27.07.2010 · Alexis Thompson ist gerade mal 15 Jahre alt, aber längst gut genug, mit den Besten der Welt mitzuhalten. Deshalb gab sie nun ihren Wechsel ins Profilager bekannt. Dummerweise sehen die Regeln eine Altersgrenze vor.
Von Wolfgang SchefflerOffiziell ist Alexis „Lexi“ Thompson für professionelles Golf noch viel zu jung. Die lukrativste Damen-Turnierserie der Welt, die LPGA Tour, verlangt ein Mindestalter von 18 Jahren. Der Teenager aus Coral Gables (Florida) ist erst 15 - aber längst gut genug, mit den Besten der Welt mitzuhalten. Deshalb gab die Schülerin, die zu Hause von Privatlehrern unterrichtet wird, am 16. Juni ihren Wechsel ins Profilager bekannt und die LPGA ist in der Bredouille: Beharrt sie auf ihrer Altersgrenze oder gewährt sie dem Ausnahmetalent die volle Spielberechtigung? Denn auch dafür gibt es einen Präzedenzfall. Morgan Pressel, die Nichte der ehemalige Tennisprofis Aaron Krickstein, erhielt schon im Alter von 17 Jahren die volle LPGA-Mitgliedschaft. Was Alexis Thompson angeht: Schon jetzt kann man sagen, ihr Wechsel ins Profilager hat sich gelohnt.
„Lexi“ hat bisher als Proette an drei Turnieren der LPGA Tour teilgenommen. Nach dem verpassten Cut bei ihrem Debüt beim ShopRite Classic belegte sie als Qualifikantin bei der US Womens Open den zehnten Platz, am Sonntag kam sie beim Evian Masters, dem höchst dotierten Turnier der Welt (3,5 Millionen Dollar) gegen die komplett versammelte Weltklasse mit nur einem Schlag Rückstand hinter der neuen südkoreanischen Weltranglistenersten Jiyai Shin auf den geteilten zweiten Platz. Sie hat in ihrer kurzen Berufslaufbahn mehr verdient als die meisten normalen Werktätigem in einem Jahr: 314.842 Dollar. Außerdem verfügt sie über lukrative Werbeverträge mit Puma-Cobra Golf und Red Bull, die ihr mehr als eine Million Dollar pro Jahr bringen.
Erinnerungen an Michelle Wie werden wach
Das erinnert stark an das letzte Wunderkind des amerikanischen Golfs, an Michelle Wie - und das Schicksal will es, dass Alexis Thompson jetzt darunter leidet, dass man der damals Fünfzehnjährigen aus Hawaii vor fünf Jahren alles viel zu leicht machte. 2005 durfte Michelle Wie dank seiner „Special Exemption“ (Ausnahmegenehmigung) bei der Ladies British Open im Royal Birkdale Golf Club in Southport mitspielen. Sie belegte damals den dritten Rang, eine Platzierung, von der sie derzeit weit entfernt ist. In Evian landete das einstige Wunderkind abgeschlagen auf Rang 31, bei den US Womens Open verpasste sie nach Runden von 82 und 76 Schlägen den Cut.
In dieser Woche ist die Ladies British Open wieder auf diesem weltberühmten Links Course von Royal Birkdale an der englischen Westküste zu Gast, aber Alexis Thompson durfte nicht einmal am Final Qualifying an diesem Montag im benachbarten Hillside Golf Club teilnehmen. Und natürlich schlug das gewaltige Wellen. Denn ursprünglich war Alexis Thompson als Mitglied des amerikanischen Curtis Cup Teams, das alle zwei Jahre gegen die besten Amateurinnen aus Großbritannien und Irland spielt, für diese „Final Qualifying“ automatisch startberechtigt. Mit dem Übertritt ins Lager der Berufsspieler erlosch diese „Exemption“. Alexis Thompson konnte allerdings auch nicht an den vorgeschalteten Regionalqualifikationen teilnehmen, da die zeitgleich mit den US Womens Open ausgetragen wurden.
Alexis Thompson wird ihren Weg machen
Dass dem neuen Wunderkind nicht einmal die Chance gegeben wurde, sich sportlich für das wichtigste Damenturnier in Europa zu qualifizieren, liefert an diesem Montag den britischen Medien eine schöne Schlagzeile. „Die junge Alexis Thompson zahlt den Preis für die Kontroverse um Michelle Wie“ schreibt „The Independent“. In diesem Artikel verteidigt Shona Malcolm, die Chief Exexutive der Ladies Golf Union, der Dachorganisation für Damengolf in Großbritannien und Irland, die seltsame Entscheidung, eines der größten Talente des Golf vom dritten Saison-Höhepunkt des Jahres auszuschließen: „Wir haben unsere Zulassungskriterien verschärft, weil viele Spielerinnen die damalige Ausnahmeregelung für Michelle Wie kritisierten.“
Alexis Thompson muss diese Woche zuschauen, aber sie wird ihren Weg machen. Vor drei Jahren qualifizierte sie sich als Zwölfjährige und bisher jüngste Spielerin für die US Womens Open - ein Coup, der ihr seitdem jedes Jahr glückte. Und anders als Michelle Wie ist sie nie bei Herrenturnieren angetreten. Sie hat nie großspurig geäußert, es mit Männern aufnehmen zu können. Vielleicht weil sie weiß, wie viel besser männliche Profis spielen. Denn um das zu erfahren, muss sie nur eine Runde mit ihrem zwölf Jahre älteren Bruder Nicolas spielen. Der verdient sein Geld auf der PGA Tour.