04.08.2005 · Speerwerferin Steffi Nerius macht Schlagzeilen, ohne einen großen Wurf zu landen. Vor dem Auftakt der Leichtathletik-WM wirft sie dem Präsidenten ihres Verbandes Ahnungslosigkeit vor und plaudert über ihre abwechslungsreichen sexuellen Neigungen.
Von Michael Reinsch, HelsinkiNun hat Steffi Nerius Schlagzeilen gemacht, ohne einen großen Wurf zu landen. In einem Interview vor dem Auftakt der Weltmeisterschaft wirft die erfolgreichste aktive Speerwerferin Deutschlands dem Präsidenten ihres Verbandes Ahnungslosigkeit vor und plaudert über ihre abwechslungsreichen sexuellen Neigungen. Das ist nicht der Ausrutscher eines im Umgang mit der Öffentlichkeit unerfahrenen Mädchens, sondern eine gezielte Spitze der Olympiazweiten und Weltmeisterschaftsdritten.
Am Montag ist sie 33 Jahre alt geworden; das Interview eröffnet neuerdings ihre Website unter der Adresse steffi-nerius.de. Der für Leistungssport zuständige Vizepräsident Eike Emmerich gab für den Deutschen Leichtathletik-Verband die Replik: "Auch eine Speerwerferin weiß, daß nicht jedes Argument sticht." Doch bis am Samstag die Wettkämpfe beginnen, bis am Sonntag in einer Woche auch Steffi Nerius im Olympiastadion von Helsinki um eine Medaille kämpft, gehen die Wellen hoch im Verband - und sei es nur, indem sich Steffi Nerius mit dem Schwimmer Stev Theloke vergleichen lassen muß, den dessen Verband nach einer ähnlichen Attacke im selben Medium stehenden Fußes von der Weltmeisterschaft in Montreal nach Hause schickte.
Eine Bestrafung ist kaum vorstellbar
Eine solche Bestrafung wird sich der DLV mit Steffi Nerius nicht leisten können. Zu dünn sind seine Medaillenhoffnungen, zu selten zuverlässige Erfolgsathleten wie sie. Silber brachte sie von den Olympischen Spielen in Athen wie von der Europameisterschaft 2002 in München mit, Bronze gewann sie zwischendurch bei der Weltmeisterschaft in Paris. Ihre starke Position und damit ihre Unabhängigkeit vom Verband bestärkte sie vor weniger als zwei Wochen, als sie beim Sportfest ihres Vereins, Bayer Leverkusen, trotz Rückenbeschwerden und Trainingsbelastung so weit warf wie noch nie: 66,43 Meter. Olympiasiegerin Osleidys Menendez und ihre kubanische Mannschaftskameradin Sonia Bisset haben allerdings in diesem Jahr schon mal aufgezeigt, mit welchem Abstand sie zu siegen gedenken: mit 68,47 und mit 67,67 Metern. In Athen ging die Goldmedaille mit 71,53 Metern weg; der Wurf ging sechs Meter weiter als der von Steffi Nerius.
"Das ist ein anderes Niveau", sagt die deutsche Werferin dazu und will nicht den wohlfeilen Verdacht von Doping teilen. "Sie wirft halt technisch besser", sagt sie über die Favoritin auch dieser Weltmeisterschaften, "und sie hat auch mehr Kraft. Ich kann ihr nicht unterstellen, daß sie was macht, und dann verbessere ich meine Technik und werfe selbst zwei Meter weiter." Der einst brennende Ehrgeiz von Steffi Nerius, der sie einst auf der Insel Rügen in die Volleyballmannschaft ihrer Eltern brachte und dann auf die Kinder- und Jugendsportschule in Rostock trieb, der sie vor vierzehn Jahren nach Leverkusen wechseln ließ, wo ihr endlich, mit dem Sieg bei der deutschen Meisterschaft der Junioren, der Durchbruch gelang, hat begonnen zu flackern.
Starke Rückenschmerzen
Einerseits ärgert es sie, daß der Verband sie nicht mehr in den sogenannten Perspektivkader für die Olympischen Spiele 2008 in Peking aufgenommen hat. Andererseits gesteht sie, daß sie inzwischen so starke Rückenschmerzen hat, daß sie deshalb womöglich ihre sportliche Laufbahn beendet. "Noch so eine Saison wie 2001 machen ich nicht mit", sagt sie. Unter Tränen des Schmerzes hatte sie sich bis zu einer Ellbogenoperation durchgekämpft. Sie kann sich aber auch eine viel schönere Möglichkeit vorstellen, Schluß zu machen. "Wenn ich den Titel gewinnen sollte", sagt sie, "weiß ich nicht, ob ich mich noch mal motivieren kann. Ich brauche ein Ziel." Jenes, das sie immer noch verfolgt, hat sie als junges Mädchen bereits formuliert: "Ich will einmal ganz oben stehen auf diesem Treppchen und die Hymne hören." Unerheblich, daß sie damals noch in der DDR lebte und es die Melodie von Hanns Eisler gewesen wäre.
Längst ist Steffi Nerius ein freier Mensch geworden. Sie lebt ihre Überzeugung, daß die Konzentration auf Leistungssport allein schädlich ist. Nach dem Studium betreut sie als Diplom-Sportlehrerin nun behinderte Sportler in ihrem Verein; den Olympischen Spielen von Athen ließ sie ihr Engagement als Trainerin bei Bayer folgen. Auch die Einstufung als A-Kader, verbunden mit der entsprechenden Förderung, hat Steffi Nerius unabhängiger gemacht, auch wenn es mit dem Sponsoring, etwa auf ihrem Stirnband, nicht so recht klappen will.
"Ich profitiere vom DDR-System", sagt sie im Rückblick auf ihre Förderung und Anleitung zum Wechsel von Volleyball zu Speerwurf. "Da wurden Grundlagen gelegt, wie sie vielleicht der heutigen Jugend fehlen." Mit dreizehn Jahren wechselte sie ins Vollzeitinternat, immerhin für fünf Jahre. "Ich bin mit die letzte dieser Generation", sagt sie. Die innere Distanz zum aus dem Westen geführten Verband, so scheint es, hat sie nie überwunden.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 21 | 32 | 46 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 21 | 35 | 44 | ![]() |
| 3. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 21 | 22 | 43 | ![]() |
| 4. | ![]() |
FC Schalke 04 | 21 | 18 | 41 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 21 | -1 | 33 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 21 | 0 | 31 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 21 | -2 | 31 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 21 | -11 | 27 | ![]() |
| 9. | ![]() |
VfB Stuttgart | 21 | 3 | 26 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 22 | -2 | 26 | ![]() |
| 11. | ![]() |
Hamburger SV | 21 | -8 | 26 | ![]() |
| 12. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 22 | -6 | 24 | ![]() |
| 13. | ![]() |
1. FC Köln | 21 | -12 | 24 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 21 | -12 | 22 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 21 | -11 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 21 | -11 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 21 | -14 | 18 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 21 | -20 | 17 | ![]() |