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Alberto Contador Angriff auf leisen Sohlen

 ·  Die Spanier packen Alberto Contador in Watte. Der zwei Jahre lang gesperrte Radprofi und Doping-Sünder gilt als einer der Favoriten bei der bevorstehenden Spanien-Rundfahrt.

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© dapd Immer ein wenig melancholisch: Alberto Contador

Bjarne Riis soll im Frühjahr unter Depressionen gelitten haben. Der dänische Teamchef von Saxo Bank kam nicht darüber hinweg, dass sein spanischer Star-Radprofi Alberto Contador eine zweijährige Doping-Sperre verbüßen musste, dass die World-Tour-Lizenz in Gefahr war und die Sponsoren wegliefen. „Ich war ganz unten und in der Nähe eines völligen Zusammenbruchs“, sagte Riis Anfang Juli einem dänischen Fernsehsender. „Ich verbrachte den ganzen Tag im Bett, mit geschlossenen Vorhängen, weil es unmöglich war, diese Entwicklungen zu begreifen.“

Ganz so schlimm wurde es dann doch nicht. Die Lizenz ist noch da. Mit der Tinkoff Bank wurde ein neuer Ko-Sponsor gefunden. Und während Riis im Bett lag, trainierte der gesperrte Doping-Sünder eisenhart für sein Comeback.

Heute, beim Start der dreiwöchigen Spanien-Rundfahrt in Pamplona, gilt der stille Mann aus Pinto bei Madrid als Mitfavorit. Die Spannung ist groß, denn alle Welt erwartet einen Zweikampf zwischen Contador und Christopher Froome (Sky ProCycling), dem diesjährigen Tourzweiten und britischen Bronzemedaillengewinner im olympischen Zeitfahren. Teamchef Bjarne Riis klingt kämpferisch: „Alberto Contador ist bereit, die letzte große Rundfahrt der Saison zu gewinnen. Wir haben ein Team zusammengestellt, das ihn sowohl in den Bergen als auch im Flachen unterstützen kann.“

Contador selbst wirkt ernst, entschlossen und einen Hauch melancholisch, also eigentlich wie immer. Er hat ein paar Interviews gegeben, aber es wohl klüger gefunden, leise aufzutreten. Anfang Februar hatte der Internationale Sportgerichtshof (Cas) sein Urteil gesprochen. Das zweijährige Startverbot für Contador wegen Dopings galt rückwirkend vom 21. Juli 2010 an, dem Tag, an dem die Doping-Kontrolleure während der Tour de France minimale Spuren des Rindermastmittels Clenbuterol in seinem Blut fanden.

Inzwischen Vegetarier

Die Behauptung, er habe ein verseuchtes Stück Rindfleisch gegessen, stand von Anfang an auf schwachen Füßen. Die Herkunft des Steaks ließ sich nicht klären, auch kein böser Metzger wurde abgeführt. Contadors Triumph bei der Tour de France 2010, der Giro-Sieg 2011, sämtliche Erfolge und alle errungenen Punkte wurden annulliert.

Diskret hatte sich der zweimalige Toursieger vergangene Woche wieder in den Wettkampfalltag eingefädelt, als er bei der Eneco Tour an den Start ging und den vierten Platz belegte. Die Unschuldsbehauptung erhält er natürlich aufrecht. „Ich will keine Rache“, sagte er in den Niederlanden. Er wolle nur als Radprofi wieder glücklich sein.

In der rennfreien Zeit fuhr er mehrere Etappen der kommenden Vuelta ab. Auf Witze über seinen Speisezettel reagiert er nicht. Er sei Vegetarier geworden. „Ich werde die letzten sechs Monate niemals vergessen“, sagte Contador vor dem Start der Benelux-Rundfahrt. „Glücklicherweise konnte ich mich immer auf meine Freunde und meine Familie verlassen. Eines habe ich in dieser schwierigen Zeit gelernt. Radsport ist ein Teil des Lebens, aber er ist nicht das Leben.“

Auch die spanischen Medien blasen aus Anlass seines Comebacks nicht in die Trompete; sie können ja nicht so tun, als sei nichts geschehen. Die vorherrschende Strategie ist, den moralischen Sturz des Idols mit aufmunternden Formulierungen zu wattieren, nicht zu nah heranzutreten und Respekt vor der Entsagungsleistung seines Trainings zu zeigen. Sollte er gewinnen, wäre (fast) alles wieder gut, Contador hätte bewiesen, dass er - ob gedopt oder nicht - der Beste ist. Gern wird daran erinnert, dass er auch 2008, als er bei der Tour de France nicht erwünscht war, die Vuelta de España gewann, gewissermaßen aus Trotz. Der wahre Champion erweist sich im Gegenwind.

Die diesjährige Strecke sieht zehn Bergetappen vor, und gleich am dritten Tag geht es steil nach oben. Zum ersten Mal seit 1994 durchläuft die Spanien-Rundfahrt wieder Navarra, mit Startschuss für das Mannschaftszeitfahren in Pamplona, der Heimatstadt des fünfmaligen Toursiegers und unbeschmutzten spanischen Radsportmythos Miguel Indurain.

Der heute Achtundvierzigjährige genießt in den Medien wieder Aufmerksamkeit, vielleicht auch, weil es leichter ist, sich an den Erfolgen von damals zu wärmen als an einer Gegenwart, in der viele Spitzenfahrer mit Doping-Vorwürfen zu kämpfen haben. Indurain unterzog sich 2010 wissenschaftlichen Fitnesstests, die inzwischen ausgewertet und veröffentlicht sind, berichtet „El País“. Seine Sauerstoffwerte seien noch heute höher als die vieler aktiver Fahrer. Schade, dass er bei der Vuelta nicht antreten kann.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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