27.08.2003 · Während Andreas Erm bei der Leichtathletik-WM in Paris über seine Bronzemedaille im Gehen über 50 Kilometer jubelt, erlebt die Olympiasiegerin Astrid Kumbernuss im Kugelstoßen ihr Waterloo.
Andreas Erm hat die lange Zeit der Erfolglosigkeit für Deutschlands Geher beendet. Mit seinem dritten Platz bei der WM in Paris hat der 27jährige Potsdamer die erste Medaille seit 1992 gewonnen - damals sicherte sich der heutige Bundestrainer Ronald Weigel bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona Bronze. Damit nicht genug: Erm, der auch von Weigel trainiert wird, verbesserte in seinem erst dritten Wettkampf über die lange Strecke mit 3:37:46 Stunden den deutschen Rekord seines Trainers vom 25. Mai 1986 um 31 Sekunden. „Wahnsinn, unfaßbar. Ich bin total breit“, sagte der gebürtige Berliner.
„Besser kann man sich nicht verkaufen“
„Andreas hat eine Superleistung geboten und sich taktisch klug verhalten. Besser kann man sich nicht verkaufen“, strahlte der Bundestrainer. Nur die polnische Geher- Legende Robert Korzeniowski, der mit 3:36:03 Stunden seine eigene Weltbestzeit vom Vorjahr in München um 36 Sekunden unterbot, und German Skurygin aus Rußland (2:35:55) lagen vor dem Deutschen. „Ich hatte keine andere Möglichkeit als die Weltbestzeit. Die anderen haben mich unter Druck gesetzt, ich mußte Risiko gehen“, sagte der Pole. Er ist seit 1997 das Maß aller Dinge, wurde zum dritten Mal Weltmeister und schaffte bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney sogar den Doppelsieg über 20 und 50 Kilometer.
Seine Anerkennung galt vor allem Andreas Erm, der bis Kilometer 20 mithielt und lange Sichtkontakt behielt. Der Deutsche bewies dabei bewundernswerte Kämpferqualitäten. Nach wieder auftretenden Oberschenkelproblemen, wegen denen er in der Woche 16 bis 17 Spritzen erhalten hatte und nicht trainieren konnte, rief Erm ab Kilometer 10 ständig nach Schmerzmitteln, die ihm auch verabreicht werden mußten. „Kneife den Arsch zusammen, du dumme Sau“, feuerte ihn Weigel an, der bis zum Vorjahr Australiens Geher betreute. „Andreas braucht diesen Arschtritt“, verteidigte er seine rüde Ausdrucksweise. „Er ist das Talent und noch nicht am Ziel.“ Bis Athen 2004 sollen im Training die Umfänge erhöht werden, um angreifen zu können. „Dazu muß sich Andreas noch mehr quälen“, fordert Weigel.
Verletzung im Abschlußtraining
Dagegen endete der Traum von einer Medaille für Astrid Kumbernuss mit bitteren Tränen. „Das sah nicht nach Kugelstoßen aus. Es ging gar nichts, ich hatte keine Chance“, schluchzte die Olympiasiegerin und dreimalige Weltmeisterin am Mittwoch nach ihrem überraschenden Aus in der Qualifikation in Paris und rang um ihre Fassung. „Dabei war ich doch so gut drauf. Ich hab' doch eine brutal gute Form.“
Beim Abschlußtraining am Sonntag hatte sich die 33jährige ausgerechnet beim letzten Stoß an der Kniekehle verletzt. Das Bemühen der Ärzte blieb erfolglos. Astrid Kumbernuss flüchtete aus dem Stade de France. „Ich bin froh, wenn mich jetzt einer in die Arme nimmt.“
Dafür war früher ihr Lebensgefährte Dieter Kollark zuständig. Doch der ist nur noch ihr Trainer und war ebenso wie Söhnchen Philip (5) zu Hause geblieben. Astrid Kumbernuss setzte die „schwarze Serie“ der deutschen Werfer-Routiniers fort. Ihre Trainingskollegin, Diskuswerferin Franka Dietzsch, war ebenso frühzeitig ausgeschieden wie Hammerwerfer Karsten Kobs. Nur die Diskuswerfer Lars Riedel und Michael Möllenbeck sowie Youngster Ralf Bartels im Kugelstoßen hatten gute Plazierungen geschafft. „Das ist eine echte Enttäuschung“, kommentierte Verbandschef Clemens Prokop das Scheitern von Astrid Kumbernuss.
„Heute früh war ich noch relativ optimistisch“, meinte die Neubrandenburgerin. „Aber schon beim Einstoßen habe ich gemerkt: Das wird nichts.“ So richtig wahrhaben wollte es die sechsfache deutsche Meisterin jedoch nicht. „Ich hatte mir immer gesagt, Bronze wäre ein Traum.“ Doch nach zwei Stößen auf 17,83 und 17,37 Meter sowie einem ungültigen Versuch und Platz 15 war Schluß. „Nicht mal 18 Meter“, meinte sie tief enttäuscht. Denn immerhin hatte sie kurz vor der WM noch 19,91 Meter hingelegt.
Jahrelang hatten die Werfer für die deutschen Medaillen gesorgt. Ein Generationswechsel ist überfällig, auch wenn der WM-Fünfte Bartels sagte: „Es ist für uns immer noch ein großer Schritt, die Älteren aufs Abstellgleis zu schieben.“