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Leichtathletik-WM Gatlin blendet alles aus und genießt „the feel“

08.08.2005 ·  Die Königsdisziplin der Leichtathletik hat spätestens seit dem Dopingskandal um das Balco-Labor ein Geschmäckle bekommen. Doch der 100-Meter-Weltmeister aus den Vereinigten Staaten will davon nicht viel wissen.

Von Michael Reinsch, Helsinki
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Was hatte Justin Gatlin nur zu sagen über den Hundertmeterlauf, der ihn am Sonntagabend in Helsinki zum Weltmeister machte? Schon kurz nach dem Start sei er in „the feel“ gewesen, erzählte er entspannt, und „the feel“ sei mit ihm gewesen. Das klang ein bißchen nach Jedi-Rittern und der „Macht“ aus dem Phantasiereich der Star Wars-Filme.

Doch der 23 Jahre alte Olympiasieger von Athen, der als Favorit ins Rennen gegangen war und es in 9,88 Sekunden vor dem Jamaikaner Michael Frater und Titelverteidiger Kim Collins (beide 10,05) mit dem größten Vorsprung aller bisherigen Weltmeisterschaften gewann, mit 17 Hundertstelsekunden, erklärte gern, was er damit meinte. „Als Sprinter muß man sich besonders konzentrieren“, sagte er, „man muß alles ausblenden. Du mußt als erster rauskommen aus den Blocks und als erster ankommen. Du darfst kein bißchen unsicher sein.“ Auch wenn Gatlin nicht als erster vom Startblock wegkam, sondern sich die zweitschlechteste Reaktionszeit leistete, war er doch bei etwa vierzig Meter gleichauf mit der Spitze und zog, als er sich aufgerichtet hatte, auf und davon.

„Ich habe noch mehr in mir“

„The feel“ - das mag auch das Gefühl gewesen sein, daß einer fehlte in diesem Rennen um den Titel des besten Sprinters der Welt. Asafa Powell, der im Juni in Athen den Weltrekord auf 9,77 Sekunden verbessert hat, saß nicht nur verletzt auf der Tribüne, sondern schwebte auch wie ein Geist über Lauf und Sieg. Der 22 Jahre alte Jamaikaner wußte, was er dem Publikum schuldig war und tönte: "Die Reaktionszeit von Gatlin war nicht berühmt, aber seine zweite Hälfte sehr gut. Wenn ich gelaufen wäre, hätte ich gewonnen." Den gefühlten Konkurrenten, behauptete seinerseits der Amerikaner Gatlin, hätte er auch in Wirklichkeit gebrauchen können. "Wenn Asafa Powell im Rennen gewesen, wäre es viel schneller gewesen", vermutete er. "Ich habe noch mehr in mir." Wäre es früher gewesen am Tage und etwas wärmer, legte er nach, wäre sogar der Weltrekord drin gewesen.

Mit Carl Lewis, dem neunmaligen Olympiasieger und fünfmaligen Einzel-Weltmeister, will sich der überragende Sprinter und Favorit im 200-Meter-Lauf und mit der Staffel nicht vergleichen. „Ich kann meinen Namen nicht in einem Atemzug mit seinem nennen“, behauptete er in aller Bescheidenheit. „Ich finde es wahnsinnig, daß er auf der selben Bahn gelaufen ist.“ „The feel“ hat sich geändert seit den goldenen Zeiten des Superstars Carl Lewis, der 1983 in Helsinki seine ersten Titel gewann. Zwar bauten die finnischen Organisatoren am Sonntagabend vor der Pressekonferenz sicherheitshalber Stahlabsperrungen zwischen Sprintern und Journalisten auf, doch die Zeiten des begeisterten Ansturms auf die schnellsten Läufer sind vorbei. Kein einziger Amerikaner stellte in der Pressekonferenz Gatlin eine Frage.

Gatlin gibt sich unberührt vom Balco-Skandal

Das Gefühl für den Sprint ist nicht mehr, wie es war. Diese Disziplin hat ein Geschmäckle bekommen, spätestens seit Balco. Seit man weiß, daß in den Labors des Frankensteins des Leistungssports, der Bay Area Laboratory Co-operative von Victor Conte, Dopingmittel mit der Garantie hergestellt wurden, daß sie nicht nachweisbar sind. Nicht „the feel“ war es, womit Trainer Trevor Graham den Sprinter Tim Montgomery fit für den Weltrekord machte, sondern „the clear“ - die Designerdroge THG. Montgomery und seine Lebensgefährtin Marion Jones, einst die besten Sprinter der Welt, sind nahezu verschwunden aus der Leichtathletik-Welt. Graham ist längst als derjenige bekannt geworden, der in einer erstaunlichen Volte die Substanz den Dopingjägern zur Verfügung stellte. Von Kelli White bis Dwain Chambers sind dadurch erstklassige Sprinter überführt und gesperrt worden.

Gatlin gibt sich unberührt. "Es kommt nicht nur aufs Siegen an", sagte er am Sonntag. „Wir müssen alle professionell zeigen, daß wir ohne Mittel auskommen.“ Er laufe auch für das Ansehen seiner Sportart, will er damit sagen. Seit drei Jahren trainiert er bei Graham in Raleigh in North Carolina. Seinen auf Amphetamin positiven Dopingtest bei der amerikanischen Hochschulmeisterschaft 2001 erklärte er mit einem Medikament gegen das sogenannte Zappelphilipp-Syndrom, das er nehmen müsse, seit er neun ist. Er wurde nicht gesperrt.

Die Ermittlungen in der Balco-Affäre - wer hat die Mittel verteilt, wer hat sie eingesetzt? - dürften inzwischen beendet sein. Am Freitag bekannte sich als letzter von vier Angeklagten der 73 Jahre alte Trainer Remi Korchemny vor Gericht in San Francisco der Weitergabe eines rezeptpflichtigen Medikamentes für schuldig und dürfte damit einer Bewährungsstrafe entgegensehen. Conte soll aufgrund einer Abmachung mit der Staatsanwaltschaft zu höchstens vier Monaten Gefängnis verurteilt werden. Über ihre Kunden müssen die Doping-Laborateure kein Wort verlieren. Da macht einem der (nicht akzeptierte) Antrag des amerikanischen Leichtathletik-Verbandes, die Gabe von anabolen Steroiden, dem Muskeldoping von vorgestern, mit lebenslanger Sperre zu bestrafen, ein merkwürdiges Gefühl. Wieso nur anabole Steroide? Was gibt es wohl Neues im Sprint?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. August 2005
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