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Masters Cup in Houston Schüttler läßt nicht zu, daß Roddick gut spielt

14.11.2003 ·  Vor drei Jahren hatte Dominik Böttcher eine gute Idee. Der deutsche Marketingchef des Sportartikelherstellers Fila überredete seine italienischen Vorgesetzten, einen Deutschen namens Rainer Schüttler unter Vertrag zu nehmen. Heute könnte sich Böttcher rühmen, welch gutes Näschen er gehabt habe. Hatte er aber nicht. „Das hätte ich ihm nie zugetraut“, gibt er zu, „niemals im Leben.“ Nicht den Finaleinzug bei den Australian Open im Januar oder den Sprung auf den sechsten Weltranglistenplatz und schon gar nicht den Einzug ins Halbfinale beim Saisonabschlußturnier der besten acht Tennisprofis der Welt.

Von Peter Penders
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Vor drei Jahren hatte Dominik Böttcher eine gute Idee. Der deutsche Marketingchef des Sportartikelherstellers Fila überredete seine italienischen Vorgesetzten, einen Deutschen namens Rainer Schüttler unter Vertrag zu nehmen. "Das mußte ich schon erklären", sagte Böttcher, aber er hatte ja plausible Gründe. Schüttler war Deutschlands zweitbester Tennisspieler, und das garantierte unter anderem, daß Fila präsent war, wenn Deutschland im Daviscup spielte. Aber Böttcher wurde auch gefragt, wo denn das Potential von Schüttler anzusiedeln sei. Bis Platz 30 in der Weltrangliste sei machbar, und diese Analyse reichte den Italienern. Schüttler bekam einen Ausrüstungsvertrag von Fila.

Heute könnte sich Böttcher rühmen, welch gutes Näschen er damals gehabt habe. Hatte er aber nicht. "Das hätte ich ihm nie zugetraut, niemals im Leben", gibt er zu. Seit Donnerstag bedeutet dieses "das" nicht nur den Finaleinzug bei den Australian Open im Januar oder den Sprung auf den sechsten Weltranglistenplatz und die Qualifikation für das Saisonabschlußturnier der besten acht Tennisprofis der Welt. Schon vor seinem letzten Gruppenspiel gegen den Spanier Carlos Moya (bei Redaktionsschluß dieser Ausgabe noch nicht beendet) hat sich Schüttler für das Halbfinale beim Masters Cup in Houston qualifiziert und trifft dort an diesem Samstag auf Andre Agassi.

Böttcher und Schüttler kennen sich noch aus Zeiten, als die große Tennisszene für Schüttler ungefähr so weit entfernt war wie die Erde vom Mond. Böttcher hat einst für den Regionalligaverein TC Palmengarten Frankfurt aufgeschlagen, Schüttler beim hessischen Rivalen TC Bad Homburg, und ihre Wege haben sich natürlich des öfteren gekreuzt. 1996 gewann Schüttler gegen Böttcher das Finale der hessischen Hallentitelkämpfe. Sieben Jahre später schlägt der Hessenmeister von damals in Houston den amerikanischen Weltranglistenersten Andy Roddick 4:6, 7:6, 7:6, und Böttcher sitzt staunend in der Spielerbox des einstigen Gegners. "Es ist unglaublich", sagt er. Natürlich ist es das.

Als Schüttler damals den hessischen Hallentitel im Landeszentrum auf der Offenbacher Rosenhöhe gegen Böttcher verteidigte, war er 19 Jahre alt. In dem Alter hatte der Argentinier David Nalbandian, der in Houston im entscheidenen Spiel um den Halbfinaleinzug unglücklich in drei Sätzen an Agassi scheiterte, schon ein Wimbledonfinale verloren oder Roddick ein Viertelfinale der US Open erreicht. Bei seiner ersten Teilnahme am Masters Cup ist Schüttler mit seinen 27 Jahren hinter seinem 33jährigen Halbfinalgegner Agassi schon der zweitälteste Teilnehmer und hat eine ganz andere Karriere hinter sich als alle anderen Konkurrenten. Die wird sogar in den Rekordbüchern der ATP geführt: Seit der Korbacher 1994 erstmals einen Weltranglistenpunkt ergatterte, hat er sich Jahr für Jahr in der Rangliste verbessert. Damit könnte nun ein Ende sein: Dieses Jahr wird Schüttler als Fünfter oder Sechster der brancheninternen Hierarchie beenden.

Damals in Offenbach war Böttcher als Favorit in das Hessenfinale gegangen und hatte doch verloren, weil Schüttler keinen Ball verloren gab. "Man muß sich gegen ihn jeden Punkt hart erarbeiten." Das hat nicht etwa vor sieben Jahren Böttcher gesagt, aber vielleicht gedacht - das behauptet Roddick, stellvertretend für viele seiner Kollegen. Ein Lob von höchster Stelle, denn egal wer letztlich beim Masters Cup die Trophäe hochhalten wird: Roddick wird das Spieljahr als Branchenführer beenden, und er ist damit der jüngste Amerikaner seit Erfindung der Weltrangliste, dem diese Ehre zuteil wird. Roddick hat die US Open gewonnen, die Turniere in Queens, Indianapolis, Montreal und Cincinnati - nur zu einem hat es in diesem Jahr nicht gereicht: Zu einem Sieg über Schüttler. Dreimal trafen die beiden in diesem Jahr aufeinander, dreimal hieß der Verlierer Roddick. "Ich habe noch nie meinen besten Tag gegen ihn gehabt", sagt der Amerikaner. Das sagen auffällig viele nach Spielen gegen Schüttler, was nur einen Schluß erlaubt: Der Deutsche läßt das nicht zu.

Diese Konstanz beeindruckt die Konkurrenz, doch die Unaufgeregtheit, mit der er diese Erfolge zur Kenntnis nimmt, verschreckt den Boulevard. Dem hat sich Schüttler in den Tagen von Houston angenähert, erleichtert durch den Umstand, daß der "Bild"-Reporter Teamchef seines Bundesligavereins TC Sundern ist, für den er aber in diesem Jahr wegen seiner herausragenden Weltranglistenplazierung nicht spielen durfte. Aber anders als viele seiner deutschen Kollegen ist Schüttler auch im Erfolg ein Mann der leisen Töne - laut ist er nur auf dem Platz, wo er sich zuweilen nicht ganz druckreif beschimpft, wenn ihm etwas mißlingt. Aber selbst den Sieg über Roddick kommentierte er zunächst so zurückhaltend, wie es nur geht: "Wir haben beide nicht unser bestes Tennis gespielt", was aber angesichts des böigen Windes wohl auch gar nicht möglich war. Erst hartnäckiges Nachfragen entlockt ihm etwas von der Genugtuung, die er in solchen Momenten verspüren muß.

"Natürlich ist das ein besonderer Sieg. Es passiert mir ja nicht häufig, daß ich gegen einen Weltranglistenersten gewinne", sagte Schüttler. Und vor allem läßt es immer noch viele staunen. "Glauben Sie es oder nicht, der Sieger dieser Gruppe heißt Rainer Schüttler", verkündet später am Abend der ESPN-Reporter seinen Zuschauern. "So wie er hier spielt, hat er es absolut verdient", sagt dagegen Böttcher. Damals, nach dem Hessenfinale 1996, hat sich das bei ihm ganz anders angehört.

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Jahrgang 1959, Sportredakteur.

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