25.08.2003 · Ingo Schultz und Claudia Gesell gelten als Einzelgänger in der deutschen Leichtathletik, lassen sich nicht vom Verband steuern und gehen trotz unterschiedlicher Erfolge bei der WM in Paris weiter ihren eigenen Weg.
Von Jörg Hahn, ParisInnerhalb einer guten Stunde sollten Ingo Schultz und Claudia Gesell an diesem Dienstagabend laufend Werbung machen für die deutsche Leichtathletik, in den WM-Endläufen über 400 und über 800 Meter.
Der Mann aus dem Emsland aber ist am Sonntag als Siebter (46,02 Sekunden) im Halbfinale gescheitert: „Ich werde mir das Finale antun, von der Tribüne aus.“ Weil er nicht mehr dabei ist, setzt Schultz die Oberpfälzerin zusätzlich unter Druck. Wenigstens ein gutes Laufergebnis braucht der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) für die Außendarstellung.
Krasse Fehleinschätzung
Claudia Gesell gibt zu, vor den Europameisterschaften in München, wo sie Fünfte wurde, Angst gehabt zu haben. Wegen der Verletzungsfolgen habe sie ihren Leistungsstand schwer einschätzen können. Die WM erlebt sie dagegen befreit: „Ich bin aufgeregt, aber Angst gehört da nicht rein.“
In den vergangenen beiden Jahren sorgte, neben den diesmal in Personalnot geratenen Staffeln, in erster Linie Schultz für die Erfolge, als WM-Zweiter 2001 und als Europameister 2002. In dieser Saison blieb er weit von seiner früheren Form entfernt; die Medaillenprognosen seines Trainers Jürgen Krempin und auch von Schultz selber erwiesen sich als krasse Fehleinschätzungen. Ist das Vertrauen in den Trainer erschüttert? „Nö. Ich bin ja nicht beim Fußball und feuere nicht bei der ersten Niederlage den Trainer. Es wäre übertrieben, jetzt alle Konzepte über den Haufen zu werfen.“
„Wenn ein Tick nicht stimmt, reicht es nicht“
Umgekehrt könnte auch Krempin enttäuscht sein über seinen Athleten, denn von Schultz ging die Initiative zu einem letztlich nicht förderlichen, vielleicht sogar schädlichen Höhentrainingslager aus. „Na klar habe ich jetzt Anlaß, alles zu überdenken“, sagte Schultz am Tag danach. In Paris war für ihn nichts mehr zu retten; er war schlicht außer Form und beantwortete die Frage, ob ihm die ungünstige Außenbahn im Halbfinale geschadet habe, erfrischend ehrlich: „Für mich wäre jede Bahn nicht die richtige gewesen.“
Die Stadionrunde gehe immer an die Substanz. „Wenn da ein Tick nicht stimmt, reicht es nicht.“ Im Rückblick sieht er seinen schnellen Aufstieg und die beiden guten Jahre nicht mehr nur als Folge seines Talents und des Trainings. Es habe auch glückliche Umstände gegeben. „Deshalb kann man nicht sagen, wir wiederholen die Saison 2001. Man kann nie die gleichen Rahmenbedingungen herstellen.“
„Meine Leistung muß ich alleine bringen“
Für Schultz haben sich verschiedene Faktoren geändert; die öffentliche Vereinnahmung als Sportstar, vor allem zu Zeiten der gescheiterten Hamburger Olympiabewerbung, sei schwierig zu bewältigen. Die Doktorarbeit läßt der 28 Jahre alte Diplom-Eletrotechniker zwar ein bißchen ruhen auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2004, aber sie bleibt ein wichtiges Thema.
Daß er nach dem Wechsel von Olympia Dortmund zur TSG Hamburg Bergedorf - im Zuge der hansaetischen Olympiaträume - noch mehr auf sich alleine gestellt sei als früher, bestreitet Schultz. „Ich bin Individualist und habe immer viel alleine gemacht, wenig in der Trainingsgruppe. Und meine Leistung muß ich auch alleine bringen.“ Die professionelle Leistungsentwicklung ist gerade ein heißes Thema im DLV. „Wenn ich heute einen Athleten in die Weltspitze entwickeln möchte, erfordert das ein erhebliches Know-how von Trainerseite, ein hohes Maß an Spezialistentum“, meint Frank Hensel, der Generalsekretär und Leistungssportdirektor des Verbandes. Die besten Athleten zu den besten Trainern zu führen, sei eines der großen Probleme.
„Ich bin kein Profi“
Weniger bei Schultz, dafür aber im Falle Claudia Gesells hat der DLV schon mal die bestehende Betreuung in Frage gestellt. Die hoffnungsvolle Läuferin, bei den Junioren Welt- und Europameisterin, litt in den vergangenen beiden Jahren unter langwierigen Verletzungen und kam auch deshalb nicht wie gewünscht voran. Sie wird von ihrem Vater Horst Gesell trainiert. „Daran gab es keine Kritik, sondern es gab ein Gespräch im kleinen Kreis“, sagt sie. „Es ist nicht der gängigste Weg. Aber ich lasse mich nicht beeinflussen. Mein Vater ist der beste Trainer für mich, und es wird auch keinen anderen geben.“ Eher macht die 25 Jahre alte angehende Sportwissenschaftlerin Schluß mit dem Spitzensport.
Jetzt, da sie im Finale steht, herrscht vorerst sowieso Ruhe. „Ich lasse mir auch nicht unterstellen, daß ich schlecht trainiere, wenn ich alleine trainiere“, sagt Claudia Gesell. „Vielleicht profitiere ich sogar, denn ich muß für hartes Training ganz schön den inneren Schweinehund überwinden.“ Daß sie, anders als der DLV sich das bei seinem Spitzenleuten vorstellt, nicht einmal temporär ganz auf die Karte Sport setzt und in München studiert, verteidigt sie ebenfalls. „Ich bin kein Profi, aber das Studium ist mir sehr wichtig, und es tut sehr gut.“ Widerspruch des DLV wäre zwecklos.
Da hat die deutsche Leichtathletik also zwei hochbegabte Läufer, die jedoch so unbeirrt ihren eigenen Weg verfolgen, daß man sich nur überraschen lassen kann, was dabei herauskommt. Als Konstante einer Erfolgsrechnung taugen sie kaum. Es kann passieren, daß beide schon nach Athen 2004 Abschied nehmen. Sie sind nicht auf Sport beschränkt, ihr Horizont ist sehr weit gesteckt. Das mag das Publikum für ausgesprochen vernünftig halten, leistungsfixierte Funktionäre können damit nur schwer zurechtkommen.