05.08.2005 · In Abwesenheit seiner schärfsten Konkurrenten ist der amerikanische Sprinter Justin Gatlin in Helsinki der große Favorit auf den 100-Meter-Titel. Der 23jährige will aber nicht nur gewinnen, sondern auch dem Publikum eine Show bieten.
Die schnellsten Männer der Welt haben meistens auch die größte Klappe unter den Leichtathleten. „9,75 Sekunden sind mein Ziel, aber erst einmal will ich hier den Titel holen“, tönte Olympiasieger Justin Gatlin vor dem 100-Meter-Finale am Sonntag bei den Weltmeisterschaften in Helsinki. „Ich bin sehr hungrig auf Erfolg und hoffe, daß ich dem Publikum eine große Show bieten kann.“
Der 23jährige amerikanische Athlet ist der große Favorit des Sprint-Spektakels, nachdem sein Landsmann Maurice Greene sich nicht für einen Einzelstart qualifiziert und Weltrekordler Asafa Powell (Jamaika) verletzt abgesagt hat. „Es ist eigentlich kein wirkliches Rennen, wenn ich nicht dabei bin“, tönte der dreimalige Weltmeister Greene vor dem Sprint-Showdown. Der 31jährige Ex-Weltrekordler wird nur in der 4 x 100-m- Staffel laufen, weil er bei den amerikanischen Trials verletzt auf der Strecke blieb.
9,94 Sekunden für eine Medaille
„Es ist schwer, aber ich muß damit leben“, sagte Greene, der noch mindestens zwei Jahre weiter laufen und sich bei der WM 2007 den Titel zurück holen will. Für das Helsinki-Finale prophezeit er: „Wer hier eine Medaille gewinnen will, muß unter 9,94 Sekunden rennen.“ Für Gatlin ist dies kein Problem, wie er zuletzt am 22. Juli in London mit 9,89 Sekunden bewies. Nur Powell, der mit 9,77 Sekunden im Juni in Athen den Weltrekord aufgestellt hat, war in diesem Jahr schneller.
„Es ist enttäuschend, daß er nicht dabei ist. Ich laufe gern gegen die Besten, weil sonst immer Fragen bleiben“, meinte Gatlin, der sich aber einen Seitenhieb gegen den Jamaika-Mann nicht verkneifen konnte: „Es ist eine ganz andere Sache, wichtige Rennen zu gewinnen, als nur schnelle Zeiten zu laufen.“ Im Olympia-Finale war Powell nur Fünfter geworden. Dagegen zeichnet Gatlin, der im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren wurde und durch sein Baby-Gesicht eher sanftmütig wirkt, ein starkes Nervenkostüm aus. „Er ist ein absoluter Meisterschafts-Läufer“, sagte der amerikanische Cheftrainer John Smith, „es ist toll, seine Entwicklung zu sehen.“
„Ich bin ein Publikums-Champion“
Gatlin selbst weiß um diese Stärke, die er schon im olympischen Finale 2004 in Athen als No-Name-Starter ausspielte: „Ich mag den Druck und alle Augen auf mich gerichtet zu haben, ich bin ein Publikums-Champion.“ Mit dieser Qualität will Gatlin nun auf unabsehbare Zeit zum Medaillensammler werden: „Ich hoffe, die 100 Meter über Jahre dominieren zu können.“ In Helsinki könnte ihm vor allem sein Landsmann Shawn Crawford in die Quere kommen. Wegen einer Fußverletzung tritt der 200-m- Olympiasieger bei der WM nur im Kurzsprint an.
Titelverteidiger Kim Collins (St. Kitts & Nevis) weist in diesem Jahr nur glatte 10,00 Sekunden als Reverenz vor - zu wenig, um ganz vorne mitzumischen. Zum Kreis der Medaillenanwärter zählen noch Leonard Scott (Vereinigte Staaten), Marc Burns und Darrel Brown (beide Trinidad), die allesamt unter der Zehn- Sekunden-Barriere blieben. Dies gelang als einzigem Europäer auch dem Franzosen Ronald Pognon (9,99). Nach dem Verzicht von Tobias Unger, der sich voll auf seine 200-m-Spezialstrecke konzentrieren will, ist im Kurzsprint kein Deutscher dabei.