17.04.2010 · Alba hat es unter die Besten Europas geschafft, am Wochenende spielen die Berliner das „Final Four“ des EuroCups. Dorthin kamen sie dank Trainer Luka Pavicevic. Er hat ein bewegtes Leben hinter sich - und ein Rendezvous mit dem Tod.
Von Michael Reinsch, BerlinDer Einzug in das „Final Four“, das europäische Finalturnier an diesem Wochenende in Vitoria, erscheint manchem Berliner Basketballfreund als so etwas wie die Olympiaqualifikation: Alba hat es unter die Besten Europas geschafft. Damit ist der Klub international so erfolgreich wie seit fünfzehn Jahren nicht mehr, als er den Korac-Pokal gewann. Allerdings spielt er in Spanien um den EuroCup. Das ist aller Ehren wert, aber nicht allererste Sahne.
Luka Pavicevic wäre der Letzte, der das bestritte. „Ich bin in Berlin für Kontinuität angetreten“, sagt der Trainer des Tabellenführers der Basketball-Bundesliga. „Wenn wir die Mannschaft der vergangenen Saison hätten beisammenhalten können und nicht nur ihren Kern, stünden wir jetzt im Final Four der EuroLeague.“
Da spricht das Selbstbewusstsein, mit dem Pavicevic früher großen Spielern wie Toni Kukoc und Dino Radja, Vlade Divac und Aleksandar Djorjevic Beine machte und mit dem er den Funktionären seines Verbandes und dem Schicksal die Stirn bot. Deshalb lamentiert er auch nicht über das mögliche Fehlen seiner Berliner Profis Julius Jenkins (Gehirnerschütterung), Blagota Sekulic (Fußverletzung) und Derrick Byars (Rückenbeschwerden).
„Er spielte in einer unfassbar talentierten Mannschaft“
Pavicevic ist mit den höchsten Ansprüchen aufgewachsen. Als bester Nachwuchsspieler seines Landes galt er zu der Zeit, als Serbien und Montenegro, Bosnien und Hercegovina, Kroatien, Mazedonien und Slowenien sowie Kosovo und Vojvodina noch Jugoslawien bildeten. Im Nationalteam von Trainer Svetislav Pesic wurde er U-17- und U-19-Europameister und 1987 schließlich, im Endspiel gegen die Vereinigten Staaten, Weltmeister der Junioren.
Zwanzig amerikanische Colleges warben um ihn, als er 1985 mit dem jugoslawischen Team das Albert-Schweitzer-Turnier in Mannheim und ganz persönlich die Wertung als wertvollster Spieler gewonnen hatte. „Er spielte in einer unfassbar talentierten Mannschaft“, erinnert sich Henning Harnisch, der damals in der deutschen Auswahl dabei war. „Und Luka war ihr absoluter Chef.“ Fünfzehn Jahre später sitzen die beiden bei Alba auf der Bank; der eine ist Teammanager, der andere Trainer.
Das hätte sich Pavicevic mit 17 Jahren nicht träumen lassen. Da machte er Abitur und ging, viel zu jung, nach Utah; nicht, weil dort so gut Basketball gespielt worden wäre, sondern weil der Collegetrainer sich zu den Eltern nach Titograd bemühte; Titograd, das heute wieder Podgoriza heißt und die Hauptstadt von Montenegro ist. Die Eltern wollten, dass der Sohn wie sie eine akademische Bildung erhält. Zwei Lebensjahre verbrachte er in Amerika, absolvierte in der Zeit drei Schuljahre und verschenkte Zeit auf der Reservebank. „Die ganze Generation wuchs auf und ich stagnierte“, sagt er.
Vom Krankenbett in die erste Mannschaft von Split
Mit 19 kehrte der verlorene Sohn zu Cibona Zagreb zurück. Dann war er reif für den Gipfel: Drei Mal hintereinander, 1989 in München, 1990 in Saragossa und 1991 in Paris, gewann das von ihm gelenkte jugoslawische Meisterteam Jugoplastika Split das Final-Four-Turnier der Europaliga. Kein Team hat seitdem den europäischen Basketball derart dominiert, nicht einmal der achtmalige Champion Real Madrid.
Als der Wagen seines Vaters nachts von der Straße abkam und sich überschlug, wurde der Oberkörper des zwanzigjährigen Luka aus dem Fahrzeug geschleudert und über den Asphalt geschleift. Mit schweren Kopfverletzungen lag er drei Monate im Krankenhaus. Er habe ein Rendezvous mit dem Tod gehabt, nannte ein Arzt das glückliche Überleben des Basketballspielers. Als Pavicevic ins Training zurückkehrte, konnte er seine Hand immer noch nicht benutzen. Es verrät viel über seinen Ehrgeiz, dass er sich vom Krankenbett in die erste Mannschaft von Split kämpfte, das stärkste Team Europas. In der jugoslawischen Nationalmannschaft spielte Pavicevic nie eine Rolle. Basketballfunktionäre trugen ihm seinen Abstecher nach Amerika nach.
„Alba ist nicht einfach ein deutscher Klub“
Der Balkan-Krieg beendete die glücklichen Tage am Mittelmeer. Kukoc, Radja und Zan Tabak verließen Split und machten ihr Glück in der NBA. Pavicevic verdingte sich bei der zweiten Garde der europäischen Klubs: in Israel, in Serbien, in Ungarn, Finnland und Frankreich. Als er gerade drei Jahre Erfahrung als Trainer hatte, bot ihm Alba Berlin 2007 die Führung seines Projekts Europa an. „Viele haben mich gefragt, warum ich eine Seitwärtsbewegung mache statt eines Karriereschritts“, sagt Pavicevic. „Aber ich wollte ein Programm anführen, das auf Siege aus ist.“
Die deutsche Nationalmannschaft und die Bundesliga verfolgt er, seit sein Mentor Pesic sich dort engagierte (1987), 1993 mit der Auswahl um Harnisch Europameister, mit Alba vier Mal deutscher Meister sowie Gewinner des Korac-Pokals wurde. Pesic dürfte keine geringe Rolle dabei gespielt haben, dass der ehrgeizigste Klub Deutschlands und der ehrgeizigste Trainer Europas sich fanden. „Alba ist nicht einfach ein deutscher Klub“, sagt Pavicevic. „Es ist die größte Herausforderung von allen und die Chance, mich selbst unter Druck zu setzen.“
„Die Bundesliga will nicht, dass ein Verein herausragt“
Im ersten Jahr wurde Pavicevic mit Alba Meister. Trotz verpasster Meisterschaft und verpasster Qualifikation für die erste Klasse Europas im zweiten hat Alba das Engagement des Trainers längst von drei auf fünf Jahre verlängert. „Ich will mein Konzept ausprobieren, wenn ein Jahr ans andere anschließt“, sagt er. Nicht nur die gelben Trikots von Alba erinnern an seinen alten Klub. „Jugoplastika war ein Prozess“, sagt er. „Ich war der einzige neue Spieler nach jahrelanger Entwicklung.“
Zusätzlich zu finanziellen Einschränkungen und damit dem Verlust von Spielern spürt Pavicevic wieder Mächte in der Kulisse. „Der Wal, der auftaucht, wird erschossen. Der, der unten bleibt, hat seine Ruhe“, sagt er. Und übersetzt dann bereitwillig: „Die Bundesliga will nicht, dass ein Verein herausragt.“ Wer Pavicevic auch nur ein bisschen kennt, weiß, dass ihn das nur herausfordert.