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Leichtathletik Techno-Doping?

15.01.2008 ·  Der südafrikanische Sprinter Pistorius ist wegen seiner Karbonprothesen nicht für die Olympischen Spiele zugelassen worden. Der Leichtathletik-Weltverband entschied gegen ihn, um den technischen Verbesserungen des Körpers Einhalt zu gebieten. Ist das fair?

Von Michael Reinsch
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Die Bestzeit von Oscar Pistorius, 46,56 Sekunden für 400 Meter, suggeriert, dass er nur gut eine halbe Sekunde von der Olympiateilnahme entfernt ist. Doch selbst wenn der Einundzwanzigjährige sich auf die Qualifikationszeit von 45,95 Sekunden verbessern würde, dürfte er nicht bei den Olympischen Spielen starten. Der Leichtathletik-Weltverband hat entschieden, dass die Karbonprothesen des unterschenkelamputierten Südafrikaners technische Hilfsmittel seien, die ihm einen deutlichen Vorteil verschafften und also gegen die Regel verstoßen. Für Pistorius dürfte Peking 2008 weiter entfernt sein denn je.

Ist das fair? Pistorius könnte ohne Prothesen gar nicht laufen. Deshalb ließen seine Eltern ihm mit elf Monaten die Unterschenkel, in denen keine Wadenbeine gewachsen waren, unterhalb der Knie entfernen. Inzwischen ist der junge Mann Paralympics-Sieger über 200 Meter und hält die Behinderten-Weltrekorde über 100, 200 und 400 Meter. Obwohl er im vergangenen Jahr an den großen Sportfesten von Rom und Sheffield teilnahm, waren seine wichtigsten Läufe doch die im November an der Sporthochschule Köln. Das Ergebnis des Leistungstests, das seit Dezember als dreißig Seiten starke Expertise vorliegt, lautet auf Ausschluss wegen Techno-Dopings.

Handicap zum Vorteil gemacht

Nicht nur dieses Wort hat der Sprecher des Weltverbandes geprägt, als er davor warnte, dass eines Tages auch Läufer mit Propeller antreten könnten. Der Verband hat auch - offensichtlich eine Lex Pistorius - erst im März 2007 den Absatz ins Regelwerk aufgenommen, den er nun gegen den Südafrikaner anwendet. Der Verfasser des Kölner Gutachtens, der Biomechanik-Professor Gert-Peter Brüggemann, beschreibt den Unterschied zwischen den J-förmigen Federn, auf denen Pistorius läuft, und einem menschlichen Fuß als so deutlich wie den zwischen einem Fahrrad mit Schaltung und einem Drahtesel ohne.

Der Entwickler der Rennprothesen, das Unternehmen Ossur des Isländers Jon Sigurdsson, hat aus dem Handicap unbestreitbar einen Vorteil gemacht. Führte der 400-Meter-Lauf nicht durch zwei Kurven, würde der sogenannte Blade-Runner mit seinen Siebenmeilenstiefeln der Konkurrenz auf und davon laufen - zumal er in der körperlichen Fitness, wie Brüggemann fand, noch Reserven hat.

So hart die Entscheidung für Pistorius ist: Es wäre unfair, setzte ein Verband Athleten einem Wettbewerb aus, der auch technologische Verbesserungen des Körpers umfasst. Das Internationale Paralympische Komitee, das die Interessen behinderter Sportler vertritt, protestiert nicht gegen die Entscheidung der Leichtathleten. Die Vorstellung, dass nicht behinderte Athleten Körperteile durch optimierte Prothesen ersetzen, mag auf den ersten Blick abwegig erscheinen. Doch der Sport hat schon zu viele Monstrositäten produziert, als dass man weitere ausschließen könnte.

Quelle: F.A.Z., 15.01.2008, Nr. 12 / Seite 28
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