26.03.2004 · Wie der Fechter Matthias Behr den Unfall von Wladimir Smirnow verarbeitet.
Von Christiane Moravetz"Ob es an einem Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag war, das weiß ich nicht mehr."
Es war ein Montag, der 19. Juli 1982. Matthias Behr, Florettfechter aus Tauberbischofsheim, hat einen schwachen Einzelwettkampf bei den Weltmeisterschaften in Rom hinter sich gebracht; ist in der Runde der letzten 24 hängengeblieben. Er ficht mit einem Korsett zur Stabilisierung des Rückens nach einer Bandscheibenoperation. Erst zwei Wochen vor Beginn der Titelkämpfe ist er nach einer intensiven Rehabilitation in das Training eingestiegen - erfolgreich: Nach den ersten Ergebnissen wollte der Deutsche Fechterbund nicht auf ihn verzichten.
"Das hätte ja auch alles anders laufen können. Also: ich wäre nicht dabeigewesen, es wäre alles nicht passiert."
Doch es passiert: An diesem Montag stehen sich die deutschen und die russischen Florettfechter im Viertelfinale des Mannschaftskampfes gegenüber. Auf der einen Seite der Planche Wladimir Smirnow, der beste Florettfechter der Welt, Olympiasieger 1980 im Einzel und mit der Mannschaft, Weltmeister 1981 im Einzel und mit der Mannschaft; 28 Jahre alt, 1,84 Meter groß.
"Er war eine Hausnummer im Fechten, ein großer Fechter, ein eleganter Fechter, schön anzuschauen. Man hat sich gefreut, wenn man nicht unbedingt gegen ihn kam. Ich weiß noch, wie toll er bei der WM in Lyon 1981 gefochten hat und dann auch Weltmeister wurde, ein Jahr nach dem Olympiasieg in Moskau. Es war eine Augenweide, ihm zuzuschauen."
Wladimir Smirnow gegenüber steht Matthias Behr, Mannschafts-Olympiasieger 1976; ein Jahr jünger als sein Gegner, zehn Zentimeter größer. Beide sind athletische Fechter, wiegen um die achtzig Kilo. Sie starten einen gleichzeitigen Angriff, eine "Attaque simultanée". Beide Fechter versuchen, an der von ihnen in Sekundenbruchteilen zuvor ausgewählten Stelle am Körper des Gegners einen Treffer zu setzen - ein Zurück, ein Umdenken gibt es nicht. Behr trifft Smirnow, den Linkshänder, im oberen Brustbereich. Die neunzig Zentimeter lange Klinge bricht ab, wird in der Hand des Fechters zur unbeherrschbaren Waffe.
"Ein Geschoß. In dem Moment, wo die Klinge abbricht, hast du keine Möglichkeit mehr, sofort zu reagieren und zu gucken, wie geht es weiter. Du hast eine abgebrochene Klinge in der Hand, und natürlich besteht da überhaupt keine Absicht, den Gegner zu verletzen. Du willst aus dem Fechtgeschehen raus, aber durch den Aufprall kommt noch ein weiterer Schub - und diesen Moment merkst du gar nicht."
Die Waffe des Matthias Behr ist in der Vorwärtsbewegung nicht mehr zu kontrollieren. Sie durchdringt die Maske von Wladimir Smirnow, das poröse Gitter, dringt ins Auge des Russen, verletzt sein Gehirn. Smirnow bricht zusammen, liegt auf dem Boden. Kampfrichter, Trainer, Mannschaftskameraden bemühen sich um ihn, ein Arzt wird gerufen. Für einen Moment starrt Matthias Behr wie gelähmt auf die Szene.
"Ich habe mein Florett in der Hand, blutverschmiert."
Mehr als zwanzig Jahre später stockt sein Redefluß beim Versuch, in der Erinnerung die Ereignisse zu greifen. Doch er sieht immer nur das eine Bild.
"Ich habe gemerkt, daß ich durch die Maske durch war. Die Maske soll das Gesicht, den Kopf schützen - und da gibt es dann keine andere Bewertung der Situation. Ich habe auch sehr schnell das Bedürfnis gehabt, die Planche zu verlassen. Weil ich das einfach nicht sehen wollte, nicht sehen konnte und das Schlimmste befürchtete. Allerdings natürlich nicht gleich die Folgen, daß er nicht mehr aufwacht oder tot ist."
Behr weiß nicht, wie ihm geschieht. Er erinnert sich nicht an seine nächsten Aktionen, an die Stunden, Tage danach. Jochen Behr, heute verantwortlich für die deutschen Florettfechter, damals Assistent von Bundestrainer Emil Beck, hat alles auch jetzt noch überdeutlich vor Augen: Er sieht den Bruder wie von Sinnen davonstürmen, über das Ende der Planche, hinauf auf die Tribüne. Er hört ihn schreien: "Nein, nein." Irgendwann kommt Matthias Behr zurück, noch immer umklammert er die Waffe. Jochen nimmt sie ihm aus der Hand; sie wird von der Turnierleitung für die naturgemäß folgende Untersuchung eingezogen. Er schnallt seinen Bruder vom elektrischen Kabel der Trefferanzeige ab.
Smirnow wird in ein Krankenhaus gebracht. "Der Fechter ist ohne Bewußtsein", heißt es in einem Bulletin.
Nach anderthalb Stunden Unterbrechung wird der Mannschaftskampf in Rom fortgeführt; Matthias Behr ist nicht mehr dabei. Die Russen setzen einen Ersatzfechter ein, gewinnen. Am nächsten Tag werden sie Weltmeister. "Wir tun es für Wladimir", sagen sie. Die deutschen Fechter stellen sich gegen den Willen ihres Trainers Emil Beck an dessen 47. Geburtstag; sie treten nicht mehr zur Plazierungsrunde an.
Wladimir Smirnows Tod wird am 28. Juli, vier Tage nach Ende der Weltmeisterschaften, bekanntgegeben.
Matthias Behr fährt mit seiner Familie in den lange geplanten Urlaub - Holland? Portugal? Er weiß es nicht mehr - und versucht irgendwie, irgendwo Abstand zu gewinnen. Der Versuch mißlingt.
"Wieso ich, und wieso passiert so was, was kann ich dafür? Dann kommt immer wieder dieser Film: Warum war ich überhaupt in Rom?"
Die Nachrichten verfolgen ihn. Wie unter Zwang kauft er täglich deutsche Zeitungen, erfährt, daß Smirnow tot ist, erfährt den Termin der Beisetzung. Er hat das Bedürfnis, in die Sowjetunion zu fliegen und bei der Beerdigung dabeizusein, fürchtet sich gleichzeitig vor dem Gedanken, die Frau des Getöteten zu sehen.
"Ich hatte Angst, als ,Mörder' in einer Trauergesellschaft anwesend zu sein, als der Schuldige."
Er wünscht sich, noch Jahrzehnte später, er könne sich einmal mit der Frau von Wladimir Smirnow unterhalten, versucht sogar Kontakt aufzunehmen, kommt dabei aber nicht zum Ziel. Nur einmal, als Betreuer bei einem Säbelturnier, ist er später in Rußland - er spricht von einer inneren Sperre, von der enormen Unruhe, die er in sich spürt, wenn er in das Land fliegen soll.
Als Behr im Sommer 1982 wieder zu Hause in Tauberbischofsheim ist, zurückkehrt ins Trainingszentrum und in seinen Job als Leiter des Fechtinternats, ist nichts mehr so, wie es vorher war. Es dauert Monate, bis er wieder klar denken kann. Wie soll er mit Jugendlichen arbeiten und ihnen eine Sportart vermitteln, die er plötzlich in Frage stellt? An vierzig Wochenenden im Jahr ist er unterwegs als aktiver Fechter oder als Betreuer. Seine Qualitäten werden hochgeschätzt. Wie kann er das, was er bisher an Begeisterung hatte, an die Schüler transportieren? fragt er sich. Wie soll er sie zu einem Sport anhalten, der möglicherweise zu gefährlich ist?
Emil Beck, der Stützpunktleiter, nimmt ihn schließlich für drei Tage aus dem Alltag, fährt mit ihm durch den Bayerischen Wald. Die beiden Männer unterhalten sich über dies und das, Belangloses. Schließlich weiß Matthias Behr, daß alle recht haben, die ihm sagen: Du mußt weiterfechten, um das zu verarbeiten.
Die ersten Lektionen mit dem Fechtlehrer sind nicht so schwierig, bis Behr wieder einen Gegner, anfangs nur im Training, vor sich hat. Er zwingt sich, lernt die innere Sperre zu überwinden, die Sperre aus Angst und Schuldgefühl. Er leidet darunter, daß sein Name nur im Zusammenhang mit einem tödlichen Unfall genannt wird. Er, der 1976 Olympiasieger mit der Mannschaft war, ein Jahr später Weltmeister, ist immer "der Behr - ach, da war doch mal was". Er lehnt Einladungen ins Fernsehen ab, in die Talkshow von Hans Meiser, will auch zu keinem Jahrestag des Unfalls als Thema in Magazinen und Zeitungen erscheinen. Warum, denkt er, über die Sicherheit im Fechtsport reden, wenn er nicht mehr gefährlich ist? Fünf Jahre nach jenem Unfall von Rom schreibt der Internationale Fechterbund bruchsicheren Maraschin-Stahl für die Klingen vor, Masken und Westen werden entsprechend verbessert.
Klaus-Dieter Güse, 1982 Präsident des Deutschen Fechterbundes, spricht von Matthias Behr als Opfer des Unfalls. So fühlt dieser sich auch.
"Doch da komme ich auf die religiöse Schiene: Es hat alles eben so kommen müssen. Vielleicht bin ich der Auserwählte, der das Florett in der Hand hat, dem dann das Florett abbricht, das dann durch die Maske des Gegners geht."
Behr ist katholisch erzogen worden, sein Glaube hilft ihm in der Situation. Und die ihm von allen Seiten vermittelte Gewißheit, unschuldig zu sein.
"Ich hatte Schuldgefühle in mir, obwohl mir von der ersten Sekunde an klar war, nachdem ich wieder klar denken konnte, daß man für so einen Unfall überhaupt nichts kann. Ich denke immer wieder an das einfachste Beispiel: Du fährst mit deinem Auto, und es rennt dir einer rein. Du machst dir immer Vorwürfe, aber du hast dir persönlich nichts vorzuwerfen, in keinster Weise."
Langsam hört er auf, immer und immer wieder nach Gründen zu suchen.
"Meine Klinge war vorher geprüft, seine Waffe war geprüft, dann kannst du nur sagen: Woran lag's? Aber es ist wie immer: Wenn in einer Kurve mal was Schlimmeres passiert auf einer Straße, dann wird sie begradigt. Ich glaube, das hilft einem dann auch, daß man sagt, ich habe mir nichts vorzuwerfen. Letztlich war ich derjenige, der auserwählt war, für die Sicherheit im internationalen Fechtsport etwas zu tun. Du hast einfach eine Aufgabe zu erfüllen - und die habe ich hiermit erfüllt."
Er hat einen erfolgreich fechtenden Sohn, Dominik, mit dem er noch niemals über die Ereignisse von Rom gesprochen hat - es habe sich nicht so ergeben.
"Ich habe sehr viel Vertrauen in viele Dinge, genauso ist es mit der Bewertung von Situationen: Was kann ich daraus machen, wie kann ich es verarbeiten, wie kann ich helfen? Vielleicht ist diese Haltung aus dem Unfall und seinen Folgen entstanden, ich weiß nicht, ob ich schon immer so war."
Die Flamme, wie er die Wunde nennt, die das Unglück in ihm hinterlassen hat, wird nie ganz erlöschen. Das weiß Matthias Behr. Wenn er mit den Vorgängen konfrontiert wird, sind sie wieder überdeutlich da. Aber er glaubt, das Trauma überwunden zu haben. "Es schwelt immer noch in mir, aber es ist flach", sagt er. "Der Strich ist gezogen." Er hat sich entschieden, es als Unfall zu akzeptieren, den er 22 Jahre danach verarbeitet haben muß.
Er wirkt fest in dem, was er sagt, ohne Angst, daß es ihn den ganzen Tag oder die Nacht über beschäftigt. Aber dann kommen ein paar Nachsätze, und erstaunt stellt Matthias Behr fest, wie das Erlebte quasi auf Abruf in ihm sitzt.
"Wenn ich jetzt bei einem Junioren-Turnier sehe, da ficht ein Smirnow, kommt sofort der Gedanke: Oh, er hatte doch einen Sohn. Vielleicht gibt es doch aber in Rußland viele Smirnows wie bei uns die Müllers. Was ganz schlimm ist: Ich gehe in den Supermarkt, und da steht die Flasche Smirnow - der Name wirkt immer noch, sofort. Ich trinke das Zeug nicht, aber es ist ein Blickfang, Ich sehe es, obwohl ich es gar nicht will."
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 21 | 32 | 46 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 21 | 35 | 44 | ![]() |
| 3. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 21 | 22 | 43 | ![]() |
| 4. | ![]() |
FC Schalke 04 | 21 | 18 | 41 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 21 | -1 | 33 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 21 | 0 | 31 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 21 | -2 | 31 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 21 | -11 | 27 | ![]() |
| 9. | ![]() |
VfB Stuttgart | 21 | 3 | 26 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 21 | -2 | 25 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1. FC Köln | 20 | -11 | 24 | ![]() |
| 12. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 21 | -6 | 23 | ![]() |
| 13. | ![]() |
Hamburger SV | 20 | -9 | 23 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 20 | -12 | 21 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 21 | -11 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 21 | -11 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 20 | -14 | 17 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 21 | -20 | 17 | ![]() |