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Leichtathletik-WM Ein Leichtgewicht überrascht das Establishment

26.08.2003 ·  Kim Collins von den Karibikinseln St.Kitts und Nevis ist überraschend zum WM-Titel über 100 Meter gesprintet. Titelverteidiger Greene scheiterte im Halbfinale, Weltrekordler Montgomery wurde Sechster.

Von Hans-Joachim Waldbröl, Paris
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Wer hatte Angst vor diesem schwarzen Mann? Jedenfalls keiner der arrivierten Sprinter und der auf den Sieg über 100 Meter abonnierten Amerikaner, die am Abend nach dem Erfolg von Kelli White eine böse Überraschung erlebten.

Dabei ist der 27jährige Kim Collins, der sich am späten Montagabend rotzfrech die Goldmedaille im Kurzsprint der Männer schnappte, schon einige Zeit in den Farben der Karibikinsel St. Kitts & Nevis unterwegs. Und das sogar recht erfolgreich. Bei den Weltmeisterschaften 2001 in Edmonton war er zwar auf Platz sechs in einigem Abstand zu den Medaillengewinnern gelaufen, aber über 200 Meter hatte Collins schon Platz drei belegt.

Chambers nur Vierter - Montgomery nur Sechster

Damit wäre er diesmal über die Paradestrecke eines jeden Sprinters sicher auch vollauf zufrieden gewesen. Aber warum sich mit dem dritten Rang begnügen, wenn die namhafte Konkurrenz körperlich schwächelt. Jedenfalls ließ Kim Collins die Favoriten aus dem Finalfeld, in das der Olympiasieger und dreimalige Weltmeister Maurice Greene wegen einer Verletzung im Halbfinale gar nicht erst vordringen konnte, nicht schlecht staunen, als er nach 10,07 Sekunden als Erster ins Ziel kam.

Aber der Sieg des Außenseiters war nicht einmal die größte Überraschung in einem Rennen, das der britische Europameister Dwain Chambers (10,08 Sekunden) auf Platz vier beendete, in dem der amerikanische Weltrekordhalter Tim Montgomery (10,11) sogar nur auf Rang fünf landete und sein Teamkollege und US-Meister dieses Jahres, Bernard Williams (10,13), Sechster wurde.

„Ein kleines Plop in meinem Oberschenkelmuskel“

Die Silbermedaille gewann nämlich ein erst achtzehnjähriger Blitzstarter, Darrel Brown aus Trinidad und Tobago. Seine 10,08 Sekunden erschienen zwar im wahrsten Sinne des Wortes nur zweitrangig im Vergleich zum Juniorenweltrekord von 10,01 Sekunden, mit denen der junge Mann im Viertelfinale das Augenmerk der Senioren auf sich gelenkt hatte.

Aber, wie sagte Maurice Greene in seiner persönlichen WM-Vorschau doch ganz richtig: „Jedes Rennen ist anders, es fängt immer wieder alles ganz von vorne an.“ Der 29jährige Amerikaner hatte allerdings nicht im Traum daran gedacht, daß für ihn das Titelrennen schon in der Vorschlußrunde beendet sein würde. „Mein Start war großartig, aber als ich aus den Blocks kam, spürte ich ein kleines Plop in meinem Oberschenkelmuskel.“ Der dreimalige Weltmeister und Olympiasieger im Kurzsprint stand das Rennen zwar bis zum bitteren Ende durch, aber er kam nur als Siebter ins Ziel und brauchte 10,37 Sekunden.

Amerikanische Staffel geschwächt

Greene, der für sein Großmaul bekannt ist, hatte sich in aller Stille auf die Titelkämpfe in Paris vorbereitet. Vor seinem ersten Start am Sonntag hatte er genau 44 Tage lang kein Einzelrennen mehr bestritten und damit Gerüchte genährt, er sei entweder völlig außer Form oder plage sich mit einer Verletzung herum. Letzteres hatte er bis zuletzt heftig bestritten: „Ich habe mich gestern gut gefühlt, ich habe mich vor dem Rennen gut gefühlt.“ Er sei hundertprozentig bereit gewesen zu rennen.

Davon kann für diese Weltmeisterschaften, laut Greene, jetzt keine Rede mehr sein: „Ich will die Chancen unserer Staffel nicht aufs Spiel setzen. Wir haben genug starke Jungs, die schaffen das auch ohne mich.“ Genau das ist inzwischen die Frage. Denn kurz bevor Greene aus dem Stadion humpelte, hatte der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) eine Mitteilung in Umlauf gebracht, die den weiteren WM-Weg von Jon Drummond in Frage stellte.

Ultimatum an amerikanischen Verband

Der Senior unter den amerikanischen Sprintern war am Sonntagabend die Hauptfigur eines aufsehenerregenden Auftritts, weil er seine Disqualifikation nach einem Fehlstart nicht akzeptierte. Durch einen Liege-Streik verzögerte er den Start der folgenden Viertelfinalrennen um mehr als eine halbe Stunde, bis „sein“ Lauf letztlich doch ohne ihn und den Jamaikaner Asafa Powell über die Bahn gehen konnte. Nun hat die IAAF unter Berufung auf die Regel 53.1 den amerikanischen Mitgliedsverband aufgefordert, bis zu diesem Dienstagabend, 20.00 Uhr, einen Untersuchungsbericht abzuliefern. Der Athlet habe sich „ungebührlich, unsportlich verhalten und habe dem Ansehen der Leichtathletik geschadet“.

Falls der Weltverband nicht zufrieden sei mit einer angemessenen Bestrafung Drummonds, werde sie eine eigene Sanktion gegen ihn verhängen. Das klingt gar nicht gut für das amerikanische Team, dessen männliche Sprintstaffel stets als aussichtsreichster Goldmedaillengewinner gilt - und diesmal zu platzen droht. Ob die IAAF-Oberen mit Rücksicht auf ihren (einfluß-)reichsten nationalen Mitgliedsverband nach dem Verletzungspech von Maurice Greene auf eine Verbannung von Jon Drummond verzichtet?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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