28.12.2006 · Der Tennis-Pensionär Andre Agassi spricht im F.A.Z.-Interview über ein privilegiertes Leben und unterprivilegierte Kinder. Mit seiner Frau spielt er höchstens für einen guten Zweck Doppel.
Von Stefan Liwocha, Las VegasDer Tennis-Pensionär Andre Agassi spricht im Interview mit der F.A.Z. über ein privilegiertes Leben und unterprivilegierte Kinder. Mit seiner Frau spielt er höchstens für einen guten Zweck Doppel. Agassi über Steffi Graf: „Sie ist für mein Leben ein großes Geschenk. Jeder Tag mit ihr ist für mich ein Segen.“
Im Magazin „Sports Illustrated“ ist zu lesen, daß Sie als Tennisspieler auf der Suche nach sich selbst waren. Haben Sie sich mittlerweile gefunden?
Ich verstehe mich hoffentlich jeden Tag etwas besser. So lange man Tennis spielt, ist es einfach, sich nur in diesem Licht zu sehen. Jetzt habe ich aber die Chance, endlich viele neue Dinge anzupacken. Ich habe viele Träume. Angefangen von meiner Familie, über die Stiftung für unterprivilegierte Kinder bis hin zu meinen geschäftlichen Aktivitäten. Ich glaube fest daran, daß man sich in den nächsten zwanzig Jahren nur schwer daran erinnern wird, daß ich einmal Tennis gespielt habe. Ich hoffe in Zukunft in verschiedener Art und Weise zu wirken und Menschen positiv beeinflussen zu können.
Wie sehr hat Stefanie Graf den Menschen Andre Agassi verändert?
Sie ist für mein Leben ein großes Geschenk. Jeder Tag mit ihr ist für mich ein Segen. Stefanie in der Familie zu haben ist einfach großartig und sie ist ein wunderbarer Mensch. Sehr hübsch dazu. Wir haben uns zum richtigen Zeitpunkt näher kennengelernt. Der Andre Agassi von vor 15 Jahren hätte wohl keine großen Chancen bei ihr gehabt. Zum Glück ändert man sich im Leben.
Bei Steffi Grafs Aufnahme in die Tennis-Ruhmeshalle 2004 haben Sie eine feinfühlige Lobesrede gehalten. Sind Sie beide das Traumpaar des Tennis?
Ich möchte nicht für Stefanie antworten. Für mich ist sie die beste Frau der Welt.
Anfang des Monats haben Sie wieder einmal für einen guten Zweck Doppel mit Ihrer Frau gespielt. Werden wir das Traumduo Agassi/Graf doch noch einmal im Mixed bei einem Grand Slam Turnier erleben?
Das ist gewiß keine dumme Idee und es würde mir jede Menge Spaß bereiten, mit Steffi anzutreten. Aber sie wollte ja noch nicht einmal mit mir spielen, als ich noch aktiv war. Ich will ihr nicht die Schuld daran geben: Wir hatten einen Mixed-Auftritt bei einem großen Turnier geplant und dann wurde sie schwanger. Nun haben wir beide unsere Karrieren beendet. Es ist dafür zwar nicht zu spät, aber ich sehe die Chance nur noch sehr gering an.
Konnten Sie die ersten Monate im Ruhestand bereits genießen?
Die Wochen nach meinem letzten Turnier in New York haben sich von den Jahren zuvor nicht groß unterschieden. Nach den US Open habe ich stets eine sportliche Auszeit genommen, um meine Wohltätigkeits-Gala „Grand Slam for children“ in Las Vegas vorzubereiten.
Mußten Sie nach dem emotionalen Höhenflug bei ihrem Abschied in New York nicht erst wieder zur Erde zurückkehren?
Sicher. Man muß dieses einmalige Erlebnis erst einmal aufsaugen und versuchen, alles zu erfassen. Mittlerweile habe ich meinen Abschied verarbeitet. Ich weiß aber nicht, ob das wahre Leben bereits tief in mir verankert ist. Es wird die Zeit kommen, in der mir die gewohnte Vorbereitung auf die neue Saison fehlt. Aber im Moment kann ich sagen, daß ich meinen inneren Frieden gefunden habe.
Machen Sie jetzt etwa Spaziergänge im Park?
Sie werden es nicht glauben: Las Vegas hat tatsächlich einige Parks. Aber natürlich sind die kein Vergleich zu denen in Deutschland mit den wunderschönen Bäumen. Dafür fehlt uns hier nun einmal der Regen. Zuletzt habe ich allerdings hart gearbeitet und bin extrem beschäftigt gewesen. Die letzten 20 Jahre als Tennisprofi waren für mich großartig. Aber ich denke, daß die kommenden 20 Jahre für mich noch mehr bringen werden.
Sie sind in Las Vegas durch Ihre Stiftung und die von Ihnen unterstützte Schule sozial sehr engagiert. Ist das Ihre Zukunft?
Wir wollen das Leben von unterprivilegierten Kindern beeinflussen und ihnen eine Chance geben. Mit anzusehen wie ein Kind, das nichts hat, plötzlich eine Chance erhält – das ist wunderbar und erstrebenswert. So ein Kinderleben verändert sich bereits durch kleinste Anstrengungen. Ich beobachte mit Freude, wie die Gemeinschaft hier in Nevada zusammenkommt und den Kindern eine Grundlage gibt, um die eigenen Chancen zu erkennen und eigene, sprich bessere Entscheidungen zu treffen.
In den Vereinigten Staaten gilt Wohltätigkeit als nobles Leitmotiv für Besserverdiener. Haben Sie sich daran orientiert?
Es bereitet mir große Freude, zu helfen. Es ist Inspiration und Ansporn zugleich, zu sehen, wie sich andere Menschen für dieses Projekt einsetzen und ebenfalls etwas zurückgeben. Ich bin Teil von etwas Großem. Die Schüler meiner College Preparatory Academy habe ich heranwachsen sehen. Die meisten sind hier seit der dritten Klasse. Mittlerweile wissen sie alle, wie man Universitätsbewerbungen ausfüllt. Sie alle haben eine konkrete Vorstellung von ihrer Zukunft und wir werden ihnen mit College-Stipendien helfen. Es werden bewegende Momente werden, wenn 2009 die erste Klasse ihren Abschluß feiert.
Aushängeschild und Einnahmequelle Nummer eins ihrer Stiftung ist die alljährliche Gala „Grand Slam for children“, bei der Sie im Oktober 8,6 Millionen Dollar gesammelt haben. Bekommen Sie Stars wie Barbra Streisand, Celine Dion und Phil Collins wirklich kostenlos auf die Bühne?
Ganz richtig. Die Stars treten wirklich ohne Gage auf. Sie spenden ihre Zeit und ihr musikalisches Können. Die ganze Veranstaltung ist finanziell abgesichert und bezahlt. Es ist ein gigantischer Abend und ich bin selbst überrascht, wer sich alles dafür in den vergangenen elf Jahren engagiert hat. Wir sammeln Millionen Dollar, und jeder Cent kommt den Kindern zugute. Die Gala hat geholfen, daß meine Akademie – immerhin ein 70-Millionen-Dollar-Projekt – fast fertiggestellt ist.