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Albert-Ludwigs-Universität : Plagiatsaffäre in der Freiburger Sportmedizin

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Die Freiburger Sportmedizin rückt nach dem Doping-Skandal nun wegen einer Plagiats-Affäre in den Mittelpunkt Bild: dpa

Die Freiburger Sportmedizin rückt nach dem Doping-Skandal wegen einer Plagiatsaffäre in den Mittelpunkt. Zwei wissenschaftliche Arbeiten sind nach einem Vergleich durch die F.A.Z. in großen Teilen identisch - und brachten den Autoren Promotion und Habilitation.

          Die Freiburger Sportmedizin rückt nach dem Doping-Skandal nun wegen einer Plagiatsaffäre in den Mittelpunkt. Das hat der Vergleich zweier wissenschaftlicher Arbeiten ergeben, die in der Abteilung für Sportmedizin der Albert-Ludwigs-Universität geschrieben worden sind. Demnach sind rund 40 Seiten beider Arbeiten nahezu inhaltlich identisch. Ein Vergleich der 1983 in Freiburg vorgelegten Untersuchungen durch die Frankfurter Allgemeine Zeitung ergab eine wortwörtliche Übereinstimmung großer Passagen.

          Auch verschiedene Tabellen, Abbildungen und Berechnungen gleichen sich in Form und Inhalt. Die F.A.Z. ist in Besitz von Kopien der etwa 60 und 140 Seiten starken Dokumente, die wir am Dienstag dieser Woche in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt eingesehen haben. Auch die in einer Arbeit angegebene Zahl der Probanden sowie ihre Daten tauchen in der anderen auf. Für die Anfertigungen erhielten die Autoren akademische Auszeichnungen: eine Promotion und eine Habilitation.

          Die Universität hat am Montag ein Verfahren eingeleitet, wie ein Sprecher am Mittwoch bestätigte: Demnach ist Rektor Hans-Jochen Schiewer am vergangenen Freitag durch die von der Uni eingesetzte „Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin“ auf „Übereinstimmungen“ in wissenschaftlichen Arbeiten hingewiesen worden. Das Gremium überprüft die Forschung des Institutes und versucht Doping-Verflechtungen in der Vergangenheit zu klären.

          „Wir müssen klären, wer vielleicht von wem abgeschrieben hat“

          Die Uni überprüfte die Angaben am Wochenende und fand laut eigener Darstellung eine weitere Dissertation, die Auffälligkeiten zeigte. „Jetzt muss das genau geprüft werden und wir müssen klären, wer vielleicht von wem abgeschrieben hat“, sagte der Universitäts-Sprecher. Verstöße wie etwa die Übernahme von fremden Leistungen ohne Quellenhinweis würden „rigoros“ geahndet. Die Namen der betroffenen Wissenschaftler wollte der Sprecher nicht nennen. Sie sind von der Universität zu einer schriftlichen Stellungnahme aufgefordert worden.

          Nach Recherchen der F.A.Z. ist der Leiter der Abteilung Sportmedizin des Universitätsklinikums, Professor Dr. Hans-Hermann Dickhuth, Autor der nun in Frage gestellten Habilitation. Dickhuth, dessen Sekretariat den Eingang einer E-Mail am Dienstag mit zwölf Fragen zu seiner Arbeit bestätigte, nahm bis Dienstagabend nicht Stellung. Wir hatten Prof. Dickhuth unter anderem gefragt, ob er große Teile seiner Habilitationsschrift aus der Doktorarbeit übernommen habe, ob er sich des identischen Inhalts über weite Strecke bewusst sei und wie er sich diese Fakten erkläre.

          Plagiate können zu verschiedenen Konsequenzen führen

          Auch die Frage, ob vielleicht große Teile seiner Habilitationsschrift in die Doktorarbeit übernommen worden sein könnten, wurde bislang nicht beantwortet. Auffällig in der Habilitationsschrift sind nicht nur die identischen Passagen, sondern auch ein aktuelleres Literaturverzeichnis als das der Dissertation. Ein Hinweis auf die Promotionsarbeit als Quelle fehlt. Dagegen wird auf Dickhuths Forschungsprojekt in der Dissertation hingewiesen, es fehlt aber der konkrete Titel der Arbeit. Ob die Habilitationsschrift zum Abgabezeitpunkt der Doktorarbeit noch nicht fertiggestellt war, wissen wir nicht. Die Universität gab am Mittwoch an, sich über die zeitliche Abfolge noch nicht sicher zu sein.

          Was unter einem Plagiat in der wissenschaftlichen Arbeit zu verstehen ist, formulierte Prof. em. Dr. Rainer Wahl, Ombudsmann des Untersuchungsausschusses über Redlichkeit in der Wissenschaft, in einem Interview für den Internetauftritt der Universität: „wann immer etwas wörtlich geschrieben steht und nicht vermerkt wurde, dass es von jemand anderem stammt“. Plagiate können zu akademischen, beamtenrechtlichen, zivil- und strafrechtlichen Konsequenzen führen.

          Ära Freiburg als Zentrale der deutschen Sportmedizin endet

          Dickhuth wurde nach dem Tod von Professor Joseph Keul (im Juli 2000) neuer Leiter der Abteilung Sportmedizin. Vor fünf Jahren stand die Einrichtung im Mittelpunkt des Doping-Skandals unter anderem um die Radprofis des Teams Telekom sowie Mitglieder der Juniorenauswahl des Bundes Deutscher Radfahrer. Nach Geständnissen einiger Athleten mussten die Ärzte Lothar Heinrich, Andreas Schmid und Georg Huber die Einrichtung verlassen. Damit endete die Ära Freiburg als Zentrale der deutschen Sportmedizin.

          Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte das Institut in Westdeutschland großes Renommee erworben und dabei nach außen hin den Eindruck erweckt, gegen jegliche Form von Manipulation zu sein. Keul gerierte sich als Anti-Doping-Kämpfer. Aussagen ehemaliger Sportler und Trainer in der jüngeren Vergangenheit deuten darauf hin, dass Ärzte des Institutes nicht nur Mitgliedern des Teams Telekoms beim Dopen halfen. Dickhuth, so das Ergebnis einer eigens eingerichteten Kommission zur Aufarbeitung dieser Vergangenheit, wurde von jeglichem Verdacht, in das Doping-Netzwerk mancher Kollegen verflochten zu sein, freigesprochen.

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