11.10.2008 · Stefan Donner ist Rollstuhl-Basketballtrainer. Im Frühsommer nimmt er den Auftrag an, die Nationalmannschaft Guineas zu trainieren. Abseits der Weltöffentlichkeit steht das Land Tage später am Rande des Bürgerkriegs. An Basketball ist nicht mehr zu denken - nur ans Überleben.
Von Sebastian PriggemeierMonsieur Viallo ist ein guter Mann. So pünktlich, zuverlässig und hilfsbereit. Stefan Donner hätte dem Chauffeur wahrscheinlich sogar sein Leben anvertraut - einfach, um möglichst schnell rauszukommen aus diesem Land, in dem auf Menschen geschossen wird. Er hätte jeden einzelnen Cent in seinen Taschen an die Wachmänner verschenkt, wäre zu Monsieur Viallo in die Limousine gestiegen und mit ihm davongebraust in Richtung Senegal.
Nur raus aus Guinea. Raus aus dem Bürgerkrieg. Dass der Landweg in die Freiheit genauso gut in den Tod führen könnte, wurde Stefan Donner erst nach einem Telefonat mit dem deutschen Botschafter in der Hauptstadt Conakry klar. Letztlich gelangte der Hesse auf dem Luftweg in Sicherheit. Seine „Jungs“ musste Donner in Afrika zurücklassen. Der Mann aus Lahnau bei Gießen hatte den Auftrag, in Guinea Rollstuhlbasketballspieler auszubilden.
Kurs Frankfurt-Brüssel-Conakry
Donner ist querschnittgelähmt. Man könnte sagen, er ist an den Rollstuhl gefesselt. Aber das Bild passt nicht, denn der Rollstuhl scheint Donner längst nicht mehr zu behindern. Im Gegenteil. Nach seiner Lähmung in Folge eines Motorradunfalls im Jahr 1983 hat er sich eine respektable Sportkarriere aufgebaut. Als Rollstuhlbasketballspieler erreichte er den vierten Platz bei den Paralympics in Seoul und die deutsche Meisterschaft. Als Trainer holte er 2002 den Europapokal.
Heute trainiert der 48 Jahre alte Donner den Bundesligaverein RSC Frankfurt, mit dem er in der neuen Saison national und international antreten wird. Auf dem Basketballfeld hat er alles erlebt. Fast alles, wie sich im Frühsommer in Westafrika zeigen sollte. Für den ungewöhnlichen Entwicklungshilfeeinsatz im Auftrag des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) qualifizierte sich Donner durch seine guten Kenntnisse in Französisch, der Amtssprache Guineas. Die Idee begeisterte ihn. Im Mai startete schließlich eine Air-France-Maschine mit Kurs Frankfurt-Brüssel-Conakry. An Bord: eine Rollstuhlbasketball-Grundausstattung im Wert von 30.000 Euro und Donner, der Entwicklungshelfer aus Leidenschaft.
Mit Flip-Flops an den Händen durch den Staub
Guinea, ehemals eine französische Kolonie im Nordwesten Afrikas, ist alles, nur kein Safari-Paradies für europäische Touristen. Die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes lesen sich wie Urlaubsgrüße aus einem Schurkenstaat: „Reisende müssen sich auf Schikanen durch Zoll, Militär oder Polizei einstellen. Die Lage in Conakry ist instabil und tendenziell gefährlich. Flugreisende sollten dafür sorgen, dass sie am Flughafen abgeholt werden.“
Donner wurde abgeholt. Allerdings war das Empfangskomitee nicht darauf vorbereitet, dass er selbst im Rollstuhl sitzt. „Niemand hat verstanden, dass ich nicht laufen kann. Es gibt dort praktisch keine Rollstuhlfahrer“, sagt Donner. Rollstühle sind für afrikanische Behinderte nahezu unbezahlbar. Stattdessen bewegen sich viele Gelähmte kriechend fort, so gut es eben geht. Sie schützen ihre Handflächen mit Schuhen oder Flip-Flops und ziehen sich durch das staubige, teils lebensbedrohliche Verkehrs-Chaos, vor dem das Auswärtige Amt warnt: „Die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel ist wegen des technischen Zustands der Fahrzeuge nicht ohne Risiken. Schwere Unfälle sind häufig.“
An der Straße nach Conakry liegen tote Menschen
Donner musste auf der Fahrt zum Hotel die Hecktür des Geländewagens an sich ziehen, damit sie nicht aufsprang. Was er beim Blick aus dem Fenster sah, war erschütternd. Auf deutschen Autobahnen liegen hier und da überfahrene Tiere, am Rand der Schnellstraße Richtung Conakry lagen tote Menschen.
Nach diesen furchtbaren Eindrücken brauchte Donner eine mehrtägige Auszeit, um im feuchtheißen Klima neue Kräfte zu sammeln. Schließlich hatte er eine sportliche Aufgabe zu erfüllen. Und zwar eine überaus knifflige, wie sich herausstellte. Den Kursteilnehmern fehlten selbst Grundkenntnisse, „und die Sporthalle würde in Deutschland gerade noch als Lagerhalle für einen Schrottplatz durchgehen“.
Mitnehmen kann Donner niemanden
Sportlich habe er „nicht bei null, sondern bei minus eins“ anfangen müssen. Dribbeln, Passen, einfache Würfe, mehr war den Spielern im Alter von 18 bis 45 Jahren nicht zu vermitteln. Nicht unter diesen Umständen. Nicht mit 30 Kilogramm schweren Rollstühlen ohne Luft in den Reifen. Nicht in dieser Hitze.
So oft Donner seine Erinnerungen ordnet, die Spieler sind „seine Jungs“, und sie werden es bleiben. Zwei von ihnen hätten das Potential gehabt, in der deutschen Bundesliga zu spielen. Mitnehmen konnte Donner niemanden. Weder Traoreh mit dem muskulösen Oberkörper noch den 18-Jährigen mit dem außergewöhnlichen Talent, den Donner nur petit frère nannte, kleiner Bruder.
Plötzlich ist Krieg
Ein Onkel des petit frère lebt in den Vereinigten Staaten, womöglich verlässt er irgendwann seine Heimat. Um ihm den Weg zu erleichtern, hat Donner dem jungen Mann seinen Sportrollstuhl geschenkt. Ein Gerät also, das gut und gerne 5000 Euro wert ist. Der durchschnittliche Monatslohn eines Guineers liegt bei 30 Euro.
Dass Geld in manchen Situationen zu Altpapier und Metall wird, lernte der Deutsche in der dritten Woche seines Aufenthalts. Er saß gerade mit einer Cola am Hotelpool. „Und plötzlich war Krieg.“ Echte Maschinengewehre hatte Donner noch nie gehört. Seit diesem Tag im Mai wird er sie nicht mehr vergessen. Selbst Mohammed, der Wachmann des Hotels, wurde nervös. Monsieur Viallo, der Chauffeur, kam nicht mehr. Was war passiert?
„Herr Donner, es geht ums Überleben“
Das Auswärtige Amt informierte: Nach der Ernennung des neuen Premierministers A. T. Souaré haben Soldaten in Conakry gemeutert, bis die Regierung ihre Forderungen erfüllte. Mitte Juni traten dann auch Polizisten und Zöllner in einen Streik. Bei Kämpfen zwischen Armeeteilen und der Polizei wurden zahlreiche Menschen getötet. Eine Staatskrise.
Von Tag zu Tag saßen weniger Menschen an den Frühstückstischen des Hotels, und auch Donner ging im Kopf Wege durch, außer Landes zu kommen. Im Fischerboot nach Freetown? Mit dem Auto nach Senegal? Es war der deutsche Botschafter, der diese Hirngespinste unmissverständlich auflöste: „Herr Donner, es geht ums Überleben. Verlassen Sie auf keinen Fall das Hotel.“ Also wartete der Hesse. So wie der riesige Geier, der Tag für Tag über der Tür des Hotelzimmers hockte, als sei demnächst mit Beute zu rechnen. Donner ignorierte den Aasfresser.
Die Vorstellung, in einer Holzkiste übergeben zu werden
Angst ist schwieriger zu ignorieren. Nicht die Angst um das eigene Leben. Eher die Vorstellung, den Angehörigen „in einer Holzkiste“ übergeben zu werden, wie er sagt. Ein weiterer Anruf des Botschafters riss ihn aus der Lethargie: „Packen Sie alles zusammen, und kommen Sie innerhalb von zwanzig Minuten zum Flughafen.“ Der Coach verschenkte sein Geld und sein Handy, in der Hoffnung, bald in Europa zu sein, und eilte zum Flughafen. Dort angelangt hieß es, die Air-France-Maschine sei voll. Da stand er nun, ohne Geld, ohne Hotelzimmer und ohne Handy - sprachlos im Bürgerkrieg.
Wieder rettete der Botschafter Donner aus der Situation. Den Rest erledigte die Regierung, die sich mit dem Militär einigte. Der Putsch war beendet, dafür begann die Regenzeit, und an ein regelmäßiges Training in der undichten Halle war nicht mehr zu denken. Bruxelles Airways brachte den Trainer in die Heimat - in Sicherheit. Fest steht: Donner möchte zurückkehren nach Guinea, zu seinen Jungs. Er hofft, dass ein Folgekurs eingerichtet wird, um die Sportler auf die Paralympics 2012 vorzubereiten. Ja, beim nächsten Mal wird er selbst besser vorbereitet sein. Vielleicht wartet ja Monsieur Viallo am Flughafen.