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Alternative Sportmedizin Von Wunderheilern und Druiden

01.04.2008 ·  Heilende Hände? Oder Einbildung? Viele verletzte Fußballprofis setzen auf bisweilen obskure Behandlungsmethoden. Sie lassen sich Formkrisen wegpendeln oder Muskelfaserrisse von hellsichtigen Mentaltrainern kurieren.

Von Michael Wittershagen
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Es passiert immer am Morgen vor einem Spieltag. Dieter Trzolek macht es sich in seinem kleinen Behandlungsraum gemütlich, er breitet die Autogrammkarten der Spieler von Bayer Leverkusen auf dem Tisch aus und holt sein Messingpendel aus dem Schrank. Er ist dann ganz allein im Raum, niemand soll ihn ablenken, in seiner Konzentration stören. „Ich kann mit dem Pendel den Energiefluss der Spieler kontrollieren.“

Der Mann spricht ohne Witz in der Stimme, Dieter Trzolek ist überzeugt von dem, was er macht: Vorhersagen treffen. Der 1. Dezember des vergangenen Jahres soll so ein Tag gewesen sein. Über dem Bild von Carsten Ramelow, dem großen Blonden aus dem Leverkusener Mittelfeld, sei der Ausschlag des Pendels besonders stark gewesen. Also ist Trzolek zu Ramelow gegangen, hat ihm auf die Schulter gehauen und gesagt: „Carsten, heute ist dein Tag.“ Wenige Stunden später hat Ramelow getroffen. Es war die 31. Spielminute, ein satter Rechtsschuss. Es war das erste und einzige Tor von Ramelow in der laufenden Saison der Fußball-Bundesliga. Wahrsagung? Einbildung? Oder einfach nur Glück?

Informationen vom Körper

Trzolek, ein hagerer Mann mit wenigen Haaren auf dem Kopf, ist Physiotherapeut und Heilpraktiker, er leitet die medizinische Abteilung von Bayer Leverkusen und geht oftmals eben nicht den klassischen Weg. Auch wenn es um Verletzungen geht. Man könnte ihn als einen Pionier auf einem Gebiet bezeichnen, das viele nicht verstehen können und einige nicht erklären wollen. Seit einiger Zeit hört man von immer mehr Männern, die durch alternative Heilungsmethoden von sich reden machen. Nur geht es dabei nicht nur um Fußpilz. Es geht um Magenerkrankungen, Bandscheibenvorfälle oder Kreuzbandrisse.

Diese Männer, die sich selbst als „Heiler“ bezeichnen, bleiben gerne unerkannt, sie reden nicht viel über sich und ihre Arbeit. Sie sagen, dass sie ja ohnehin nur kritisiert werden, dass an ihren Methoden gezweifelt werde. So wie Tim Meyer, der Arzt der Nationalmannschaft, das macht: „Ein Beleg der Wirksamkeit muss geführt werden können. Aber das meiden ja viele von ihnen wie der Teufel das Weihwasser.“ Diese „Heiler“ sollten einfach nicht immer behaupten, dass sie auf der Basis nicht nachvollziehbarer Mechanismen arbeiten.

Muskelfaserriss in 24 Stunden geheilt

Aber wie sollen solch vermeintliche Behandlungserfolge auch gedeutet werden? Die von Holger Fischer etwa. Der Fünfundvierzigjährige hat mal als Tennislehrer gearbeitet, bis er irgendwie gemerkt habe, dass er „hellsichtig“ sei. Seitdem arbeitet er als Mentalcoach, zu seinen Klienten zählen oder zählten unter anderem Bundesligaspieler wie Andreas Görlitz, Patrick Owomoyela oder Mike Hanke. Die Geschichten, die Fischer erzählt, verblüffen. Er sagt, dass er Regenerationszeiten verringern und die Selbstheilungsprozesse im Körper aktivieren könne. Einen Muskelfaserriss will er so in 24 Stunden geheilt haben, nach einem Wadenbeinbruch soll ein Spieler nach 19 Tagen wieder aufgelaufen sein, ein anderer brauchte angeblich nur zwei Wochen, um sich von einem doppelten Bänderriss zu erholen.

Bei der Frage, wie dies funktionieren könne, ist auch Fischer für einen Moment ratlos. Er habe sich das auch selbst schon oft gefragt, sagt er dann. Und dass er noch keine Antwort kennt. Dann versucht er sich doch in einer Erklärung. Vom Körper bekomme er „entsprechende Informationen, wo ich wann, was und wie zu tun habe“. Man kann sich das irgendwie schwer vorstellen.

Backpulver gegen Fußpilz

Auch Dieter Trzolek hat in den vergangenen Jahren viele Skeptiker sprechen gehört, Zweifler, die einfach nicht an das glauben wollen, was er möglicherweise beherrscht. Die Spieler nennen ihn „Druide“, „Hexenmann“ oder „Wunderheiler“. Der Sechzigjährige hört so etwas gar nicht gern, es klingt ihm viel zu sehr nach Zauberei, nach Dingen, die niemand erklären kann.

Dabei sagt Trzolek, dass er das, was er macht, schon seit beinahe dreißig Jahren in dieser Form praktiziert. So bekämpft er Fußpilz mit Backpulver, gegen Muskelkater soll eine Flasche Bier helfen. Und einen Apfel, in dem über Nacht sechs Nägel steckten, gibt Trzolek jenen Spielern, die an Eisenmangel leiden. Im Vergleich zu anderen Leiden klingt dies indes ausgesprochen harmlos.

Ob Schlaghand, Bänderriss oder Bandscheibenvorfall

So war am 27. Oktober 2007 bei einem Zusammenprall Markus Miller, dem Torwart des Karlsruher SC, im Spiel gegen Hansa Rostock das hintere Kreuzband gerissen. Von einer Operation war zunächst die Rede, auch von einer mehrmonatigen Pause. Aber schon 82 Tage später stand Miller in einem Privatspiel wieder auf dem Platz, und 98 Tage nach seiner Verletzung lief er wieder in der Bundesliga auf und gehört nun in der Rückrunde zu den Auffälligsten seiner Zunft. Was war in der Zwischenzeit passiert?

Miller lacht, er hat diese Fragen oft gehört in den vergangenen Wochen. Auch von seinen Kollegen. „Die waren richtig verblüfft“, sagt der Fünfundzwanzigjährige. Dann hat er es ihnen erklärt: Miller ist in die Praxis von Mohamed Khalifa nach Hallein in Österreich gefahren. Dort, einige Kilometer von Salzburg entfernt, hat er sich eineinhalb Stunden vom Ägypter, der sich selbst Heilmasseur nennt, behandeln lassen. Das Ergebnis muss außergewöhnlich gewesen sein: „Ich bin vorher gehumpelt und konnte danach - also unmittelbar nach der Behandlung - wieder joggen“, sagt Miller.

„Heilen statt reparieren“

Vor ihm sollen sich schon einige andere Sportler in die heilenden Hände von Khalifa begeben haben: Boris Becker mit Problemen in der Schlaghand; Roger Federer mit einem Bänderriss im rechten Sprunggelenk; Franziska van Almsick mit einem Bandscheibenvorfall. Mohamed Khalifa selbst spricht nicht darüber, seiner Homepage sind solche Details zu entnehmen. Und einem Buch, das er gemeinsam mit einem Journalisten über seine Arbeit geschrieben hat. Auch Markus Miller hat das Buch mit dem Titel „Heilen statt reparieren“ gelesen.

Jetzt will der Fünfundzwanzigjährige gar nicht mehr an das denken, was passiert ist. Er spielt einfach weiter, hat zwar nur noch ein Kreuzband im rechten Knie, aber er fühlt sich gut damit. „Ich habe nahezu keine Probleme mehr.“ Ob er denn von einer Wunderheilung sprechen würde? Marcus Miller überlegt einen Augenblick. „Nee, das ist keine Wunderheilung“, sagt er dann. „Das sind im Prinzip natürliche physikalische Gesetze, die die Zellen wieder miteinander kommunizieren lassen.“ Offenbar weiß er selbst nicht, was Khalifa mit ihm gemacht hat.

Klangwellentherapie und Akupunktur

Am Starnberger See arbeitet Kurt Schweinberger, ein gelernter Heilpraktiker und Physiotherapeut. Er selbst nennt sich zudem einen Bioenergetiker. Bei der Nationalmannschaft hat er sich schon um Michael Ballack, Torsten Frings und Miroslav Klose gekümmert, für Werder Bremen ist er hin und wieder auf Honorarbasis tätig. Was er macht, kann man sich nur schwer vorstellen, und Schweinberger selbst will sich zu seiner Arbeit öffentlich überhaupt nicht mehr äußern. Die Leute wollten ihn einfach nicht verstehen und redeten vieles schlecht, sagt eine seiner Mitarbeiterinnen am Telefon. Mehr nicht.

Deshalb ist nur so viel klar: Es sollen unter anderem Klangwellentherapie und Akupunktur sein, mit denen Schweinberger seine Patienten behandelt. Auf diese Weise wollte er während der Weltmeisterschaft 2006 etwa die verletzte Wade von Michael Ballack heilen. Aber nicht nur das. Schweinberger misst auch die Schwingungen des Körpers und versetzt danach mit Hilfe von Elektroden Wasser in ebenjene Schwingungen, die zuvor gemessen wurden. Dieses soll dann getrunken und der Körper so in ein Gleichgewicht gebracht werden.

Mut und Kraft zurückgekehrt

Aus dem Gleichgewicht war auch mal Mike Hanke geraten. Eine Entzündung der Patellasehne plagte den Nationalstürmer, die Schulmedizin wusste irgendwann keinen Rat mehr. Dann ist Hanke zu Mentaltrainer Fischer gefahren, die beiden haben sich lange unterhalten. Irgendwann sollen die Verletzung dann verschwunden und Mut und Kraft zurückgekehrt sein. Fischer redet gern über den Hannoveraner, er sagt: „Es ist seine erste Saison bislang ohne Verletzungen. Mike hat in dieser Saison so viele Tore geschossen wie noch nie.“

Glaube ist offenbar nicht alles - aber doch zumindest sehr viel. Genauso ist wohl auch das zu verstehen, was Dieter Trzolek in der Winterpause angestellt hat. Wieder hat er sich mit dem Pendel in seine Kabine zurückgezogen, um zu bestimmen, auf welchem Tabellenplatz die Mannschaft am Ende der Saison in der Fußball-Bundesliga stehen wird. Es soll einer unter den ersten drei sein.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.03.2008, Nr. 13 / Seite 20
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Jahrgang 1981, Sportredakteur.

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