07.08.2005 · Eine Stadionrunde von 58,2 Sekunden am Ende des 10.000-Meter-Laufs, die drei Plätze des Podiums - die Äthiopierinnen haben zum Auftakt der Weltmeisterschaft gezeigt, daß sie auch bei diesen Titelkämpfen die Langstrecken beherrschen.
Von Michael Reinsch, HelsinkiEine Stadionrunde von 58,2 Sekunden am Ende des 10.000-Meter-Laufs, die drei Plätze des Podiums - die Äthiopierinnen haben zum Auftakt der Weltmeisterschaft gezeigt, daß sie auch bei diesen Titelkämpfen die Langstrecken beherrschen. Die Weltmeisterin über 5.000 Meter von Paris, Tirunesh Dibaba, die Weltmeisterin über 10.000 Meter, Berhane Adere, und Ejegayehu Dibaba, die große Schwester der gerade neunzehn Jahre alten Tirunesh, zeigten in einem ebenso klugen wie furiosen Lauf der Konkurrenz ihre Grenzen auf. Paula Radcliffe, die schnellste Marathonläuferin der Welt, sorgte vom Start weg für Tempo und fiel schon vor dem Antritt der Äthiopierinnen zurück; sie wurde Neunte. Olympiasiegerin Xing Huina hielt noch am längsten mit - und wurde mit mehr als drei Sekunden Rückstand Dritte.
Doch einer war das für die Siegerin 30:24,02 Minuten währende Rennen noch zu langsam. Während die Siegerin ohne jede Häme sagte: "Paula Radcliffe hat uns geholfen", klagte Berhane Adere über die mangelhafte Tempoarbeit der Britin. Diese hatte den Lauf über die 25 Stadionrunden zwar zur Trainingseinheit für den Marathon am kommenden Sonntag erklärt - und gab sich hinterher auch betont entspannt -, versuchte aber vom Start weg, ihren Gegnerinnen davonzulaufen; erst bei Halbzeit gab sie die Führung kurzzeitig ab, spannte sich aber dann wieder vor das Feld.
Trainingseinheit für den Marathon
"Paula war nicht schnell genug", sagte die Zweitplazierte. In einem kürzeren Endspurt hätte sie größere Chancen gehabt. Da klang etwas anderes an als die Einigkeit, mit der äthiopische Läufer und Läuferinnen immer in die Rennen zu gehen scheinen. Sobald die Gegner geschlagen sind, ist die inneräthiopische Konkurrenz eröffnet. So wie Teenager Tirunesh Dibaba und die fast vierzig Jahre alte Adere Berhane auf der letzten Runde um die Wette rannten, werden auch an diesem Montag Weltmeister und Olympiasieger Kenenisa Bekele, der Olympia-Zweite und WM-Dritte Sileshi Sihine sowie Abebe Negera erbarmungslos gegeneinander sprinten, wenn es auch ihnen gelingt, im Formationsflug die Konkurrenz hinter sich zu lassen.
Sihine, der Lebensgefährte der jungen Weltmeisterin Dibaba, gilt als erbitterter Rivale des stillen Stars Bekele. Bei Adere Berhane spielt ein bißchen Bitternis mit in ihrem Ehrgeiz. Im vergangenen Jahr raubte ihr Nationaltrainer Wolde Meskal die wohl letzte Chance, Olympiasiegerin zu werden, indem er ihre Nominierung strich. Sie schimpft immer noch über diesen "dummen Menschen". Bekele ließ der Trainer nach dessen Sieg über 10.000 Meter in Athen harte Trainingseinheiten absolvieren. "Er hat ihn kaputtgemacht", sagt Bekeles Manager und Vertrauter Jos Hermens aus Holland. Meskals Auto wurde aus einer aufgebrachten Menschenmenge heraus mit Steinen beworfen, als er von den Spielen zurückgekehrt war. Nationaltrainer ist nun Tolosa Kotu.
Für Aufgeregtheit hat er nichts übrig
Während die Läuferin versuchen wird, sich am Samstag über 5.000 Meter schadlos zu halten - voraussichtlich wieder in interner Konkurrenz zu Tirunesh Dibaba -, und sich dann mit dem Wechsel zum Marathon beschäftigen wird, der Senioren-Laufbahn für Ausdauerathleten, wird Bekele wohl auf einen zweiten Start bei der WM verzichten. Er plant einen Weltrekordlauf über 10.000 Meter beim Golden-League-Meet in Brüssel. Für Aufgeregtheit hat er nichts übrig. Seit Anfang Januar beim gemeinsamen Training seine Verlobte Alem Techale an Herzversagen starb, ist der orthodoxe Christ ein anderer geworden. Während der vierzigtägigen Trauer trainierte er nicht und gewann doch beide Titel bei der Querfeldein-Weltmeisterschaft in Frankreich - zum vierten Male. Zum Training flog er anschließend erstmals nach Amerika. Seitdem spricht er zur Überraschung seiner Umgebung Englisch.
"Gott wird entscheiden, ob ich eine Medaille gewinne oder nicht", sagt Tirunesh Dibaba. Seit die kleine Läuferin und große Figur der äthiopischen Leichtathletik, Derartu Tulu, ihr eine große Zukunft vorausgesagt hat, überrascht sich die junge Läuferin immer wieder selbst. Sie sieht aus wie ein zerbrechliches Mädchen und könnte doch die erste Frau werden, der das "Double" auf den Langstrecken gelingt. Derartu Tulu, die 1992 in Barcelona erste Leichtathletik-Olympiasiegerin Afrikas und damit Symbolfigur nicht nur ihres Heimatlandes wurde, ist ihre Cousine. Inzwischen 33 Jahre alt, zweimal Olympiasiegerin und Mutter, hat sie ihre Laufstrecke verlängert. Am Sonntag wird Paula Radcliffe sie, um zu gewinnen, frühzeitig abschütteln müssen.