07.09.2010 · Mark Parsinen hat die Golfplatz-Architektur nicht gelernt. Und dennoch hat der Autodidakt Träume zwischen erstem Abschlag und Loch 18 wahr werden lassen. Parsinen hat einige der schönsten Kurse der Welt gebaut.
Von Wolfgang SchefflerManchmal dauert es Jahrzehnte bis man sich ganz seiner großen Liebe voll und ganz widmen kann - und die Leidenschaft sichtbare Früchte trägt. Im Fall von Mark Parsinen (61) und seiner Zuneigung zu Links Golf verdankt die Golfwelt der späten Blüte dieser Liaison zwei Plätze an der schottischen Ostküste, die zur absoluten Weltspitze zählen: die Kingsbarns Golf Links bei St. Andrews und Castle Stuart Golf Links in Inverness in den Highlands. Kingsbarns gehört schon zum festen Inventar der European Tour. Jedes Jahr ist dieser Platz einer der drei Austragungsorte der Dunhill Links Championship, die immer in der ersten Oktober-Woche stattfindet. In diesem Jahr war Kingsbarns auch erstmals einer der Plätze für das sogenannte „Local Final Qualifying“ für die British Open.
Obwohl Castle Stuart erst im Juli vorigen Jahres seine Abschläge öffnete, ist auch dieser Platz schon als Austragungsort eines Turniers der europäischen Tour im Gespräch. Noch findet die Scottish Open in Loch Lomond statt, doch die meisten Profis würden als Vorbereitung auf die British Open lieber auf einem Links Course statt auf einem Parkland Course spielen. Da bietet sich Castle Stuart geradezu an - zumal es von internationalen Golfmedien zum besten neuen Platz in der ganzen Welt gekürt wurde.
Aber der Reihe nach: Kingsbarns und Castle Stuart verbindet eine lange Liebesgeschichte. Mark Parsinen studierte in den sechziger Jahren ein paar Semester an der renommierten London School of Economics. Der begeisterte Golfer mit niedrigem einstelligen Handicap hatte selbstverständlich auch seine Golfschläger aus Amerika mit nach Großbritannien gebracht - und natürlich schwang er die Schläger auch während seiner Studienzeit.
Wie viele amerikanische Golftouristen machte er sich immer wieder auf den Weg in die Heimat des Sports, nach Schottland. Die Links Courses, jene Küstenplätze in der Dünenlandschaft, hatten es ihm angetan. Sie waren so ganz anders als die manikürten Spielwiesen in seiner Heimat, rau und ursprünglich - und sie erforderten ein kreatives Spiel, bei dem nicht nur der Luftweg ins Ziel führt.
Zeit fürs Hobby
Für Parsinen war die erste Begegnung mit den Ursprüngen des Sports Liebe auf den ersten Blick, einer Liebe, der er sich nur gelegentlich bei Reisen auf die britischen Inseln widmen konnte.
Golf war und blieb für Parsinen ein Hobb, die berufliche Karriere ging vor. Nach dem er das Studium an der Elite-Universität Stanford mit einem Master of Business Administration (MBA) abgeschlossen hatte, leitete er das kalifornische Büro der Unternehmensberatung Boston Consulting Group in San Francisco. Kurz vor seiner Ernennung zum CEO kündigte er und gründete im kalifornischen Silicon Valley eine Computerfirma, die zeitweise den schnellsten Rechner der Welt baute.
Er brachte die Firma an die Börse. Parsinen hatte damit finanziell ausgesorgt - Zeit, sich ganz seinem Hobby Golf zu verschreiben. 1990 entdeckte er nahe seines Wohnortes Sacramento ein Stück Land, das ihm für einen klassischen Golfplatz geeignet schien. Beim Bau von Granite Bay lernte er Kyle Philipps kennen, der damals als Architekt für Robert Trent Jones jun. arbeitete - für beide eine schicksalhafte Begegnung.
Philipps erzählte Parsinen von einem herrlichen Küstenstreifen im Kingdom of Fife nahe des Golfmekkas St. Andrews - dem sogenannten „Home of Golf“.
Der nächste Streich
Parsinen sah beim ersten Besuch sofort das Potential. Philipps machte sich selbständig, Parsinen sorgte für die Finanzierung. Gemeinsam machten sich die beiden Amerikaner daran, in Schottland einen modernen Links Course zu schaffen, der es mit jedem der Klassiker aufnehmen kann. Im Juli 2000 wurde Kingsbarns eröffnet - und kann sich seitdem vor Auszeichnungen kaum retten.
Auch wenn Philipps mittlerweile als Architekt von Kingsbarns zu Weltruhm kam - und deshalb in aller Welt als Platzdesigner gefragt ist (unter anderem The Grove bei London und Verdura in Sizilien) - gilt es als sicher, dass 70 Prozent des Routings (Verlauf der Spielbahnen) und des Layouts der Löcher von Parsinen stammt. 2007 verkaufte Parsinen seinen fünfzigprozentigen Anteil an Kingsbarns.
Mit gutem Grund: Drei Autostunden entfernt hatte er einen Küstenstreifen am Moray Firth bei Inverness entdeckt, der ihm geradezu dazu geschaffen schien, seine Philosophie eines klassischen und doch ganz anderen Links Courses zu verwirklichen. „Ich wollte“, sagt Parsinen „alle Fehler, die uns in Kingsbarns unterlaufen sind, nicht wiederholen.“ Ein Scherz, denn wer einmal in Kingsbarns eine Runde gespielt hat, wird sich schwertun, einen Fehler im Design zu finden.
Parsinen legt selbst Hand an
Aber was Parsinen bei seinem dritten Golfplatz ganz anders machen wollte, war etwas, worauf die meisten Architekten heute kaum Rücksicht nehmen. Sie bauen Golfplätze, die zwar die Besten der Welt fordern, das Gros der Hobbygolfer jedoch überfordern. „Wenn Golfer auf einem Platz viele Golfbälle verlieren, macht ihnen das Spiel keinen Spaß. Wenn sie nach einem guten Abschlag in einem tiefen Topfbunker landen, frustriert das nur unnötig“ - lautet das Design-Credo von Parsinen, der sich diesmal seinen amerikanischen Landsmann Gil Hanse als Partner an die Seite geholt hat. „Die meisten Designer vergessen, dass das Gros der Golfer mittlere oder hohe Handicaps haben“, sagt Parsinen.
Wie schon in Kingsbarns war Parsinen mehr als Investor. Er legte auch in Castle Stuart beim Bau höchstpersönlich Hand an und formte Bunker und Fairways - und wie bei seinem schottischen Erstlingswerk wohnte er während der Bauphase direkt am Platz.
In Castle Stuart sind die Fairways viel breiter als sie optisch wirken. Um einen Ball zu verlieren, muss man einen Schlag schon gewaltig verziehen. Das heißt nicht, dass Castle Stuart eine leichte „Hackerwiese“ ist: Wer vom geraden Weg abkommt, der kann zwar weiterspielen, aber das Par oder ein Birdie sind dann nur noch schwer zu erreichen. Von den hinteren Meisterschafts-Abschlägen ist der Platz auch für Weltklasse-Spieler eine Herausforderung. Tom Weiskopf, der British-Open-Sieger von 1973 und als Golfplatz-Architekt selbst erfolgreich (u.a. Loch Lomond) kam nach der British Open in diesem Jahr eigens für zwei Tage nach Stuart Castle - wie auch Peter Dawson, der Secretary (Chef) des Royal and Ancient Golf Golf Clubs of St. Andrews (R&A). Beide waren vom Platz begeistert: Denn schon allein optisch ist Castle Stuart in einer Liga für sich.
Jedes Loch ein Gemälde
Jedes Loch wird wie ein Gemälde von den markanten Punkten der Landschaft eingerahmt: mal ist es die Kessock Bridge, mal der Chanonry Leuchtturm, mal die spektakuläre Bucht des Moray Firth, mal das 1591 erbaute Castle Stuart. Und wenn man sich am 9. und 18. Loch dem Clubhaus nähert, sieht man dieses an Royal Birkdale erinnernde Art-Deco-Gebäude, in dem sich Umkleiden, ProShop, ein Restaurant mit Bar und im dritten Stock ein Veranstaltungsraum mit Panoramablick befinden.
Und nichts macht Parsinen stolzer als der Satz, den er fast von jedem Golfer nach einer Runde in Castle Stuart hört: „Es hat unheimlich Spaß gemacht.“ Und genau das hatte der Selfmade-Golfplatz-Architekt Parsinen im Sinn: Golf ist ein Spiel - und ein Spiel soll Freude bereiten. Und er hat damit eine ganze Gegend golferisch und touristisch neu belebt: Die Links Courses von Castle Stuart, von Royal Dornoch (Nummer 15 auf der Liste der 100 besten Golfplätze der Welt) und von Nairn haben das erkannt und vermarkten sich gemeinsam mit einigen Hotels - ein Verbund, der es mit jeder Golfdestination der Welt aufnehmen kann.