Home
http://www.faz.net/-gtl-75t8n
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Lance Armstrong Der Unmenschliche

Lance Armstrong war der größte Radsportler aller Zeiten - und der größte Betrüger. Nach Jahren des Leugnens hat er nun in einer Talk-Sendung Doping gestanden. Über ein Leben, das so nur im Inneren einer moralischen Blase führbar war.

© AFP Vergrößern Lance Armstrong: Siebenfach aberkannter Gewinner der Tour de France und anerkannter Betrüger durch Doping

Dass alles ein großer Betrug ist, das hat man schon vor dem Interview von Lance Armstrong mit der amerikanischen Talk Lady Oprah Winfrey gewusst. Es gab positive Doping-Kontrollen, es gab Zeugenaussagen, stichhaltige Indizien. Wer hinschaute, zuhörte, konnte nicht zweifeln.

Anno Hecker Folgen:  

Lance Armstrong, Ikone des Radrennsports, ist längst als der größte Doping-Betrüger des Spitzensports entlarvt, lebenslang gesperrt. Der Mann, der über Jahre an der Nadel hing. Der sich eben noch eine Injektion kaltes, eigenes, getuntes Blut verpassen ließ und kurz darauf eiskalt log: Ich und gedopt? Niemals. Fast 13 Jahre hat der Texaner dieses Spiel durchgehalten. Die ewigen Nachfragen, die zunehmenden Verdächtigungen, die Vorwürfe ehemaliger Teamkollegen, die als Augenzeugen aussagten; selbst wissenschaftliche Belege für eine Manipulation während des ersten Tour-Sieges 1999 brachten ihn nicht aus dem Tritt. Armstrong hielt stand, hielt Kurs. „100 Prozent nein“, antwortete er auf Fragen nach der Einnahme von Doping-Mitteln, „100 Prozent.“

Wie hält man das aus, ohne daran zu zerbrechen?

War das nicht anstrengender, als sich die höllischen Anstiege zu den Alpenpässen hinaufzuquälen, siebenmal die Tour de France zu gewinnen, alle in Grund und Boden zu stampfen? Täuschen, tricksen, manipulieren, lügen, draußen tagein, tagaus den Saubermann spielen und drinnen Chef eines entwürdigenden, schmutzigen Systems zu sein: Wie hält man das aus über die Jahre, ohne daran zu zerbrechen?

Wenn Lance Armstrong auftrat, wich die Menge vor ihm wie einst das Meer vor Moses. Vor einem hageren Mann mittlerer Größe. Muskeln hätte man erwartet angesichts seiner wuchtigen Tritte in die Pedale. 470 Watt konnte Armstrong über eine Stunde leisten, genug, um ein Wohnzimmer auszuleuchten. Radsportexperten schrieben Elogen über die Kunst des Amerikaners, im Zeitfahren davonzurauschen, die Berge hinaufzufliegen, alle stehenzulassen. Nichts von dieser Energie ist auf den ersten Blick zu sehen. Armstrong hat schlanke Beine, wiegt 71 Kilogramm, bei einer Länge von 1,77 Metern. Da steht ein Leptosom. Seine Kraft ist unsichtbar. Sie kommt aus dem Kopf. Er hat sie entwickelt über die Jahrzehnte im Sattel.

Mehr zum Thema

Wenn andere die Füße hochlegten, wenn der deutsche Rivale Jan Ullrich, wie Armstrong einst in der Fachzeitung „Tour“ ätzte, wegen einer Erkältung auf der Rolle in der Garage fuhr, ließ er die Kurbel bei Schnee und Eis in New York kreisen, mit einer hohen Frequenz. 40 000 Kilometer im Jahr, bei Wind und Wetter. Echte Maloche auf einem harten Kohlefaserrahmen. Stampfen, keuchen, Schmerzen ertragen, an die Grenze gehen, immer und immer wieder. Kaum eine Sportart verlangt eine so extreme Bereitschaft, sich weh zu tun. Leistungssport ist oft auch die Wiederholung von Schmerz. Aber Armstrongs Leidensfähigkeit allein erklärt seine Erfolge eben nicht.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Radsport-Sponsor Alpecin Waschen, legen, fahren

Haarshampoo-Hersteller Alpecin steigt als Sponsor beim Radrennstall Giant-Shimano mit den deutschen Stars Kittel und Degenkolb ein. Überhaupt herrscht wieder Bewegung im Radsport. Mehr Von Rainer Seele

24.09.2014, 15:52 Uhr | Sport
Was wissen Sie über die Frankreich-Rundfahrt?

An diesem Samstag startet die 100. Ausgabe der Tour de France. Drei Wochen lang kämpfen die Radprofis in Frankreich um das Gelbe Trikot. Aber wie gut sind Sie auf die Grande Boucle vorbereitet, die große Schleife? Testen Sie ihr Wissen im FAZ.NET-Quiz. Mehr Von Robin Kunte

02.09.2014, 15:23 Uhr | Sport
Rad-WM Ullrichs Erbe

Jens Voigt ist als letzter Vertreter einer skandalösen deutschen Generation von Radprofis abgetreten. Die neue Garde will die alten Sünder abhängen. Und wirklich: Kurz vor der Radsport-WM nähert sich die ARD wieder an. Doch wie gut sind die verlorenen Söhne wirklich? Mehr Von Rainer Seele

23.09.2014, 11:37 Uhr | Sport
Jogi Löw bleibt Bundestrainer

Der 54-jährige sagte dem DFB, er habe nicht vor, seine Verpflichtung vorzeitig zu beenden - es gäbe nach dem Sieg der WM noch weitere Ziele. Er könne sich außerdem nichts Schöneres vorstellen. Mehr

23.07.2014, 17:06 Uhr | Sport
Rad-WM Land der Radfahrer kommt wieder in Tritt

Die Doper-Generation um Jan Ullrich hatte fast jedes Interesse der Deutschen am Profi-Rennsport zerstört. Ihre Nachfolger kämpfen um Aufmerksamkeit - und den WM-Titel im Straßenrennen. Mehr Von Michael Eder

28.09.2014, 11:51 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 17.01.2013, 22:55 Uhr

Der Sport muss ins Boot steigen

Von Anno Hecker

Die Politik einigt sich auf einen Entwurf zu einem Anti-Doping-Gesetz. Man muss den Eindruck haben, der Spitzensport sitze nicht mit im Boot, wenn in Berlin über sein Schicksal entschieden wird. Mehr 1