12.07.2011 · Rory McIlroy ist der Favorit bei den British Open im Golf. Seine Gegner loben ihn, die Fans lieben ihn, aber der Nordire aus Holywood bleibt gelassen.
Von Wolfgang Scheffler, SandwichRory McIlroy hat man in den vergangenen drei Wochen überall und nirgends gesehen: mit Anzug und Schlips in der königlichen Loge von Wimbledon, beim Boxkampf zwischen Wladimir Klitschko und David Haye in Hamburg, in vielen TV-Interviews. Nur auf Golfplätzen hat sich der 22-jährige Nordire nicht mehr der Öffentlichkeit präsentiert. Seit er Anfang Juni bei den US Open in Bethesda (Maryland) die Konkurrenz deklassierte, hat sich der Profi eine dreiwöchige Auszeit vom Turniergolf gegönnt. Erst in dieser Woche greift der junge Champion wieder ins Geschehen ein. Obwohl niemand weiß, wie McIlroy die Pause verkraftet hat, sind sich die britischen Wetter einig: Der große Favorit der 140. British Open im Royal St. Georges Golf Club in Sandwich ist nicht der Weltranglistenerste Luke Donald (Quote 12:1), der mit der Empfehlung eines Sieges bei den Scottish Open am Sonntag in Inverness an die englische Kanalküste reiste. Es sind auch nicht die in der Hackordnung hinter dem Primus geführten Lee Westwood (12:1) und Martin Kaymer (25:1), sondern eben der Weltranglistenvierte (7:1). Auch Kollegen, wie der Engländer Ian Poulter, sehen das ehemalige Wunderkind, das mit 17 Jahren die Amateur-Weltrangliste anführte, in der Pole Position: „Es gibt keinen Grund, warum er nicht wieder so gut spielen wird wie bei den US Open. Er kommt voller Selbstvertrauen hierher.“
Kaymer machte sich am Dienstag gemeinsam mit Altmeister Bernhard Langer, der erst kurz vor dem ersten Abschlag am Donnerstag entscheiden will, ob seine Daumenverletzung einen Start zulässt, sowie mit dem Titelverteidiger Louis Oosthuizen und dem Masters-Champion Charl Schwartzel (beide Südafrika) mit den Schwierigkeiten des Dünenplatzes vertraut. Auch alle anderen Favoriten waren bei kühlen Temperaturen von 14 bis 17 Grad und Wind, der mit 30 Kilometern pro Stunde wehte, auf dem Platz unterwegs. McIlroy dagegen glänzte an diesem Trainingstag mit Abwesenheit, sehr zum Bedauern der rund 20 000 Fans. Auch bei der Vorbereitung ging der Nordire seinen eigenen, ganz ungewöhnlichen Weg: Er hatte in der vergangenen Woche drei Tage auf dem südlichsten der acht Open-Plätze verbracht und war danach zurück in die Heimat geflogen. Am Montagnachmittag hatte er auf dem Platz von Royal County Down in Nordirland eine Runde gedreht, ehe er am Dienstag zu einer Pressekonferenz mit einem Privatjet einschwebte. Er begründete seine Pause zwischen den beiden Saison-Höhepunkten damit, dass er alle Verpflichtungen, die ein grandioser Triumph mit sich bringt, abarbeiten wollte. Und schließlich habe er nicht die ganze Zeit auf der faulen Haut gelegen. Nach einer zehntägigen totalen Golfabstinenz sei er wieder voll im Training und voll im Plan: „Ich bin bereit.“ Erst am Mittwoch will er ein paar Übungs-Löcher spielen.
Die Zahl der Siege spiegelt nur unzureichend seine führende Rolle
Die Fans wird es freuen, denn die grandiose Vorstellung des Jungstars aus Holywood, einem Vorort von Belfast, bei den US Open hat zu einem Hype um den Lockenkopf geführt, den englischsprachige Medien in Anlehnung an die „Tiger-Mania“ der Glanzzeiten von Woods „Rory-Mania“ tauften. Fast hatte man den Eindruck, zwischen den Golf-Größen der Gegenwart und der Vergangenheit sei ein Wettbewerb entbrannt, wer die schönsten Lobpreisungen über den Jungstar zu Protokoll gibt. Den Vogel dürfte dabei der Ire Padraig Harrington, immerhin zweimal Sieger bei den British Open und einmal bei der PGA Championship, abgeschossen haben. Der 36-jährige Dubliner ließ verlauten, dass nicht der immer noch verletzt fehlende Woods den Rekord von 18 Major-Siegen von Jack Nicklaus brechen werde, sondern eben dieser McIlroy. Das war selbst dem so Gepriesenen zu viel: „Langsam, ich habe ja gerade erst ein Major gewonnen!“ McIlory hat überhaupt in seiner Profilaufbahn erst drei Turniere siegreich beendet, vor den US Open noch die Dubai Classic (2009) und die Quail Hollow Championship (2010).
Aber die Zahl der Siege spiegelt nur unzureichend, welche führende Rolle der Lockenkopf mittlerweile im Weltgolf spielt: Bei den letzten vier Majors hatte er immer ein Siegeschance. Bei den British Open in St. Andrews belegte er trotz einer zweiten Runde von 80 Schlägen den dritten Platz, bei der PGA Championship verfehlte er das Stechen zwischen dem späteren Sieger Kaymer und Bubba Watson nur um einen Schlag, und beim Masters hatte McIlroy nach drei Runden mit vier Schlägen Vorsprung geführt, war dann aber mit 80 Schlägen eingebrochen und auf den 16. Platz zurückgefallen. Aber wie er dieses Desaster verkraftete, wie offen er mit seinem Versagen umging – all das hat den Ruf von McIlroy nur noch gesteigert. Weil er sich noch dazu ganz im Gegensatz zum langjährigen Branchenführer Woods nicht abschottet, ist der große Favorit auch der Liebling der Fans, der Kronprinz auf dem Weg zur Thronbesteigung.