16.01.2005 · Ein Sieg in Melbourne: Tennisprofi Hewitt will wahrmachen, wovon der kleine Lleyton träumte. Und ganz Australien hofft auf den ersten Heimsieg bei den Australien Open seit 1976.
Von Wolfgang Scheffler, MelbourneLleyton Hewitt schloß das Tennisjahr 2001 als Nummer eins der Welt ab, gewann 2002 Wimbledon und ein Jahr später die US Open. Doch ausgerechnet bei seinem Heimspiel wollte es bisher einfach nicht klappen. Achtmal hat der 23 Jahre alte Tennisprofi aus Adelaide an den Australian Open teilgenommen, aber mehr als drei Achtelfinalteilnahmen (2000, 2003, 2004) sprangen für ihn nicht heraus. Was niemand in Australien daran hindert, Jahr für Jahr aufs neue an das Ende der nun schon seit 1976 währenden Durststrecke im Herreneinzel zu glauben.
Seit der große Publikumsliebling Patrick Rafter seine Laufbahn vor vier Jahren beendete, ruhen fast alle Hoffnungen auf einen Heimsieg auf Hewitt, zumal der laufstarke Kämpfer diese Hoffnung Jahr für Jahr ebenso nährt wie die auf Mark Philippoussis kontinuierlich schwinden.
Die Auslosung meint es gut mit dem Lokalheroen
Das ist auch in diesem Januar nicht anders: Philippoussis fehlt verletzt, aber dafür gewann der Weltranglistendritte Hewitt am Samstag wie in den Jahren 2000, 2001 und 2004 wieder den letzten Aufgalopp, das ATP-Turnier im olympischen Tennisstadion von Sydney. In wenig mehr als einer Stunde setzte sich der Weltranglistendritte gegen den 20 Jahre alten tschechischen Qualifikanten Ivo Minar, der in der Branchenhackordnung nur auf Platz 158 geführt wird, 7:5 und 6:0 durch und feierte den 24. Turniersieg seiner Laufbahn. Dabei zeigte Hewitt nur im ersten Satz Schwächen, als er eine 5:0-Führung verspielte und der Außenseiter zum 5:5 ausgleichen konnte.
Die Form stimmt also, und auch die Auslosung für den am Montag in Melbourne beginnenden ersten Saisonhöhepunkt meint es gut mit dem Lokalheroen. Wie in Adelaide und Sydney trifft Hewitt zum drittenmal innerhalb von drei Wochen in der ersten Runde auf den Franzosen Arnaud Clement, den er nicht nur bei diesen beiden Gelegenheiten, sondern in allen fünf bisherigen Partien besiegte. "Wir kennen uns beide gut. Aber ich gehe sicherlich mit mehr Selbstvertrauen in diese Partie", kommentierte Hewitt sein Losglück, das ihm bis zum möglichen Halbfinale gegen den amerikanischen Weltranglistenzweiten Andy Roddick keine allzu hohen Hürden zumutet. In der zweiten Runde wartet der Sieger der Partie zwischen dem Amerikaner James Blake und dem Bayreuther Florian Mayer.
Federer: „Ich bin bereit“
Aber was noch schöner ist: Hewitt kann frühestens im Finale am 31. Januar Roger Federer begegnen. Denn der Weltranglistenerste darf mittlerweile als Angstgegner des Australiers gelten. Der neue Überflieger der Branche überließ Hewitt bei seinem vorjährigen Siegeszug in sechs Partien nicht einen einzigen Satz. Er beherrschte ihn auf dem Weg zu den Grand-Slam-Titeln in Melbourne, Wimbledon und den US Open sowie im Endspiel des Masters Cups in Houston sicher. Der Baseler, der das Jahr mit dem Turniersieg in Doha begann, blieb auch beim Schauturnier im Kooyong Tennis Club von Melbourne unbesiegt. Am Samstag schlug er im Finale Roddick 6:4 und 7:5. "Das ist ganz ungewöhnlich für mich, normalerweise spiele ich bei solchen Turnieren nicht so gut", sagte Federer, "ich bin bereit."
Federer gegen Hewitt - das wäre für die Organisatoren, für alle australischen Tennisfans das Traumfinale schlechthin. Hewitt wiegelte dennoch ab: "Um ins Endspiel zu kommen, muß man erst einmal sechs Matches gewinnen." Ausgerechnet bei den Australian Open ist das Hewitt noch nie gelungen - vielleicht weil vor heimischer Kulisse immer alle soviel von ihm erwarten und er sich allen von seiner besten Seite zeigen will. Erstaunlicherweise heizt Hewitt diese Hochstimmung noch an. "Jetzt, da ich ein paar Grand-Slam-Turniere gewonnen habe, glaube ich, daß ich bei den Australian Open eine große Chance habe. Es wird auf Rebound Ace gespielt, auf einem Boden, auf dem ich in Adelaide groß wurde und viele große Matches gewonnen habe", schreibt er in dem Buch "Our Open - 100 years of Australia's Grand Slam".
Begeisterung als siebenjähriger Knirps
Er erzählt, wie sehr ihn das Turnier schon seit seinem ersten Besuch als siebenjähriger Knirps fasziniert, wie er jedes Jahr mit den Eltern wiederkam; wie er als 15 Jahre alter Jungspund die Qualifikation überstand und vor Aufregung vor seiner Niederlage gegen den Spanier Sergi Bruguera kaum schlafen konnte; wie er ein Jahr später nach seinem ersten Turniersieg in Adelaide im Eröffnungsmatch des Turniers auf dem Centre Court gegen Daniel Vacek sein erstes Fünf-Satz-Match bestritt - und verlor.
Hewitt soll wie alle anderen Autoren am Nationalfeiertag, dem "Australia Day", am 26. Januar in einer kleinen Gala in der Rod Laver Arena dem Publikum präsentiert werden - und natürlich würde es den Gastgebern die Feierlaune kräftig verderben, wenn die aktive Rolle von Hewitt im Turnier dann schon beendet wäre.