31.10.2004 · Boaz Kimaiyo hatte sich längst von den Strapazen erholt, hatte seinen Streckenrekord von 2:09:10 Stunden beim 23. Frankfurt-Marathon mit breitem Lächeln gefeiert, da war Deutschlands bester Läufer noch auf der Strecke.
Boaz Kimaiyo hatte sich längst von den Strapazen erholt, hatte seinen Streckenrekord von 2:09:10 Stunden beim 23. Frankfurt-Marathon mit breitem Lächeln und erhobenen Armen eher kenianisch zurückhaltend gefeiert und die ersten Interviews hinter sich, als der Lärmpegel in der Frankfurter Festhalle noch einmal anschwoll. Die gesammelte Unterstützung der 7000 Zuschauer in Frankfurts "Guter Stubb", wie die Festhalle liebevoll genannt wird, war auch bitter nötig. Denn der beste deutsche Marathonläufer näherte sich der Ziellinie schleppenden Schrittes, ausgezehrt von den 42,195 Kilometern durch die City und maßlos enttäuscht. 2:17:0 zeigte die Uhr, als für Carsten Eich die Tortur endlich ein Ende hatte. Platz zwölf.
Minutenlang kauerte der 34 Jahre alte Athlet im Trikot der LG Braunschweig wie ein Häuflein Elend in einer Ecke, bis er wieder einigermaßen zu Kräften gekommen war. Und er wußte immer noch nicht recht, was da unterwegs passiert war bei dem ehrgeizigen Vorhaben, mit einer Zeit um 2:12 Stunden ein verkorkstes Jahr halbwegs zu retten. Aber selbst sein Minimalziel, den Gipfel der deutschen Jahresbestenliste, der eher ein Hügel ist, zu erklimmen, lag in weiter Ferne. Die 2:14:02 des Cottbuser Kollegen Stephan Freigang, im internationalen Vergleich nicht einmal zweitklassig, bleiben unangetastet. Dennoch war Eich in Frankfurt mit Abstand bester Deutscher. Das zeigt wieder einmal das ganze Elend des deutschen Langstreckenlaufs.
Ein Einbruch bei optimalen Bedingungen
Bis Kilometer 25 lag der 1,90 Meter große Dauerläufer, dessen Bestzeit (2:10:22) aus dem Jahr 1999 stammt, ganz auf Kurs. Dann kamen die Probleme: die Muskeln wurden härter, die Schritte kürzer. Und irgendwann ging es nur noch ums Überleben. "Ein Einbruch", gab Eich zerknirscht zu. Dabei war alles bestens: die Vorbereitung inklusive der beiden Höhentrainingslager in Sankt Moritz, das Wetter, die Strecke, die Hasen, die ihre Tempoarbeit zügig verrichteten, die Stimmung im Feld der 10 300 Läufer und rechts und links der Strecke. Optimale Bedingungen, was auch die Siegerzeit der zuvor nicht besonders in Erscheinung getretenen Russin Olejsa Nurgaljewa (2:29:48 Stunden) eine Sekunde vor ihrer Zwillingsschwester Elena belegt.
Carsten Eich hatte für all die strahlenden Gesichter um ihn herum keinen Blick. Die Rechnung war wieder nicht aufgegangen. Frankfurt als Verlustgeschäft. Die Olympiateilnahme hat er verpaßt, mit einer Zeit, die nicht einmal in der Nähe der Norm von 2:11 Stunden lag. Natürlich wäre er auf historischem Kurs gerne dabeigewesen, "aber wirtschaftlich hätte ich von Athen nichts gehabt. Ich wäre mit viel Glück Zwanzigster geworden, und das hätte keinen interessiert." Wahrscheinlich hat der Mann recht. Er muß ökonomisch denken. Aber das Geschäft läuft immer schleppender.
Der Fall Eich zeigt einen Teil der deutschen Misere, wenngleich die Gründe vielschichtig sind. Eich sieht das Elend germanischer Dauerläufer vor allem im fast nicht mehr vorhandenen professionellen Umfeld. Er versucht das als eine Art selbständiger Straßenlauf-Unternehmer so gut es geht aufzufangen. Er beschäftigt Trainer und Manager, und eigentlich müßte er für die komplizierten Steuersachen auch noch eine Sekretärin einstellen. Wenn er sich das leisten könnte. 400 Euro, sagt er, habe er für das Jahr 2004 an Zuschuß vom Deutschen Leichtathletik-Verband bekommen.
Das ist nicht mal der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Denn die vier Trainingslager, die Eich pro Jahr braucht, um halbwegs konkurrenzfähig zu bleiben, kosten ein paar tausend Euro. Der Aufwand ist hoch, der Ertrag, wie in Frankfurt, gering. "Uns bricht ja alles weg." Es gibt nicht mehr viele Vereine, die ihren Athleten ein halbwegs sorgenfreies Auskommen bieten können. Und von Preisgeldern kann er längst nicht mehr leben, denn die holen sich auch auf deutschen Straßen die Renner aus den ostafrikanischen Hochländern, an denen wiederum auch deutsche Manager teilweise gut verdienen. Auch in Frankfurt hat er nur schwarz gesehen. Neun Afrikaner vor ihm. Das ist schon frustrierend.
Marathon als Zuschußgeschäft
Aber es soll auch nicht nach Futterneid klingen, wenn Eich klagt: "Die Kenianer versauen uns die Preise. Die kommen zum Nulltarif und sind halt schneller als wir." Wer kann es den Veranstaltern verdenken, daß sie strikt nach dem Leistungsprinzip arbeiten. Das Image eines großen City-Marathons hängt nun einmal wesentlich von der Siegerzeit ab. Da können die fußlahmen Deutschen nicht viel verdienen. Zum Glück gibt es Ausrüsterfirmen. "Ohne die", behauptet der Dauerläufer, "wäre die Leichtathletik hier schon tot." Trotzdem arbeitet Eich seit 2001 halbtags in der Wertpapierabteilung einer Direktbank, um über die Runden zu kommen. "Ich muß arbeiten, damit ich nicht auch noch die Sozialabgaben selbst zahlen muß."
So langsam gewinnt er den Eindruck, daß sich der Marathon zum Zuschußgeschäft entwickelt. Wo schon eine schwarze Null nicht gerade den großen Anreiz bietet. "Wenn ich sehe, was übrigbleibt, kommen mir die Tränen." Und mit 34 Jahren steht er vor dem nächsten Problem. Er hat immer auf den Hochleistungssport gesetzt, aber in den nächsten zwei, drei Jahren muß er den Absprung ins Berufsleben schaffen. "Ich komme dann mit 36 ohne große Erfahrung und ohne Zeugnisse auf den Arbeitsmarkt", sagt Eich, wohlwissend, daß man auf so einen nicht unbedingt wartet. Eigentlich müßte er seinen potentiellen Nachfolgern, so es die überhaupt gibt, davon abraten, auf die Karte Marathon zu setzen. Es sei denn, es würde sich in der deutschen Leichtathletik grundlegend etwas ändern. Aber auch da sieht Carsten Eich eher schwarz.
CLAUS DIETERLE