06.08.2009 · Das Revier des America's Cup steht fest, die Schiffe sind fertig: Dem Kräftemessen zwischen Alinghi und BMW Oracle stehen nur noch mögliche Gerichtstermine im Weg.
Von Michael AshelmAn diesem Donnerstag soll das nächste Spektakel am Genfer See steigen. Dann wird wieder der russische Spezialhubschrauber die 15 Tonnen schwere „Alinghi 5“ aus dem Wasser heben und den Riesenkatamaran diesmal nicht nur kurz aus der Werft, sondern ans Mittelmeer transportieren. Am Haken nach Genua, 300 Kilometer über die Alpen. Für Ernesto Bertarelli hat die Operation in luftiger Höhe eine besondere Bedeutung, denn kommt das Boot unbeschadet an seinem Zielort an, könnte die entscheidende Vorbereitungsphase auf das wohl interessanteste und aufwendigste Rennen in der Geschichte des America's Cup beginnen. Und wie am Mittwoch bekannt wurde, soll der Vergleich in einem der ungewöhnlichsten Reviere stattfinden - am Persischen Golf. Einige in der Branche sprechen voller Vorfreude vom Duell der Giganten.
Dabei hat das Erscheinungsbild des ältesten Segelwettbewerbs der Welt zuletzt schwer gelitten. Nachdem der Streit um Regelmodalitäten auf Grundlage der anderthalb Jahrhunderte alten Stiftungsurkunde zwischen dem Titelträger aus der Schweiz und dem amerikanischen Herausforderersyndikat eskaliert war und sich die Gegner vor einem New Yorker Gericht eine ausufernde Schlacht mit immer neuen juristischen Spitzfindigkeiten lieferten, glaubte kaum jemand an eine baldige Rückkehr auf das Wasser. Gerade erst formierte Crews wie die deutsche mit Jochen Schümann, welche auf ein unverändertes Regattaformat mit zehn oder zwölf Teilnehmern und den Austragungsort Valencia in Spanien setzten, lösten sich wieder auf. Die Perspektive fehlte - sportlich und wirtschaftlich.
Übrig blieben die beiden Hauptrivalen. Ernesto Bertarelli aus Genf, Patron des Siegersyndikats von 2003 und 2007 der „Alinghi“, und Larry Ellison aus San Francisco, Besitzer des von dem deutschen Automobilkonzern gesponserten Segelrennstalls „BMW Oracle Racing“, der bisher leer ausgegangen ist beim Cup. Zwei Milliardäre auf Konfrontationskurs, für deren undurchsichtiges Machtspiel eine Heerschar von Advokaten und Regelexperten engagiert wurde. Mal wähnte sich die eine Seite im Vorteil, mal die andere. Zwischendurch legte ein Richter fest, dass in drei Rennen am 8. und 10. sowie bei Bedarf 12. Februar des nächsten Jahres die sportliche Entscheidung zwischen den beiden Gegnern um den 33. America's Cup fallen müsste. Diesmal auf Mehrrumpfbooten. Aber immer unter Vorbehalt dessen, was weitere juristische Winkelzüge der Gegner bei der Interpretation der Paragraphen anbelangt.
„Die Gefahr des Bruchs ist riesengroß“
Unabhängig davon, ob es überhaupt zu einer Übereinkunft und dem besonderen Rennen kommen würde, schießen Bertarelli und Ellison seit anderthalb Jahren auf Verdacht Million um Million in die Entwicklung einer Techno-Flotte, um auf den Tag X vorbereitet zu sein. Die besten Designer, Bootskonstrukteure, Techniker und Tuner befinden sich seither in einem sich zuspitzenden Technologiewettstreit, wie ihn der America's Cup zuvor nie gesehen hat. Die neuen Bootstypen sind die teuersten und vielleicht schnellsten Segelfahrzeuge, die es bisher gab, bis ans Limit hochgerüstet. Wahre Rennraketen für das Wasser, an der Grenze der Beherrschbarkeit, mit geschützten Cockpits für die Segler in den Rümpfen. „Die Gefahr des Bruchs ist riesengroß“, sagt der Chefkonstrukteur von „Alinghi“, Rolf Vrolijk. Zudem präparieren sich auf beiden Seiten die besten Crews der Welt.
Im vergangenen Jahr ließen die Amerikaner als Erste ihren Prototyp vom Stapel, ein 27 mal 27 Meter großes Dreirumpfboot (Trimaran). Gerade gaben die Schweizer die Antwort mit ihrer 35 Meter langen und 25 Meter breiten Zweirumpfversion (Katamaran). Darauf ragt ein fünfzig Meter hoher Mast in die Höhe. Am vergangenen Samstag, dem Schweizer Nationalfeiertag, fuhr die neue Yacht, eine Karbon-Komposit-Konstruktion, den ersten längeren Schlag auf dem Wasser, quer über den Genfer See. Jetzt wird vor Genua auf dem Meer feste trainiert. Bertarelli sprach von einem einmaligen Projekt. „Für mich ist es nicht eine Frage des Geldes. Mein Ziel ist es, das beste Boot und die beste Technologie zu haben“, sagte er.
„Alinghi“ derzeit im Vorteil
Es scheint, als wäre „Alinghi“ derzeit im Vorteil. In der vergangenen Woche entschied das Gericht im Sinne der Schweizer und brachte die Segelwelt zum Staunen. Der Einspruch der Amerikaner, ein Einsatz von Motoren an Bord entspreche auch dann nicht dem Reglement des Traditionswettbewerbs von 1851, wenn er nur indirekt den Antrieb unterstütze, wurde abgewiesen. So kann nun auf der „Alinghi 5“ mit einem Benzinmotor das Hydrauliksystem für die Winschen betrieben werden. Per Knopfdruck werden die mächtigen, bis zu 1000 Quadratmeter großen Segel gehisst und getrimmt. Am Mittwoch dann der nächste Knaller vom Titelträger aus Genf: Als Revier für das Rennen im kommenden Februar wurde das Gewässer vor dem nördlichsten der sieben Arabischen Emirate am Persischen Golf ausgewählt - Ras Al Khaimah, 90 Kilometer entfernt von Dubai.
Perfektes Wetter und großartige Segelbedingungen
Der Regattakurs wird jeweils 21 Seemeilen (knapp 39 Kilometer) gegen und dann zurück mit dem Wind verlaufen. „Dieser Austragungsort garantiert perfektes Wetter und großartige Segelbedingungen“, heißt es von den Schweizern. Das bedeutet: Flachwasser ohne größere Wellenbildung, eine konstant über den Tag wehende Brise und warmes Wetter am Tag um die 20, 25 Grad. In Valencia oder woanders am Mittelmeer wären die Bedingungen im Winter zu instabil, Sturm und meterhohe Dünung, wie es öfters vorkommen kann, sind Gift für die Rennmaschinen. Außerdem ist zu hören, dass der ansässige Scheich gerne die global wirkende Veranstaltung in dem aufstrebenden Emirat beherbergt und einiges bis hin zur künstlichen Insel zur Verfügung stellt.
Aber ziehen die Amerikaner mit? Sie zeigten sich gestern nicht einverstanden, erwartet wird ihr Einspruch beim nächsten Hearing vor Gericht am kommenden Montag. Denn das neue Revier ist sehr auf die Fahreigenschaften des Zweirümpfers von „Alinghi“ ausgerichtet. Ellisons Leute werden anführen, dass nach Stiftungsurkunde ein Cup im nördlichen Winterhalbjahr nur auf der südlichen Welthalbkugel (und umgekehrt) ausgetragen werden kann. Ein Richter hatte das allerdings schon relativiert. Es bleibt die Skepsis, ob es wirklich vorangeht beim America's Cup oder weiterer juristischer Streit die Hoffnungen zerstört. Vielleicht nehmen die Amerikaner doch an und zaubern noch ein neues, modifiziertes Boot hervor. Die Mittel dafür haben sie. Und auch ihre Spione waren in der Werft der Schweizer, bis sie in flagranti erwischt wurden.