24.08.2010 · Arjuna Atwal hat schwere Jahre hinter sich. Zuletzt sorgte der indische Golf-Profi nur als Nachbar und Trainingspartner von Tiger Woods für Schlagzeilen. Nun hat er aber die Kurve gekriegt und ein Turnier gewonnen.
Von Wolfgang SchefflerAls sich Tiger Woods Anfang des Jahres für drei Monate vom Turniergolf verabschiedet hatte, um den - wie sich am Dienstag angesichts der Scheidung des Golfstars von Elin Nordgren nicht vollends erfolgreichen - Versuch zu unternehmen, ein besserer Mensch, Ehemann und Vater zu werden, fiel auch ein wenig Ruhm für Arjun Atwal ab. Der 37 Jahre alte Inder spielte während der freiwilligen Auszeit mit seinem Nachbarn Woods Golf - und seine Einschätzung der Spielkunst des großen Meisters wurde in allen Medien verbreitet.
Seit Woods wieder spielt, war der Mann aus Kalkutta ein wenig in Vergessenheit geraten. Am Sonntag meldete er sich eindrucksvoll zurück: Er gewann mit 20 unter Par die Wyndham Championship in Greensboro/North Carolina und kassierte mit 935.000 Dollar das höchste Preisgeld seiner 15-jährigen Profi-Laufbahn. Und so ganz nebenbei setzte er weitere Meilensteine: Er ist der erste gebürtige Inder, der auf der PGA Tour gewann und der erste Sieger seit 24 Jahren, der sich am Montag für das Turnier qualifizieren musste.
Auf einmal war der Mann vom Subkontinent wieder in aller Munde. Denn die Geschichte hat einfach alles, was ein Rührstück ausmacht: der lange beschwerliche Weg auf die PGA Tour, dann die Rückschläge und schließlich ein grandioses Happy-End. Atwal hatte mit seinem Vater Bindi als 14-jährige im Royal Calcutta Golf Club mit dem Spiel angefangen. Schon damals hatte er einen Traum: eines Tages auf der PGA Tour spielen. „Aber“, so erzählt Atwal „die war für uns so unendlich weit weg, einfach unberührbar.“
Die Schmerzen gingen einfach nicht weg
Als er Handicap 0 erreicht hatte, wagte er 1995 den Sprung in Profilager. Die ersten Erfolge stellten sich bei kleinen Turnieren in Indien alsbald ein. Folgerichtig wagte er den nächsten Schritt: Er ging auf die Asian Tour, die damals noch in den Kinderschuhen steckte. Atwal erzählt von einem Turnier mit 67 Teilnehmern, von denen 63 den Cut überstanden, von einer Veranstaltung in Südkorea, bei der er das Preisgeld für den zweiten Platz von 60.000 Dollar bar in einer Plastiktüte erhielt. „Sie können mir glauben: Ich habe mein Handgepäck danach keine Sekunde aus den Augen gelassen.“
Bald feierte er die ersten Siege auf der Asian Tour, 2003 gewann er die Geldrangliste. Drei Siege auf der European Tour folgten, aber sein Ziel war eben schon immer die PGA Tour 2003 überstand er das Qualifikationsturnier. Er schlug sich wacker, aber ein Sieg sprang nicht heraus: Eine Niederlage im Stechen der Bell South Classic 2005 war bis Sonntag sein herausragendes Ergebnis in seiner amerikanischen Wahlheimat.
2008 verlor er die Spielberechtigung auf der PGA Tour, siegte auf der Nationwide Tour und schaffte den Sprung zurück auf die PGA Tour. Doch 2009 verletzte sich Atwal beim Gewichtheben an beiden Schultern an der Rotatoren-Manschette. Die Schmerzen gingen einfach nicht weg, was immer er auch versuchte. Auch ein Wunderheiler in der Heimat konnte mit Akupunktur nichts ausrichten. An Golf war nicht zu denken.
Von März bis Juli des Vorjahres konnte er keinen Schläger schwingen. Erst Kortison-Injektionen brachten ein bisschen Linderung. Atwal machte dann den Fehler vieler Athleten: Er versuchte ein zu frühes Comeback: „Anfangs konnte ich den Ball nicht aus meinem Schatten schlagen“, erinnert er sich an seine ersten Gehversuche nach der Verletzung. Die Ergebnisse fielen entsprechend aus: Sechsmal nacheinander verpasste er den Cut. Dazu warf ihm die Polizei vor, 2007 bei einem illegalen Autorennen in seinem Wohnort Orlando, in einen tödlichen Unfall verwickelt gewesen zu sein. Die Ermittlungen dauerten fast ein Jahr, ehe Atwals Unschuld fest stand. „Es war ein Unfall“, sagt Atwal, mehr will er dazu heute nicht mehr sagen.
Ruhige Montage
Auf Grund seiner Verletzung durfte Atwal in diesem Jahr mit einer sogenannten „Minor Medical Exemption“ an acht Turnieren teilnehmen. Um seine Spielberechtigung zu erhalten, hätte er bis zu den Canadian Open 586.007 Dollar spielend einnehmen müssen. Weil er es nicht schaffte, hatte er auf einmal keinen Status auf der PGA Tour. Atwal hätte nach Europa zurückkehren können, wo dank seines letzten Sieges auf der European Tour (Malaysian Open 2008) jederzeit antreten kann. „Aber ich wollte unbedingt in Amerika bleiben.“
Also blieb ihm nur eine Wahl: die sogenannten „Monday Qualifier“. Das führte zu abenteuerlichen Reisen quer durch Amerika, oftmals mit Übernachtungen im Auto auf Parkplätzen. „Ich habe dann morgens immer schnell eine kalte Dusche genommen“, erzählt Atwan. Montag vor einer Woche qualifizierte er sich mit einer Runde von 67 Schlägen im Forest Oaks Golf Club für die Wyndham Championship. Er begann das Turnier mit einer Traumrunde von 61 Schlägen. Am Ende musste er zwar ein wenig zittern, aber mit einem Zwei-Meter-Putt am 72. Loch behauptete er einen Schlag Vorsprung vor dem Amerikaner David Toms.
Als Nicht-Mitglied der PGA Tour darf Atwal nicht an den FedEx Cup Play-off-Turnieren teilnehmen. Für die „Fall Series“ der PGA Tour und für die kommenden zwei Jahre hat er seinen Arbeitsplatz und die Mitgliedschaft der PGA Tour mit dem Sieg in Greensboro sicher. Im nächsten Jahr darf er erstmals beim Masters mitspielen. Aber vielleicht am Wichtigsten: Er kann jetzt jeden Montag ganz gelassen angehen, ausschlafen und in Ruhe zum nächsten Turnier reisen.