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Leichtathletik-WM : Wie die Opfer des Doping-Betrugs geehrt werden

Jennifer Oeser (links) und Jessica Ennis bekamen nachträglich andere Medaillen von der Leichtathletik-WM 2011. Bild: dpa

Manche Leichtathleten erhalten erst Jahre später nachträglich ihre richtigen Medaillen, wenn Doper überführt werden. Doch nicht alle haben solch ein Glück wie Siebenkämpferin Jenny Oeser.

          Jenny Oeser hatte Glück. Nicht nur, dass sie sechs Jahre nach der Weltmeisterschaft von Daegu, bei der eine Doperin den Siebenkampf gewann, endlich die Silbermedaille bekam, die ihr zustand. Auf den ersten Platz war Jessica Ennis gerutscht. Ihr Trainer war es, der wie ein Löwe darum kämpfte, dass sie auch ihre dritte WM-Goldmedaille in würdigem Rahmen erhält. Das konnte für die Athletin aus Sheffield, seit ihrem Olympiasieg in London 2012 eine Heldin der Nation, nur bedeuten, dass sie bei dieser WM in London aufs Podium tritt. Der von dem Briten Sebastian Coe geführte Weltverband IAAF nutzte die Gelegenheit, gleich ein paar weitere Medaillen aus der Vergangenheit neu zu vergeben. Am Sonntag wurde der Union Jack für Jessica Ennis aufgezogen, „God Save The Queen“ für sie gespielt – und neben ihr stand Jenny Oeser.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Ich habe alles, was zu so einer Weltmeisterschafts-Medaille gehört, mitnehmen dürfen: die Siegerehrung, die Sportler-des-Jahres-Gala, die Belohnung mit dem Champion des Jahres“, sagt die 33 Jahre alte Bundespolizistin schon zuvor. „Wenn dies alles wegfällt, weil man Vierte ist, und Jahre später kriegt man doch die Medaille, dann ist da sicher ganz, ganz viel Frust dabei.“ Eine Betrogene, die Glück gehabt hat.

          Elf Einzelstarter und fünf Staffeln wurden in London mit Medaillen für vergangene Erfolge ausgezeichnet. Dies ist nur ein Bruchteil der Korrekturen, die vorzunehmen sind, seit alte Proben neu analysiert werden. „Vielleicht sollte man einen ganzen Tag der WM ausfallen lassen“ scherzt Toni Minichiello, der streitbare Coach von Jessica Ennis, „um all die Siegerehrungen vorzunehmen, die nötig sind.“ Rico Freimuth, der Zehnkämpfer aus Halle, hat es nicht so mit bitterem Humor. Wenn er sechs Jahre nach dem Wettkampf eine Medaille bekommen würde, sagte er, der Dritte der WM von Peking 2015: „Die würde ich gar nicht haben wollen, die würde ich wegschmeißen.“ Jenny Oeser dagegen lobt, dass erstmals WM-Siegerehrungen nachgeholt wurden. Bei Olympia in Rio gab es solche Zeremonien im leeren Stadion, in London waren die Ränge voll.

          Die Siebenkämpferin hat Anrufe und Mails von enttäuschten Leichtathleten erhalten, die zwar im Netz die Korrektur ihres Ergebnisses gefunden, vom Verband aber nichts gehört haben. Die Geherin Melanie Seeger sei seit dem vergangenen Jahr eigentlich Dritte der Europameisterschaft 2010. Hammerwerferin Betty Heidler, nachträglich auf Platz zwei der Olympischen Spiele von London aufgerückt, warte auf ihre Silbermedaille. Der ehemalige Geher André Höhne, die einstige Hochspringerin Ariane Friedrich – sie alle berichten vom langen Warten auf längst überfällige Anerkennung.

          „Das Allerschlimmste“: Jennifer Oeser, 2011 in Daegu bei der WM.
          „Das Allerschlimmste“: Jennifer Oeser, 2011 in Daegu bei der WM. : Bild: dpa

          Kugelstoßerin Nadine Kleinert und Hammerwerfer Markus Esser haben bei der deutschen Meisterschaft Medaillen überreicht bekommen – eine kleine Geste gegen den großen Betrug. Dreizehn Mal, sagt die Magdeburgerin, sei sie nachträglich hochgestuft worden. Bei den Sommerspielen von Athen 2004 gab sie ihre Bronzemedaille zurück, als die Siegerin Irina Korschanenko noch am Ort disqualifiziert wurde. Doch die Russin rückte ihre Goldmedaille nicht raus, die Neuvergabe scheiterte und Nadine Kleinert reiste ohne Silber- und ohne Bronzemedaille heim. Einmal habe sie all die Preisgelder und Prämien addiert, um die sie betrogen wurde, erzählte sie. Die Summe habe ihr Tränen in die Augen getrieben; sie verbrannte den Zettel. Esser stand bei der WM 2005 und der EM 2006 als vermeintlich Vierter im Abseits. Inzwischen gehören ihm Silber- und Bronzemedaille. Das Erlebnis Siegerehrung kann ihm niemand nachreichen.

          Adam Nelson wurde vom Ukrainer Jurij Bilonoh um den Olympiasieg von 2004 betrogen. Fast zehn Jahre später drückte dem längst ehemaligen Kugelstoßer ein Mitarbeiter des Nationalen Olympischen Komitees der Vereinigten Staaten vor einer Burger-Bude am Flughafen Atlanta die Goldmedaille in die Hand. „Ein Olympiasieg sollte ein erhebender und lohnender Moment in deinem Leben sein“, sagt Nelson. „Ich war jahrelang allein mit dem Gefühl von Verlust und Schmerz.“ Dem Doper macht er keinen Vorwurf. „Ich sehe ihn als Soldaten eines Systems, das das Falsche tat“, sagt er.

          Jenny Oeser ist strenger mit der Doperin Tatjana Tschernowa, der Blut-Doping und der Einsatz von Testosteron nachgewiesen wurde. Schon deren tiefe Stimme habe sie mehr als ahnen lassen, dass die Russin gedopt hatte. „Es ist einfach zu urteilen, wenn man wie ich in einem Land lebt, in dem man frei entscheiden kann, und nicht in einem System, in dem der Verband entscheidet, dass man gezielt zu dopen hat“, sagt sie. „Athleten sind heute über die gesundheitlichen Gefahren des Dopings besser aufgeklärt als in den siebziger und achtziger Jahren. Man muss sich aktiv entscheiden, ob man diesen Weg geht oder einen anderen. Dafür ist sie definitiv mitverantwortlich.“

          Jessica Ennis, Jenny Oeser und Tatjana Tschernowa sind inzwischen alle Mutter geworden. „Für mich ist dies das Allerschlimmste: Nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch die des Kindes aufs Spiel zu setzen“, sagt Jenny Oeser. „Das kann ich nicht nachvollziehen. Mir kann keiner erzählen, dass Sportlerinnen von heute, selbst wenn sie gezwungen werden sollten, zu dopen, nicht wissen, was das für Folgen hat. Sich dann zu entscheiden, ein Kind in die Welt zu setzen, dafür würde ich sie am meisten verurteilen.“

          Quelle: F.A.S.

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