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Kommentar zur Mundpropaganda : Küss mich

Historisches Vorbild: Leonid Breschnew küsst Erich Honecker Bild: Barbara Klemm

Die Unterhaltungsbranche macht dem organisierten Sport vor, wie einfach Protest gegen ein Gesetz ist, das wie von Vorgestern erscheint, aber erst dieses Jahr verabschiedet wurde.

          Wir haben die Kollegen von „GQ“ lieb. Haben sie doch eine Kampagne auf die Beine gestellt, die es so hierzulande noch nicht gab: „#Mundpropaganda“ heißt das Motto, unter dem sich prominente Männer in dem Lifestyle-Magazin küssen. Richtig: Herbert Grönemeyer küsst August Diehl, Rapper Moses Pelham knutscht mit seinem Intimfeind Thomas D., die Band Fettes Brot inszeniert für die Kamera gleich einen Kuss-Dreier, und die Lippen von Julius Brink finden nach eigener Aussage ebenfalls zum ersten Mal die eines Mannes: Jonas Reckermann hält ihn in den Armen, wie vor 16 Monaten nach dem Olympiasieg im Beachvolleyball im Londoner Sandkasten.

          „Meine Frau ist mir dennoch lieber“, sagt Brink im dazu gehörenden Werbevideo, doch darum geht es nicht. Stattdessen bringt Schauspieler Ken Duken, tête-á-tête mit Kollege Kostja Ullmann, seine Sicht auf den Punkt: „Für mich ist es nicht nachvollziehbar, dass die Olympischen Spiele da immer noch sind.“

          Kampagne gegen Homophobie: Jonas Reckermann und Julius Brink

          Da? Damit ist Sotschi gemeint. Und da, das heißt Wladimir Putins Russland mit seinem Gesetz gegen die „Propaganda für nichttraditionelle sexuelle Orientierungen unter Minderjährigen“, das Homosexuelle diskriminiert und von weiten Teilen der Bevölkerung befürwortet wird.

          Denn das Gesetz ist schlicht mit Artikel 6 der Olympischen Charta nicht vereinbar, die jede persönliche Diskriminierung ausschließt. Weshalb Putin, Herr über die Spiele von Sotschi, das Gesetz für den Zeitraum des olympischen Besuchs nicht anwenden möchte – und so offenbar das Internationale Olympische Komitee zufrieden stellt.

          Und prompt führt die Unterhaltungsbranche dem organisierten Sport und seinen Sponsoren vor, wie einfach der Protest gegen ein Gesetz ist, das wie von Vorgestern erscheint, aber erst dieses Jahr verabschiedet wurde. Natürlich haben die Kollegen von „GQ“, die Showprofis, und vermutlich auch Brink und Reckermann erkannt, dass dem professionell inszenierten Statement schnelles Lob und positive PR sicher sind. Aber ist die Botschaft deshalb falsch? Mitnichten.

          Deshalb ist die Aktion ebenfalls ein richtiges Zeichen – wie der Verzicht Joachim Gaucks, die Spiele zu besuchen. Haltung zu zeigen wird nicht deshalb falsch, weil es dafür Applaus gibt. Julius Brink, der anders als Jonas Reckermann seine Karriere noch nicht beendet hat, will übrigens auch im kommenden Jahr wieder beim Moskauer Grand-Slam-Turnier aufschlagen, direkt vor Putins Haustür. Dort, wo einst Leonid Breschnew seine Staatsgäste wie Erich Honecker mit einem innigen sozialistische Bruderkuss empfing. Heute wird auf dem Roten Platz die Liebe diskriminiert.

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