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„Leichtathletik-Legenden“ Der lange rote Strich

In Berlin diskutierten „Leichtathletik-Legenden“ über Vergangenes. Mit dem Thema Doping wurde sehr sanft umgegangen. Dabei war eine illustre Runde beisammen.

© picture-alliance/ dpa Vergrößern „Wäre ich doch bloß nicht diesen dämlichen Weltrekord gelaufen”: Marita Meier-Koch

„Fluch oder Segen?“, das fragt sich Marita Meier-Koch. Und sie gibt offen zu, dass sie bis heute darauf noch keine abschließende Antwort gefunden hat. „Manchmal denke ich, wäre ich doch bloß nicht diesen dämlichen Weltrekord gelaufen. Manchmal denke ich, eigentlich kannst du doch darauf richtig stolz sein.“ Das sagte die Olympiasiegerin über 400 Meter von Moskau 1980 gerade in Berlin. Marita Meier-Koch saß da gemeinsam mit der Weitspringerin Heike Drechsler, Olympiasiegerin von 1992 in Barcelona und Sydney 2000, und mit dem Zehnkämpfer Jürgen Hingsen auf einem Podium. Der ehemalige Zehnkämpfer Christian Schenk hatte eingeladen. Zwei Tage lang diskutierten im Berliner Verkaufshaus eines großen Automobilkonzerns Athleten aus Ost und West über die Leichtathletik der vergangenen Jahrzehnte. Betitelt wurde das Ganze als „Wiedersehen der Legenden“.

Das allein deutete schon das Grundsatzproblem dieser Veranstaltung an, bevor sie überhaupt richtig begann. Denn wenn man Legenden Legenden nennt und sie als solche einlädt, dann fällt es schwer, sie zu hinterfragen. Es macht es sogar fast unmöglich, sich kritisch mit ihren Leistungen auseinanderzusetzen oder die Athleten aus ihrer selbstgewählten und bequemen Rolle von Opfern eines Staatssystems zu locken, sofern sie aus der DDR stammen. Dann nämlich wären die Sportlerinnen und Sportler schnell entzaubert und als Legenden kaum mehr tragbar. Selbst die auf dem Podium sitzenden, nach eigenem Verständnis kritischen Journalisten ließen sich auf dieser über zwei Abende angesetzten Veranstaltung nicht dazu hinreißen.

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Marita Koch zum Beispiel lief den bis heute gültigen Weltrekord über 400 Meter im Oktober 1985, also vor fast 24 Jahren. Die heute 52 Jahre alte Leichtathletin rannte die Strecke in der unglaublichen Zeit von 47,60 Sekunden. Das war in der australischen Hauptstadt Canberra. Dafür, dass die DDR-Athleten 1984 die Olympischen Spiele auf Staatsanweisung in Los Angeles boykottieren mussten, wurde ihnen diese Auslands- und Wettkampfreise von der DDR spendiert. „Als kleiner Ausgleich“, wie sich Marita Koch erinnert. Woran erinnert sich Marita Koch noch? Daran, dass sie immer „ein äußerst hohes sportliches Niveau, ein besonderes Talent hatte“. Daran, „dass ich sicher auch aus der großen Wut über den Boykott heraus so unheimlich schnell lief“, und vor allem daran, dass sie bis heute ein gutes Gewissen habe.

Kein Wort über das systematische staatliche Doping der DDR

Marita Koch fügt noch an, das allerdings erst nach dem offiziellen Teil der Veranstaltung, dass sie die ganze Doping-Diskussion für einseitig und westlich dominiert hält. Und dass es überhaupt eine Hauptarroganz seitens des Westens gegenüber den Ostathleten gebe. Schließlich meint sie noch, dass die ehemaligen DDR-Athleten heute nur noch als eine Art Angriffsfläche für westliche Sportjournalisten fungieren. Mehr nicht. Immerhin, das muss man Marita Koch zugutehalten, ist sie der Einladung von Veranstalter Christian Schenk zum „Wiedersehen der Legenden“ gefolgt.

Vielleicht aber aufgrund des Versprechens, dass es einen überaus sanften Umgang mit dem Thema Doping geben würde. „Wir sind ja quasi vergattert worden, hieraus keine Doping-Veranstaltung zu machen“, erklärte Herbert Fischer-Solms schon am ersten Abend in Berlin. Der Sportredakteur des Deutschlandradios saß nur zwei Stühle entfernt von Udo Beyer, DDR-Olympiasieger im Kugelstoßen 1976 in Montreal, Bronzemedaillengewinner 1980 in Moskau und lange Zeit Weltrekordhalter mit einer Weite von 22,64 Meter. Auch in der Diskussion mit Beyer fiel kein einziges Wort über das systematische staatliche Doping der DDR in der Zeit des Kalten Krieges. Udo Beyers Weltrekordstoß wurde durch einen langen roten Strich mitten durchs Foyer des Autohauses dargestellt. Manch einer fragte sich da, wie dieser kaum endende Strich zu erklären sei. Nur auf der Podiumsdiskussion nicht.

Stattdessen und sicher viel lieber erzählte der 53-jährige Beyer ein paar Anekdoten aus seiner Jugendzeit bei den DDR-Spartakiaden und wie er „sein ganz großes Ding“ machte. So jedenfalls bezeichnete der in Stalinstadt, dem späteren Eisenhüttenstadt, geborene Athlet seinen Stoß zum Gold in Montreal aus dem Jahr 1976.

„Das, was man sagt, wird einem doch im Mund umgedreht“

Auch Renate Stecher, die DDR-Sprinterin der siebziger Jahre, hatte Christian Schenk zum „Wiedersehen der Legenden“ eingeladen. Wie die ebenfalls angesprochene Ruth Fuchs, die Ausnahme-Speerwerferin der DDR und spätere PDS-Bundestagsabgeordnete, erschien sie nicht. „Das, was man sagt, wird einem doch im Mund umgedreht. Ich bin müde geworden, darüber zu sprechen, und habe einfach keine Lust mehr“, hat sie gegenüber Christian Schenk ihre Nichtteilnahme an dieser Veranstaltung begründet. Sie hätte ruhig anreisen können.

„Gedopt wurde doch überall, im Westen wie im Osten. Und auch heute wird in Deutschland, zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR, weiter gedopt“, sagte der ehemalige DDR-Sportreporter Heinz-Florian Oertel, den viele auch für eine Legende halten. Für diese Feststellung gab es den meisten Applaus. Oertel hat damit sicher nicht unrecht. Doch wirklich helfen kann solch eine Argumentation niemandem, und vorwärtsweisend ist sie schon gar nicht. Aber das war wohl auch nicht gewollt. Zum Schluss gab es noch Autogramme. Marita Koch musste die meisten schreiben.

Sie laufen, werfen, gehen, springen und haben dabei nur ein Ziel: Die Leichtathletik-WM vom 15. bis 23. August in Berlin. FAZ.NET begleitet die Topathleten auf ihrem Weg zu dem Sportereignis des Jahres: „Berlin, Berlin“ - Der Countdown zur Leichtathletik-WM 2009. Noch vier Wochen.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 20.07.2009, 10:30 Uhr