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Sonntag, 19. Februar 2012
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Schefflers Golf-Kolumne „Guten Morgen, Nummer zwei“

23.02.2010 ·  Ian Poulter galt als Rüpel und Großmaul. Der Engländer sah sich als einzigen Konkurrenten von Tiger Woods. Nun aber ließ er seinen Worten Taten folgen. Poulter arbeitete hart für den Erfolg - und fällt in der täglichen Arbeit aus dem Rahmen.

Von Wolfgang Scheffler
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Ian Poulter hat viel Kritik und Spott einstecken müssen, meist zu Recht. Erst galt er als Rüpel, der zweimal von der European Tour wegen ungebührlichen Benehmens mit Geldstrafen belegt wurde, dann als arrogantes Großmaul, dessen schrille Klamotten und kecken Sprüche mehr Schlagzeilen machten als seine Erfolge auf dem Golfplatz. 2004 erschien der Engländer bei der British Open in Troon in Hosen, die aus dem Union Jack geschneidert waren.

2005 und 2006 prangte bei diesem Major auf seinen Beinkleidern der „Claret Jug“, die Siegestrophäe von „The Open Championship“. Der Spanier Severiano Ballesteros merkte damals hämisch an: „Näher kommt er an diese Trophäe nicht heran.“ Vor zwei Jahren verkündete Poulter in einem englischen Golfmagazin: „Ich respektiere jeden Golfer, aber wenn ich mein volles Potential ausschöpfe, gibt es nur noch einen Zweikampf zwischen mir und Tiger.“

Diese großspurige Aussage sorgte für ungläubiges Staunen, zumal Poulter zu jenem Zeitpunkt nicht einmal unter den Top 20 der Weltrangliste geführt wurde und mehr als zwei Jahre kein Turnier mehr gewonnen hatte. Die meisten Kollegen hielten Poulter schlicht für größenwahnsinnig oder einfach für übergeschnappt. Selbst Branchenprimus Woods zieht den 34 Jahre alten Engländer seitdem regelmäßig auf. Mittlerweile haben die beiden Kollegen ein richtiges Begrüßungsritual entwickelt: „Guten Morgen, Nummer zwei“, sagt Woods, worauf Poulter immer antwortet: „Guten Morgen, Nummer eins.“

Unterschiedlicher Werdegang bei Ian Poulter und Tiger Woods

Seit Sonntag, seit Poulter die Accenture Matchplay Championship in Marana bei Tuscon gegen seinen Landsmann Paul Casey gewann und 1,4 Millionen Dollar kassierte, ist Poulter die Nummer fünf - und nicht nur Casey traut dem Paradiesvogel zu, sich eines Tages wirklich in der Hackordnung direkt hinter Woods einreihen zu können: „Er arbeitet unheimlich hart. Und wenn Ian das wirklich glaubt - und er tut es - dann gibt es keinen Grund, warum er nicht auf diesen Platz vorrücken kann.“

Seine Vorstellung in der Wüste von Arizona war jedenfalls eindrucksvoll. Bei diesem Turnier der World Golf Championship (WGC), bei dem nur die besten 64 der Weltrangliste startberechtigt sind - da Woods und Mickelson fehlten, durften auch die Nummern 65 und 66 mitspielen - benötigte Poulter nur 114 Löcher, um seine sechs Gegner zu besiegen. (Im Lochspiel wird ein Match beendet, wenn einer der beiden mehr Löcher gewonnen hat, als noch zu spielen sind). Nur Woods machte in der zwölfjährigen Geschichte dieses Turniers 2003 bei seinem Erfolg noch weniger Aufhebens: 112 Löcher.

Ian Poulter als erster Herausforderer von Woods - das wäre der Zweikampf zwischen zwei Golfern, deren Werdegang nicht unterschiedlicher sein könnte. Während Woods schon seit frühester Jugend als Wunderknabe galt und alles hielt, was seine überragende Amateurkarriere versprach, begann Poulter mit 18 Jahren seine Ausbildung zum Golflehrer - mit dem bescheidenen Handicap von -4. Dennoch glaubte er fest daran, sich einen Arbeitsplatz auf der Tour sichern zu können.

„Wie ich mich auf dem Platz präsentiere, ist für mich ganz wichtig“

Vier Mal versuchte er sich vergeblich in der Qualifikation für die europäische Tour, ehe er 1999 endlich diese Hürde übersprang. Im Jahre 2000 kürte ihn die Tour zum „Rookie of the Year“ (Neuling). Trotz acht Siegen auf der Euro-Tour und einem in Japan, trotz zweiter Plätze bei der British Open 2008 und der Players Championship im Vorjahr, dem inoffiziellen fünften Major, kannte ihn die meisten Golffreunde vor allem wegen seiner sorgfältig zusammengestellten Outfits in ungewöhnlichen Farbkombinationen.

„Wie ich mich auf dem Platz präsentiere, ist für mich ganz wichtig“, sagt Poulter, der die abendliche Bügelstunde, wenn er seine Kleidung für den nächsten Tag glättet, als einen der Höhepunkte seines Tages bezeichnet. Image ist für den Mann, der seine blond gesträhnten Haare sorgfältige mit Gel stylt, eben alles - zumal er seit zwei Jahren eine eigene Bekleidungslinie, IJP Design, vertreibt.

Ian Poulter: „Es ist Zeit, das mal wieder einer von uns gewinnt“

Darüber haben viele vergessen, dass er für den Erfolg sehr zielstrebig arbeitet. Er ist mit seiner Ehefrau Katie und den drei Kindern nach Orlando umgezogen, um sich auf der PGA Tour ständig mit den Besten der Welt zu messen. Aber auch in der täglichen Arbeit fällt Poulter aus dem Rahmen. Als einer der wenigen unter den Top 50 beschäftigt er keinen Mentalcoach, als einziger kommt er gar ohne Schwungtrainer aus. Er filmt sich selbst auf Video und nimmt dann die nötigen Anpassungen vor.

Am Sonntag gewann er erstmals in den Vereinigten Staaten, für Poulter ein Meilenstein in seiner Karriere. Er ist der erste Engländer, der bei einem Einzelturnier der Eliteserie World Golf Championship siegte, die von den großen Profiturnierserien in aller Welt gemeinsam veranstaltet wird. Seit 14 Jahren hat kein Engländer mehr ein Major gewonnen - und jetzt sind mit Lee Westwood, Poulter und Casey (4-6) gleich drei unter den Top 6. „Es ist Zeit, das mal wieder einer von uns gewinnt“, sagt Poulter - und spätestens seit Sonntag würde es niemanden mehr wundern, wenn dieser Sieger ganz auffällig gewandet wäre.

Wolfgang Scheffler widmet sich jeden Dienstag der Welt des Golfs. Alte Texte finden Sie auf der FAZ.NET-Sonderseite „Schefflers Golf-Kolumne”.

Quelle: FAZ.NET
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