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Leichtathletik-WM Christina Obergfölls extremer Wurf

16.08.2005 ·  Viele sprechen vom Wurf ihres Lebens. Speerwerferin Christina Obergföll verblüffte mit ihrem Europarekord auf 70,03 Meter alle. Liegt das Erfolgsgeheimnis der 23jährigen in ihrer untypischen Technik?

Von Michael Reinsch, Helsinki
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Übermüdet und glücklich ist Christina Obergföll am Montag morgen in Helsinki ins Flugzeug nach Izmir gestiegen. Mitten im Speerwurf-Wettbewerb der Weltmeisterschaft am Sonntag abend hatte sie sich zwar noch eine Pause gegönnt, um überhaupt zu verstehen, was eigentlich passiert war. Ein Wurf von 70,03 Meter war ihr da gelungen; ein historisches Ereignis in der Welt des Speerwurfs. „Da kann man die Spannung nicht mehr aufbauen“, erklärte sie die Auszeit von drei Würfen, in der sie im Stadion hin und her lief wie ein Tiger im Käfig.

„Das ist so etwas von Wahnsinn und so unglaublich, was da passiert ist, daß man erst einmal mit sich selber beschäftigt ist. Man kann nicht einfach weitermachen. Den letzten Versuch habe ich nur für das Publikum gemacht.“ Ihr weiter Wurf brachte der Studentin aus Freiburg im Breisgau nicht nur die Silbermedaille, den Europarekord und 30.000 Dollar Prämie ein, sondern hat sie zur ersten Frau nach der überragenden Kubanerin Osleidys Menendez gemacht, die mit dem neuen Speer die Grenze von 70 Metern überwunden hat. Menendez setzte dem Wettbewerb die Krone auf - sie gewann mit Weltrekord: 71,70 Meter.

„Weiß nicht, was ich machen soll“

Doch im Tagesrhythmus des Leistungssports gibt es kein Verweilen. So feierte die 23 Jahre alte Studentin Obergföll in der Nacht zwar im Athletendorf von Espoo gemeinsam mit ihrer Mannschaftskameradin und Konkurrentin Steffi Nerius, die Bronze gewonnen hatte (mit 65,96 Metern), und dem Rest des deutschen Teams. Doch auf dem Flug zur Universiade in der Türkei wird sie bestenfalls ausschlafen können. Verstehen, was das für ein Wurf war, wird sie wohl erst später. „Es wird noch ein paar Tage dauern, bis ich das glauben kann“, vermutete sie.

Mit dem Ziel, die persönliche Bestleistung zu steigern, war Christina Obergföll nach Finnland gekommen. „65 Meter und Platz vier, und wir hätten ein Riesenfest gefeiert“, sagte ihr Trainer Werner Daniels nach dem Wettbewerb. „Jetzt stehe ich hier und weiß nicht, was ich machen soll.“ Auch Steffi Nerius, WM-Dritte vor zwei Jahren in Paris und Zweite der Olympischen Spiele, hatte plötzlich Orientierungsschwierigkeiten: „Da dachte ich, was geht denn hier ab? Ist das real?“

Der Wurf ihres Lebens

„Das passiert im Speerwurf schon mal, daß man einen Ausrutscher hat“, erklärte die Dreiunddreißigjährige nach dem Wettkampf. Sie wirft kontinuierlich, immer in der Weltspitze, doch nicht einmal in ihrem Leben auch nur 67 Meter weit. Sind Speerwerfer immer auf der Suche nach dem perfekten Wurf? „Ich nicht“, sagt Steffi Nerius. „Ich träume eher davon, einmal ganz oben auf dem Treppchen zu stehen. Was habe ich davon, wenn ich einmal auf einem Dorf-Sportfest siebzig Meter werfe?“

„Das war der Wurf ihres Lebens“, freute sich dagegen der Trainer von Christiane Obergföll. „Ich hoffe, das war er noch nicht“, widersprach die 23 Jahre alte Sportlerin. „So wie er auf der Leinwand aussah, denke ich, ich kann noch weiter werfen.“ Andererseits war sie von der Einzigartigkeit des Wurfes beeindruckt. „Ich weiß nicht, wie oft im Leben einem so ein Wurf rausrutscht“, sagte sie. „Ich hoffe, daß man von mir jetzt nicht erwartet, daß ich jeden Tag 68 oder 70 Meter werfe. Das ist einfach nicht machbar.“

Weltspitze bei Olympia in Peking?

So steht die junge Speerwerferin, die in dieser Saison erstmals Steffi Nerius herausfordern wollte, vor einer schwierigen Frage: Hat sie mit diesem Wurf den Zenit ihrer Karriere schon erreicht? Wird sie von nun an immer an dieser Weite gemessen werden - während es unweigerlich bergab geht? Es gibt viele Beispiele von Athleten, deren frühe Bestleistungen sich nicht als Versprechen auf künftige Erfolge erwiesen, sondern als Anfang vom Ende. Die Silbermedaille des Zehnkämpfers Frank Busemann ist so ein Beispiel, womöglich sind es auch der Europameisterschaftserfolg von Ingo Schultz oder der Olympiasieg von Nils Schumann.

Zwar habe ein leichter Rückenwind geweht, es habe aber keine Thermik gegeben, sagte Christina Obergföll selbstbewußt zu den Umständen ihres Wurfes: „Ich glaube, das lag schon an mir.“ Vor sieben Jahren entdeckte Daniels sie als sechzehnjährige Siebenkämpferin. Im Speerwurf brachte sie es auf 42,20 Meter. „Sie kann sich konzentrieren, hart arbeiten und hat einen ganz starken Ehrgeiz“, so beschreibt er seine Athletin. „Sie ist in der Form ihres Lebens.“ Vor zwei Wochen sprach ihn sein kubanischer Kollege Dionisio Quintana an. In drei Jahren, bei den Olympischen Spielen in Peking, prophezeite dieser nach einem langen Blick auf die große blonde Deutsche, würden seine Sportlerin Osleidys Menendez und Christina Obergföll ganz oben stehen.

Anders trainieren als die Konkurrenz

Christina Obergföll ist die Entdeckung im deutschen Team. „Ich frage mich immer, warum Christina nichts wehtut“, sagte Steffi Nerius nach dem Wettbewerb. „Wenn sie wirft, sieht das so zerreißend aus. Ich würde nicht so werfen wollen; es sieht mir zu gesundheitsschädlich aus. Aber es scheint ja effektiv zu sein.“ Die Studentin wirft und arbeitet in der Tat anders, denn Daniels ist kein Speerwurf-Trainer. Als er das Talent entdeckt hatte, konsultierte er Fachleute, befragte sie - und entwickelte ein System, das sich stark von dem der anderen unterscheidet.

Weil Christina Obergföll sich bei ihren Würfen so extrem bewegt, verlagert er das Training auf einzelne Teile des Wurfes. Nur etwa vollständige 170 Würfe absolviert sie im wöchentlichen Training. Steffi Nerius, zum Vergleich, wirft etwa dreimal soviel. Christina Obergföll studiert in Freiburg Sport und Englisch und ist befreundet mit Christian Nicolay. Die beiden haben ganz entschieden gemeinsame Interessen. Er ist deutscher Meister im Speerwerfen. „Wir haben im Training noch Reserven“, sagt Trainer Daniels, und dann fallen ihm die hohen Erwartungen ein. „Aber nur im Training.“

Quelle: F.A.Z. vom 16. August 2005
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Jahrgang 1958, Korrespondent für Sport in Berlin.

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