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Kunstturnen Vom kleinen, frechen, gelehrigen Schüler

 ·  Noch aber kommt der Auftritt eines kleinen, gelehrigen Schülers. Fabian Hambüchen hat sie begriffen, die Lektion in angewandter Politikwissenschaft, Unterfach Entscheidungsfindung unter populistischem Druck.

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Früher versammelten sich die Athener zu ein paar Tausenden gegenüber der Akropolis, um die griechische Demokratie zu erfinden. Heute versammeln sich ein paar tausend Athener in der Olympiahalle, um die olympische Demokratie zu erfinden. Und ein gelehriger deutscher Schüler mittendrin.

Kurz nach 23 Uhr: Alexander Nemow am Reck. Der Russe turnt spektakulär. Sechs Flugteile, das Volk ist begeistert. Dann die Wertung: 9,725 Punkte, deutlich weniger als die beiden vor ihm ins Gerätfinale Gestarteten: Die erzielten mit nur je einem Flugteil 9,787. Als Nemows Wertung erscheint, bebt die Halle. Die Zuschauer buhen, pfeifen, brüllen. Ihr Lärm, ihre Wut verhindern die Fortsetzung des Wettbewerbs, zehn Minuten lang - bis die nervös gewordene Jury ihr Urteil korrigiert. Es ist ein unglaublicher Fall von nachträglicher Flexibilität, der beweist, wie sehr sich die Mechanismen des Wertungssports nach dem Prinzip des größeren oder kleineren Widerstands richten. Das Volk will mehr für seinen Favoriten. Damit es weitergeht, bekommt es seinen Willen. Zumindest ein bißchen.

Wieder bricht das akustische Inferno los

Der Kampfrichter aus Malaysia erhöht seine Wertung von 9,60 auf 9,75; der aus Kanada von 9,65 auf 9,75. Das ergibt die neue Note für Nemow: 9,762. Als die Zuschauer sehen, daß der Russe damit immer noch hinter den anderen liegt, bricht wieder das akustische Inferno los, angefeuert von rudernden Armbewegungen des russischen Trainers. Der Amerikaner Paul Hamm kann immer noch nicht ans Gerät. Er geht zu Nemow, fordert ihn auf, etwas zu tun. Und Nemow, einst der beste Turner der Welt, Vertreter einer Turnnation, die seit 1952 die olympischen Wettbewerbe dominierte und nun ganz ohne Turnmedaille in Athen bleiben wird, tritt aufs Podium. Dankt dem Publikum. Bittet mit beschwichtigenden Gesten um Ruhe für den nächsten Turner. Endlich, irgendwann, kann Hamm ans Gerät. Der Amerikaner, der im Mehrkampf durch einen Wertungsfehler Gold gewonnen hatte, bekommt für seine Übung die neue Höchstwertung: 9,812, schon bricht es wieder los.

Dieser aufgeladene, massenpsychologisch wohl einzigartige olympische Moment ist die Chance für Igor Cassina. Der Italiener tut das Richtige: Er turnt spektakulär, zeigt das atemraubende, nach ihm benannte Flugteil, Doppelsalto mit halber Drehung über der Stange. Und landet sauber. Es folgt tosender Jubel, der noch dem hartgesottensten Kampfrichter ins Stammhirn brüllt, den Italiener nach vorn zu setzen. Wenn schon nicht Nemow, dann wollen sie Cassina. Cassina wird Olympiasieger.

Kleiner Kerl, großer Wettkämpfer

Noch aber kommt der Auftritt eines kleinen, gelehrigen Schülers aus Niedergirmes. Der hat sie prompt begriffen, die Lektion in angewandter Politikwissenschaft, Unterfach Entscheidungsfindung unter populistischem Druck, populär formuliert: "Die Übung von dem Italiener war schon der Hammer, da ging das Publikum richtig ab, und die Kampfrichter konnten nicht anders, als eine hohe Punktzahl rauszuhauen." Als Fabian Hambüchen als siebter der zehn Turner ans Gerät geht, will er die vorgeheizte Stimmung, die Drucksituation für die Jury für sich ausnutzen. Kleiner Kerl, großer Wettkämpfer: Trotz hitziger Atmosphäre und langer Wartezeit zeigt er eine hervorragende Übung. Nur die Landung: ein Ungleichgewicht, ein Drehschritt nach rechts.

"Ich habe noch versucht, mit einer Jubelpose das Publikum anzuheizen", sagt der freche Kerl, Schultern eines Mannes, Gesicht eines Kindes und Ausdruck eines kleinen Professors. "Aber der Schritt war einfach zu groß." Er meint den kleinen Schritt zur Seite. Der hat ihn laut Bundestrainer Andreas Hirsch "vielleicht die Bronzemedaille gekostet". Nicht aber den großen Schritt nach vorn, den der Hoffnungsträger des deutschen Turnens in Athen gemacht hat. Platz acht in der Mannschaft, und das mit der emotionalen Last des tragischen Trainingsunfalls von Ronny Ziesmer; der Einzug ins Mehrkampf-Finale; und nun, mit 9,700 Punkten, der siebte Platz im Reck-Finale: "Wenn wir diese Bilanz vorher gewußt hätten", so Hirsch, "wir hätten uns ein Loch in den Bauch gefreut." Fürs Freuen will sich Hambüchen nun Zeit nehmen, "Dorfatmosphäre genießen" und sich's bis zum Heimflug am Montag "am Pool gut gehen lassen".

Mehr Risiko wird nicht belohnt

Ach ja, noch eine kleine Bemerkung zum großen Aufruhr: "Die Bewertungen", sagt Hambüchen lapidar, "waren alle korrekt." Das bestätigen andere Experten. Denn nicht nur mit großen Flugteilen, auch mit kleinen Drehungen, Felgen, Griffwechseln lassen sich technische Schwierigkeiten zum Ausgangswert von 10,0 addieren. Und dann zählt nur noch die Ausführung. Mehr Risiko wird nicht belohnt, jedenfalls nicht von der Jury. Nur vom Publikum. Und nur, wenn das Publikum das so beharrlich tut wie in Athen, dann doch auch wieder von der Jury. Das Volk kann nicht immer wissen, worum es im Detail wirklich geht. Aber gegen Volkes Stimme ist im Detail schwer anzukommen. Deshalb ist der Sport nicht für die Demokratie gemacht. Sondern für die Diktatur der Schiedsrichter.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. 8. 2004, Nr. 197.
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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