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Marco Reus in Gladbach Lockrufe und Warnungen

04.11.2011 ·  Der Gladbacher Marco Reus ist zum Objekt der Begierde geworden. Nicht nur der deutsche Branchenführer hat ein Auge auf den Jung-Nationalspieler der Borussia geworfen.

Von Richard Leipold, Mönchengladbach
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© dpa Marco Reus: „Ich fühle mich in Gladbach total wohl“

Jüngst hat Marco Reus über einen Nachrichtensender, ganz kurz, einen für viele junge Mädchen enttäuschenden Einblick in sein Privatleben gewährt. „Ich habe eine Freundin“, sagte er, „aber ich freue mich, auch viele weibliche Fans zu haben.“ Nicht nur bei diesem Thema ist ihm anzumerken, dass er das Rampenlicht scheut.

Wenn Kameras und Mikrofone auf ihn gerichtet sind, dann scheint es so, als fühlte er sich nicht sonderlich wohl. Gewiss, er steht Rede und Antwort, weil das zu seinem Beruf als Fußballprofi dazugehört. Aber oft muss der Pressesprecher von Borussia Mönchengladbach ihn drängen. Neben dem Münchner Thomas Müller und dem Dortmunder Mario Götze ist Reus der meistbeachtete Jungstar der Bundesliga, an diesem Samstag werden sich beim Auswärtsspiel gegen Hertha BSC Berlin (15:30 Uhr / FAZ.NET-Liveticker) wieder alle Augen auf ihn richten.

„Es reicht jetzt“

Neuerdings fällt sein Name auch, wenn von Vertragslaufzeiten, Ausstiegsklauseln und vom Interesse des FC Bayern die Rede ist. Der Branchenführer hat ein Auge auf den vielseitigen Offensivspieler geworfen, der zwischen dem rechten Flügel und dem Angriffszentrum pendelt. Auch Beobachter internationaler Spitzenklubs wie Arsenal London oder Juventus Turin sollen damit beauftragt sein, sich ein Bild zu machen und eventuell eine Kaufempfehlung abzugeben.

Reus mag es nicht, so in den Fokus zu geraten und zum Spekulationsobjekt zu werden. Es ist ihm unangenehm, auch seinen Mitspielern gegenüber. „Es reicht jetzt“, sagt er. „Ich fühle mich in Gladbach total wohl. Mit einem Wechsel, egal wohin, beschäftige ich mich derzeit überhaupt nicht.“ Das Werben anderer wird in Gladbach als störend empfunden. Weil Reus sich dadurch nicht verrückt machen lasse, sei das im Alltag aber „kein Problem“, sagt Trainer Lucien Favre. Und fügt hinzu, dass es zwecklos sei, weiter nachzufragen. „Wir haben beschlossen, darüber nicht mehr zu sprechen. Marco ist ein Teil der Mannschaft, jeder kennt seine Qualität. Punkt.“

Vertrag bis 2015

Über die Qualität des 22 Jahre alten Angreifers darf aber gesprochen werden, ohne dass sie in Gladbach etwas Unlauteres dahinter vermuten. Reus ist technisch stark, schnell und sucht den Abschluss. Fünf Tore und drei Vorlagen in dieser Saison belegen seinen Vorwärtsdrang auch statistisch. Wäre er häufiger so treffsicher, wie jüngst gegen Hannover 96 (2:1), als ihm beide Tore gelangen, wäre er das Geld, das bald als Ablöse aufgerufen werden könnte, jetzt schon wert.

Sein Arbeitsvertrag ist bis Ende Juni 2015 datiert, soll aber eine Klausel enthalten, die Reus im kommenden Sommer den Ausstieg für 18 Millionen Euro ermöglicht. Danach verringert sich die Entschädigungssumme angeblich um drei Millionen Euro je Jahr. Die Bemessungsgrundlage für die achtzehn Millionen lieferte der Gladbacher Vereinspräsident Rolf Königs, als er der „Rheinischen Post“ anvertraute, Wolfsburg habe schon vor der vergangenen Saison fünfzehn Millionen Euro geboten.

„Warum muss jeder zu Bayern gehen?“

Reus bringt ein Maß an Qualität mit, das ihn für höchste Aufgaben qualifiziert und auch bei ihm internationale Ambitionen wecken dürfte. Sein erstes Länderspiel hat er gerade gegen die Türkei absolviert, nachdem er Bundestrainer Joachim Löw zuvor mehrmals hatte absagen müssen. Auch für die beiden Länderspiele gegen die Ukraine und die Niederlande ist er nun nominiert. Sollte Reus seine Form halten, dürfte er ein sicherer EM-Kandidat im kommenden Jahr sein, sei es als „Backup“ für Thomas Müller auf dem rechten Flügel oder als zweite Sturmspitze.

Wer sich im Innern des Vereins umhört, erfährt, dass Reus nicht vor lauter Begeisterung die Bodenhaftung verliert, wenn er mit Bayern München in Verbindung gebracht wird. Der Reflex, ein Angebot der Bayern unbedingt annehmen zu müssen, scheint an Überzeugungskraft zu verlieren, weil die Kapazität der Münchner für die Aufnahme von Spitzenspielern an Grenzen stößt. „Warum muss denn jeder junge Nationalspieler zu Bayern gehen? Wo steht das geschrieben?“, fragt der Gladbacher Sportdirektor Max Eberl. Und wichtiger noch: „Wo sollen die da alle spielen?“

Zu leicht für den BVB

Die Liste von Jungprofis, deren vielversprechende Karriere aufgrund eines (zu) frühen Wechsels einen Knick bekam oder zumindest ins Stocken geriet, ist lang. Letztlich hat sich sogar Lukas Podolski, ein Mann mit inzwischen mehr als neunzig Länderspielen, beim FC Bayern nicht durchgesetzt. Neben Eberl, Favre und vielen anderen Borussen rät auch Günter Netzer, der Regiestar der goldenen Gladbacher Generation „Fohlen“, dem Aufsteiger, noch eine Weile die Geborgenheit des Borussia-Parks zu nutzen: „Reus ist noch in der Phase der Entwicklung. Er ist in Gladbach besser aufgehoben.“

Eberl hatte Reus vor zweieinhalb Jahren vom Zweitligaverein Rot-Weiss Ahlen nach Mönchengladbach transferiert. In seiner Zeit als Direktor der Nachwuchsabteilung hatte er das Talent schon beobachtet, als Reus noch Jugendspieler war. Dessen Auftritte in der zweiten Liga seien „die Bestätigung dessen gewesen, was wir in der Jugend gesehen hatten“, sagt Eberl. „Für einen so zierlichen, filigranen Kreativspieler ist es nicht leicht, in der zweiten Liga zu spielen, aber er hat körperlich dagegengehalten.“ Es sei „ein Wissensvorsprung“ gewesen, der Gladbach in die Lage versetzte, das Talent anzuwerben, das aus Dortmund stammt und vom BVB zunächst buchstäblich für zu leicht befunden worden war.

Als Reus sich als Berufsspieler zu profilieren begann, bauten die Dortmunder Borussen ihre junge Mannschaft auf, die alsbald deutscher Meister werden sollte. Doch bei Reus kam ihnen Gladbach zuvor und sicherte sich, für knapp eine Million Euro Ablöse, eines der wertvollsten Talente im deutschen Fußball. „Reus ist jetzt da, wo wir ihn erwartet haben“, sagt Eberl. Wo er in einigen Monaten oder Jahren ist, wird die Gladbacher, die Bayern, vermutlich auch viele andere und natürlich den Umworbenen selbst weiter beschäftigen.

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