festlegung der Regeln, um gemeinsam mit Rennorganisator Russell Coutts den Cup zu einer Art Formel 1 auf dem Wasser zu machen: kurze, spannende Rennen vor beeindruckender Kulisse, heldenhafte Segler auf Hightech-Booten und eine pausenlose mediale Begleitung in Fernsehen und Internet. Am liebsten würden Ellison und Coutts die von ihnen initiierte America’s-Cup-Weltserie noch regelmäßiger um den Globus ziehen lassen, doch schon jetzt haben viele Teams Probleme, das notwendige Budget von mindestens 100 Millionen Euro zu erreichen.

Segel-Traditionalisten stehen dieser rasanten Entwicklung schon länger skeptisch gegenüber, Holger Gau hält sie dagegen nur für folgerichtig: „Schauen Sie sich Bundesligaspiele aus den Achtzigern oder auch aus dem Jahr 2000 an: Das hat mit heutigem Fußball auch nichts mehr zu tun“, sagt er. Gau ist Aerodynamik-Experte beim Münchner Autohersteller BMW und hat drei Jahre maßgeblich am Bau des diesjährigen Oracle-Bootes mitgewirkt. Entscheidend für die Tempo-Explosion der vergangenen Jahre ist für ihn der Wechsel von Einrumpfyachten zu Katamaranen mit sogenannten Hydrofoils – also kleinen, schwertähnlichen Kufen, welche die Boote schon bei niedriger Geschwindigkeit in die Höhe heben und den Widerstand des Wassers auf die Fläche einer Zimmertür minimieren. Dazu kommen starre Segel, die in Form und Funktion an die Tragfläche eines Flugzeuges erinnern.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Hitzestau unterm Helm

Von Christoph Becker

Nach einem Auffahrunfall wütet Sebastian Vettel über Konkurrent Lewis Hamilton. Die Psychoduelle zwischen Ferrari und Mercedes haben bereits seit Schumacher Tradition. Mehr 2 5