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America's Cup Eine Enthüllung gegen die Segel-Paranoia

02.04.2007 ·  Die Crews für den America's Cup haben ihr größtes Geheimnis gelüftet - das Unterwasserschiff. Monatelang haben die Konstrukteure mit Hilfe von Supercomputern, Simulationsmodellen und Schlepptankversuchen ihre gesammelte Weisheit in diesen Teil des Bootes gesteckt.

Von Frank Neumann, Valencia
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Schweizer Pralinen, deutsche Weißwürste, ein afrikanischer Elefant und jede Menge ohrenbetäubende Böllerschüsse: manchmal ist der America's Cup einfach nur seltsam. Auf dem Laufsteg der Eitelkeiten im Hafen von Valencia, wo die Crews ihre mondänen Quartiere aufgeschlagen haben, herrschten am Sonntagvormittag großes Gedränge, so manches Spektakel und - vor allem - ungewohnte Offenheit.

"Unveiling day" - Tag der Enthüllung - nennt sich das groß angekündigte Prozedere, bei dem die Teams zwei Wochen vor Beginn des wichtigsten Segelwettbewerbs der Welt zum ersten Mal die Hüllen fallen lassen mussten, mit denen sie sonst das Unterwasserschiff ihrer Boote, so gut es geht, verbergen. Denn eigentlich soll niemand sehen, was sich Konstrukteure und Ingenieure mit Hilfe von Supercomputern, Simulationsmodellen, Schlepptankversuchen und der gesammelten Weisheit der besten Bootsbauer ausgedacht haben. Geheimniskrämerei gehört zum Geschäft. Die Basislager gleichen Sicherheitstrakten, und die Teams machen sich die Mühe, ihre Yachten in riesige Schürzen zu kleiden, wenn sie sie aus dem Wasser heben. Doch seit Sonntag, so bestimmen es die Regeln, müssen alle zeigen, was sie untenherum zu bieten haben.

Taucher auf Spionagemission

Besonders interessant ist dabei die Kielbombe, das zwanzig Tonnen schwere, zigarrenförmige Gewicht am Ende der Kielfinne, das die Boote in aufrechter Lage halten soll. Insgesamt bringen die Hightech-Yachten maximal 24 Tonnen Gewicht auf die Waage, damit sind sie oben relativ leicht, weshalb sie bisweilen auch als Bleitransporter verspottet werden. Welche Form nun der Bleimasse gegeben werden muss, damit sie dem Boot eine stabile Lage, gute Vorausfahrt und trotzdem Wendigkeit ermöglicht, darüber grübeln die besten Köpfe der Bootsbauer seit Jahrzehnten.

1983 beispielsweise konnte Australien zum ersten Mal nach über 130 Jahren den Amerikanern den Cup entreißen, unter anderem, so wird vermutet, weil sie der Kielbombe kleine Flügel verpasst hatten. Damals eine revolutionäre Entwicklung, heutzutage Standard. Kein Wunder also, dass so mancher gerne ein wenig früher einen Blick unter die Wasserlinie des Gegners riskieren würde. Der Legende nach sollen bei früheren America's-Cup-Regatten Taucher auf Spionagemission geschickt worden sein, woraufhin die Gegenseite ebenfalls Taucher ins Hafenbecken sandte, um das zu verhindern.

Lang und dünn statt kurz und dick

Festzuhalten bleibt: Der Trend dieses Frühjahrs ist lang und dünn statt kurz und dick. Die Kielbomben der neuen Yachten, mit denen in dieser Woche erstmals im Wettkampf gesegelt wird, sind offensichtlich schlanker geworden, jedenfalls bei den meisten Teams. Das soll eine schnellere Vorausfahrt ermöglichen, könnte aber beim Wenden zu mehr Widerstand führen. Andererseits: Die technischen Zusammenhänge, die eine America's-Cup-Yacht schnell oder langsam machen, sind so komplex, dass ohnehin niemand die genauen Wirkungen einzelner Komponenten vorhersagen kann.

Ganz Genaues weiß man nicht. "Die Wirklichkeit ist leider oft anders als die beste Simulation", sagt Eberhard Magg, lange Zeit Technischer Direktor des deutschen Teams, jetzt woanders eingesetzt. Revolutionäres hat Magg nicht gesehen. "Mit den Computerprogrammen, die alle benutzen, kommt eben oft etwas Ähnliches heraus." Ähnlich freilich nur für das Laienauge. Die Nuancen sind entscheidend. "Ich bin erstaunt", meinte Rolf Vroljik, der Chefkonstrukteur des Titelverteidigers "Alinghi", "dass alle mit unterschiedlichen Designs operieren."

„Psychologische Kriegsführung“

Die Experten mögen also ihre Erkenntnisse gewonnen haben. Freilich nur für kurze Zeit. Denn so erhellend die Enthüllung gewesen sein mag, in den nächsten Monaten - der America's Cup zieht sich schließlich bis Anfang Juli - haben die Teams genügend Möglichkeiten zum Umbau. Das Versteckspiel hat schließlich auch noch andere Gründe als die berechtigte Sorge vor Betriebsspionage. Gemäß dem Motto "Wenn man etwas zu verbergen hat, muss es besonders interessant sein" taugt die Paranoia auch als PR-Strategie. "Und als psychologische Kriegsführung", sagt Magg.

Beim United Internet Team Germany mag man sich davon nicht anstecken lassen. Die erste deutsche Yacht beim America's Cup war schon länger unverhüllt zu sehen. "Sollen die doch gucken", sagt Nico Jeschonnek vom deutschen Team. "Wir sind der Underdog und haben andere Dinge zu tun, als uns zu verstecken." Das ursprüngliche Ziel, bis ins Halbfinale zu kommen, haben die Deutschen längst verworfen. Nach vielen Rückschlägen geht es nun darum, sich so gut wie möglich zu verkaufen. Welche Kielbombe unten am Boot hängt, ist dabei vermutlich auch egal.

Quelle: F.A.Z., 02.04.2007, Nr. 78 / Seite 28
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