02.02.2010 · Golfspieler Scott McCarron hat einige Kollegen, darunter Phil Mickelson, des schlimmsten Vergehens im Golf beschuldigt: „Sie betrügen!“ Um was es geht? Um Rillen im Eisen. V-förmig oder in U-Form? Eine gravierende Angelegenheit.
Von Wolfgang SchefflerDroht ein neuer „Krieg der Rillen“? Der Amerikaner Scott McCarron hat in einem Interview mit dem San Francisco Chronicle Phil Mickelson und einige andere amerikanische Kollegen des schlimmsten Vergehens im Golf beschuldigt: „Sie betrügen. Ich bin angewidert, dass sie damit spielen. Sie sollten sich schämen. Phil sollte als einer der führenden Spieler unserer Tour ein Vorbild sein und sagen, das ist falsch.“ Entsprechend fiel die Antwort des Weltranglistenzweiten aus: „Das ist Verleumdung. Wenn die Tour nichts unternimmt, werde ich andere Schritte einleiten“, sagte Mickelson und deutete an, dass er zur Rettung seiner Ehre gegebenenfalls sogar die Gerichte bemühen wird. Auch die Tour sprang ihm sofort zur Seite. Sie wies daraufhin, dass sich der 39-jährige Kalifornier jederzeit den Regeln entsprechend verhalten habe.
Es geht wieder einmal um die Rillen in Eisen, jene kleine Vertiefungen auf der Schlagfläche (Schlägerblatt), die in etwa dieselbe Aufgabe wie das Profil in Autoreifen erfüllen: Sie sorgen für besseren Kontakt. Die Rillen nehmen Wasser (wie die Autoreifen) und Gras auf, sorgen somit dafür, dass vor allem bei Schlägen aus dem Rough und bei Nässe der Ball mehr Spin (Rückwärtsdrall) erhält. Dazu sorgen die scharfen Kanten der Rillen auch bei Schlägen vom Fairway für mehr Spin - und der ist gleichbedeutend mit Kontrolle über die Länge des Schlages und darüber, wie weit der Ball nach dem Auftreffen auf dem Grün noch vor oder gar zurück rollt.
Gegen den „Spirit of the Game“ verstoßen
Der Linkshänder Mickelson hatte bei seinem ersten Turnierauftritt in diesem Jahr bei der Farmers Insurance Open auf den öffentlichen Plätzen von Torrey Pines in La Jolla, einem Vorort von San Diego, ein mehr als zwanzig Jahre altes Ping Eye 2-Lobwedge in seiner Tasche. Und er war beileibe nicht der erste und nicht einzige Profi, der auf Uraltmaterial zugriff: Bei der Sony Open auf Hawaii in der Vorwoche und in La Jolla nutzten auch John Daly, Hunter Mahan, Brad Adamonis und Dean Wilson diese Wedges.
Lee Westwood, die englische Nummer eins in Europa, vertraut seit 23 Jahren auf Ping-Schläger - und doch spielte der Ping-Vertragsspieler bei seinem dritten Rang in Qatar mit Wedges mit neuen Rillen: „Betrügen ist ein zu starkes Wort. Aber man biegt sich die Regeln zurecht. Ich habe tausende der alten Wedges, aber ich würde nie damit spielen.“ Für ihn wie für viele andere, hat Mickelson zumindest gegen den im Golf immer wieder zitierten „Spirit of the Game“ verstoßen.
Ping Eye 2-Eisen von vor 1990 sind auf alle Ewigkeit regelkonform
Warum greifen Profis überhaupt auf Material zurück, das im schnelllebigen Golf fast schon antiquarischen Wert besitzt? Seit dem 1. Januar 2010 dürfen auf den Profitouren in aller Welt nur noch Eisen (ab 25 Graf Loft oder Neigungswinkel, also ab Eisen 5) mit einer neuen Rillen-Konfiguration benutzt werden (für Clubgolfer gilt die Regel erst ab 2024, für Elite-Amateure ab 2014). Diese Rillen oder „Grooves“ dürfen nur noch ein deutlich kleineres Volumen aufweisen, zudem müssen die Kanten stärker abgerundet sein.
Alle bisherigen Eisen, die diesen Spezifikationen nicht entsprechen, gelten als illegal, nicht aber alle Ping Eye 2-Eisen, die vor dem 1. April 1990 gefertigt wurden. Diese Eisen sind auf alle Ewigkeit regelkonform, weil sich die PGA Tour 1993 und der amerikanische Golfverband USGA 1990 in einem außergerichtlichen Vergleich gezwungen sahen, einem Deal mit der Firma zuzustimmen. Der Streit Karsten Manufacturing in Phoenix/Arizona, dem Hersteller der Ping-Schläger, war als „Krieg der Rillen“ in die Golfgeschichte eingegangen.
Profis müssen keine Schläger kaufen
1984 hatte die USGA, die für die Golfregeln in den Vereinigten Staaten und in Mexiko zuständig ist, zusammen mit dem Royal and Ancient Golf Club of St. Andrews (R & A), der die Regelhoheit über den Rest der Welt besitzt, beschlossen, statt der bisher üblichen V-förmigen Rillen auch solche in U-Form (auch Square Grooves genannt) zuzulassen. Karsten Solheim, der Gründer und Chef der Firma, nutzte diese Regeländerung als erster. Aber weil die Rillenkanten die damals üblichen weichen Balatabällen schon nach einem Schlag demolierten, rundete er die Kanten etwas mehr ab. Die Ping Eye 2-Eisen, bis heute der meist verkauften Eisensatz in der Geschichte des Golfs, waren bei Profis wie bei Amateuren ein Riesenerfolg, auch Mickelson spielte in seinen jungen Jahren mit diesen Schlägern.
Damals klagte die USGA, dass diese Rillen das Spiel aus dem Rough zu leicht machten und beschloss eine neue Messmethode für Rillenbreite und -abstand einzuführen. Nach dieser Regel wären alle Ping Eye-2-Eisen illegal gewesen - und das obwohl sie sich schon seit Jahren auf dem Markt befanden. Dagegen wehrte sich Karsten Manufacturing vor Gericht - und als sich andeutete, dass die Firma Recht bekommen würde, stimmten USGA und R&A dem Kompromiss zu. Alle vor dem 1. April 1990 gefertigten Ping Eye 2-Eisen gelten seit dem für alle Zukunft als regelkonform. Karsten Manufacturing verpflichtete sich im Gegenzug, nur noch Eisen nach den neuen Spezifikationen zu fertigen, sie hießen dann Ping Eye 2+.
Die nächste Schlacht scheint bevorzustehen
Aber in den vergangenen Jahren haben die Regelhüter auf beiden Seiten des Atlantiks auf einmal wieder die Grooves als die Übeltäter ausgemacht, die das Spiel aus dem Rough für Tourspieler zu einfach machten. Sie wiesen darauf hin, dass auf der PGA Tour die Pros, die die meisten Fairways vom Abschlag treffen - am Ende der zweijährigen Untersuchung waren das David Toms, Joe Durant, Brian Gay, Scott Verplank und Tim Clark - höchst selten Turniere gewinnen. Alle fünf gehören nicht zu den im Tourjargon „Bomber“ genannten Spielern, die den Ball extrem weit schlagen - und diesen „Longhittern“ wie Tiger Woods oder Mickelson sei es egal, so die Behauptung der USGA, ob der Ball im kurz geschorenen Gras oder im Rough liege, weil sie mit ihren Wedges so viel Spin erzeugen, dass der Ball auch auf harten Grün zu stoppen sei. Man änderte wieder einmal, gegen den harten Widerstand der Industrie und auch vieler Profis, darunter Mickelson, die Regeln für die Grooves.
Experten wie Frank Thomas, der langjährige technische Direktor der USGA, oponierten lange und vergeblich gegen die Regeländerung: „Alles, was das Spiel für Amateure schwieriger macht, ist Unsinn. Niemand hört mit Golf auf, weil das Spiel zu leicht ist, sondern fast alle, die die Schläger beiseite legen, tun das, weil Golf zu schwer ist. Warum sollen 60 Millionen Golfer darunter leiden, dass 150 Millionären das Spiel angeblich zu leicht fällt. Warum zwingt man die Leute, neue Schläger zu kaufen?“
Solheim warnt die PGA Tour
Profis müssen keine Schläger kaufen, sie werden von ihren Sponsoren kostenlos zur Verfügung gestellt - außer, sie ersteigern auf Ebay alte Ping Eye 2-Wedges. Dass diese Schläger auch nach der Regeländerung auf der Tour verwendet dürfen, darüber ließ die PGA Tour nach dem Eklat um Mickelson keinen Zweifel. An diesem Dienstag trifft sich in San Francisco das 16-köpfige Player Advisory Committee (PAC) der PGA Tour, dem auch McCarron angehört, mit Commissioner Tim Finchem, um über die neue vertrackte Situation zu beraten. Man will die Möglichkeit prüfen, die Ping Eye2-Eisen mit einer so genannten „local rule“ zu verbieten.
John Solheim, Sohn von Karsten Solheim und Präsident von Karsten Manufacturing, warnte die PGA Tour in einer Pressemitteilung davor, die Ping Eye2-Eisen durch „lokale Regeln“ für Tourturniere zu bannen: „Nach den jüngsten Aussagen der PGA Tour und einiger PGA Tourspieler, die Ping Eye2-Schläger mit einer local rule zu verbieten, möchte ich die PGA Tour an die Bedingungen unseres Vergleichs erinnern. Ich erwarte, dass sich die Tour daran hält. Dennoch bin ich bereit, über eine geeignete Lösung dieser Angelegenheit zur diskutieren, die dem Spiel dient und gleichzeitig die Rolle der Innovation in der langen Geschichte des Spiels respektiert.“
Am Dienstag wurde außerdem bekannt, dass nach Untersuchungen der Firma Callaway, dem Schläger-Ausrüster von Mickelson, die alten Ping-Wedges 25 Prozent mehr Spin auf den Ball bringen als neue Wedges aus firmeneigner Produktion. So war es nicht erstaunlich, dass beim Training für die am Donnerstag beginnende Northern Trust Open in Pacific Palisades, einem Vorort von Los Angeles, auch der dreimalige Major-Champions Padraig Harrington aus Irland mit alten Ping-Wedges gesichtet wurde. All das könnte darauf hindeuten, dass eine neue Schlacht im „Krieg der Rillen“ bevor steht.