Home
http://www.faz.net/-gub-10dhq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Air&Style abgesagt „Dünne Luft in Deutschland für Jugendsport“

08.09.2008 ·  Die größte Snowboardveranstaltung der Welt ist von den Veranstaltern abgesagt worden. Air&Style-Organisator Andrew Hourmont kritisiert exklusiv bei FAZ.NET das Jugendmarketing in Deutschland, das dem internationalen Standard weit hinterherhinke.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Die größte Snowboardveranstaltung der Welt, das Air&Style-Springen am 29. November im Münchner Olympiastadion, ist von den Veranstaltern abgesagt worden. Exklusiv gegenüber FAZ.NET begründet Organisator Andrew Hourmont die Absage mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Nachdem Hauptsponsor Nokia kurzfristig abgesprungen war, habe sich kein Ersatz finden lassen.

Andrew Hourmont, 42 Jahre alt, stammt aus Wales, war zunächst Mitglied des britischen Ski-Nationalteams, dann Manager des Burton-Snowboard-Teams. 1994 veranstaltete er im Innsbrucker Bergisel-Stadion das erste „Air&Style“, das einen Snowboard-Sprungwettbewerb (Big Air) und Auftritte von Rockbands zu einem Lifestyle-Festival verband. 1999, bei der siebten Auflage der Veranstaltung, kam es in Innsbruck zu einer Massenpanik mit fünf Toten. Hourmont verlegte das „Air&Style“ nach Seefeld und schließlich 2005 ins Münchner Olympiastadion, wo im darauffolgenden Jahr rund 30.000 Zuschauer die spektakulärste Veranstaltung in der Geschichte des Snowboardens sahen.

Warum sagen Sie die wichtigste Veranstaltung im internationalen Snowboard-Kalender ab?

Das wirtschaftliche Risiko war für ein Unternehmen unserer Größenordnung nicht mehr zu verantworten. Einer unserer ganz großen Sponsoren ist im Juli überraschend abgesprungen und im Sommer, nach der Fußball-EM und während der Olympischen Spiele, war es nicht möglich, Ersatz zu finden. Die Qualität der Veranstaltung wäre nicht gesichert gewesen, und wir waren nicht bereit, die Qualität herunterzufahren.

Sie verlieren Ihren Hauptsponsor Nokia. Was bedeutet das für Ihren Etat?

Unser Etat beträgt etwas über zwei Millionen Euro. Fast ein Drittel davon ist weg gebrochen.

Wie kann es sein, dass die nach den amerikanischen X-Games wichtigste Jugend- und Szenesportveranstaltung nicht ausreichend Sponsoren aquirieren kann?

Das ist merkwürdig und unverständlich. Wir waren das absolute Highlight im Snowboardsport, die Nummer-1-Veranstaltung weltweit. Wir waren nicht auf die Szene beschränkt, wir hatten in Deutschland den Durchbruch zum ZDF geschafft, waren im Aktuellen Sportstudio. Der Erfolg war riesig, mehr konnten wir nicht erreichen. Aber das Sponsoring-Umfeld für das Jugendmarketing war in Deutschland schon immer nicht wirklich stark, jetzt kommt eine kleine Wirtschaftsdelle hinzu, und das reicht anscheinend, dass nichts mehr gemacht wird.

Wie geht es weiter mit dem Air&Style? Geht es überhaupt weiter?

In Deutschland geht viel Geld an der Zielgruppe vorbei in Bereiche, bei denen man sich fragt, wie will man damit eigentlich die Jugend erreichen? Es gibt andere Märkte, wo es besser funktioniert. In den Vereinigten Staaten zum Beispiel fließt mehr Geld als je zuvor in den Jugendsport, und da fragen wir uns natürlich schon, ob wir hier in Deutschland am richtigen Markt sitzen mit einer Idee wie dem Air&Style. Wir arbeiten schon länger an Projekten im Ausland, weil wir wussten, dass die Luft in Deutschland dünn ist für das Jugendmarketing. Letztlich liegen die Probleme im Sponsoringbereich, und da müssen sich die Unternehmen fragen, ob sie der Jugend das geben wollen, was sie wirklich will.

Das heißt, Sie orientieren sich in Richtung Vereinigte Staaten?

Wir sind in vielen Städten der Welt unterwegs und führen Gespräche, das schaut sehr positiv aus. Unsere Marke hat keine Krise, wir haben nur ein überraschendes Problem hier in Deutschland bekommen. Die Staaten sind interessant, Russland ist interessant, auch Asien ist ein Thema. In diesen Märkten ist viel Bewegung. Wir werden in Deutschland nur wieder arbeiten, wenn es möglich ist, einen längeren Sponsorenvertrag und damit eine wirtschaftliche Stabilität zu erreichen.

Mit der Absage bricht dem Snowboarden ein großer Zacken aus der Krone - ist das ein Rückschlag für den gesamten Snowboardsport?

Ich denke schon. Ich weiß nicht, wie es am restlichen Markt aussieht, aber ich glaube nicht, dass wir die einzigen sind, die von Konjunkturproblemen betroffen sein werden. Die Agenturen, mit denen man spricht, sind ja auch nicht gerade sehr beschäftigt. Wir haben immerhin noch die Veranstaltung in Innsbruck im Januar. Wir legen jetzt die Gelder auf diese Veranstaltung um und damit ist diese voll finanziert.

Innsbruck ist aber nur der kleine Bruder, nicht das Original.

Es ist ein Quarterpipe-Wettbewerb, den es letztes Jahr zum ersten mal gab, es ist nicht die Originaldisziplin, das ist richtig. Ich gehe aber davon, aus, dass wir im nächsten Jahr mit dem Original zurückkommen werden. Aber es ist ungewiss, ob das in Deutschland sein wird.

Das Gespräch führte Michael Eder

Quelle: FAZ.NET
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Stürmer in der Defensive

Von Michael Ashelm

Die Anforderungen an Angreifer haben sich stark verändert – und damit die Auswahl des Personals. Der Stürmertyp, der vorne wartet, bis er bedient wird, stirbt aus. Mehr 3 4