06.07.2005 · Mit dem Sieger London können alle leben. Die Stadt hat mit „Fakten, Jugend, Sport und Emotion" geglänzt. Dem Favoriten Paris hat das IOC wieder die kalte Schulter gezeigt, dies dürfte nun das Ende der Bemühungen der Franzosen bedeuten.
Von Jörg HahnDie dritte Niederlage von Paris, nach den verlorenen Wahlkämpfen um die Olympischen Spiele 1992 und 2008, räumt auf mit einer vermeintlichen Regel im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), daß nämlich Ausdauer und Wohlverhalten, solide Arbeit statt lauter Werbung sich irgendwann bestimmt auszahlen.
Daran gemessen, hätten die Franzosen den Zuschlag diesmal wirklich verdient gehabt. Zumal ihnen im Prüfbericht Höchstnoten verliehen worden waren. Die beste Tagesform hingegen bewiesen die Briten. Londons Performance auf der Bühne von Singapur ließ kaum jemanden unbeeindruckt, und Sebastian Coes Leadership begeisterte selbst abgebrühte Beobachter. "Ein Sieg für London ist etwas ganz Großes, mehr als meine Olympiasiege", sagte der frühere Leichtathlet. Verdienter Lohn: Als erste Stadt der Welt wird London 2012 zum dritten Mal - nach 1908 und 1948 - Gastgeber Olympischer Spiele sein.
Womöglich hat die Mehrheit der IOC-Mitglieder die Aussicht gereizt, mit dem Votum die britische Hauptstadt in den nächsten Jahren ein Stück mitgestalten zu können. Die versprochenen Umwälzungen werden London stark verändern und ein großes Erbe für den Sport, für Olympia hinterlassen. Paris ist schon viel weiter, hat aktuell mehr vorzuzeigen als bloße Pläne und Absichtserklärungen. Aber heute weiter zu sein, kann auch bedeuten, morgen von gestern zu sein. Mit anderen Worten: London ist im Sinne des IOC und der Spiele noch formbarer. Paris hat die Liebe zu den Spielen beschworen, das Komitee dem Bewerber aber wieder einmal die kalte Schulter gezeigt. Dies dürfte nun das Ende der Bemühungen der Franzosen bedeuten.
Mit der Vergabe von Olympia 2012 an einen europäischen Kandidaten war gerechnet worden; Paris, London, Madrid, so hieß die Vorhersage. Beinahe wäre es sogar auf einen finalen Zweikampf zwischen London und Madrid hinausgelaufen, Paris hatte im dritten Wahlgang kurz vor dem Scheitern gegen den spanischen Bewerber gestanden. Wäre es dazu gekommen, hätten sich die Kritiker des IOC bestätigt fühlen können, daß Fair play in diesem Gremium nach wie vor keinen festen Platz hat. Denn es wäre nur noch mit Taktik oder gar Hinterlist zu begründen gewesen, warum eine Stichwahl ohne den objektiv besten Bewerber stattfindet. Das IOC wäre in Erklärungsnot gekommen, weshalb es viele Städte in einen jahrelangen, sehr teuren Wettbewerb schickt - und sich dann um Leistung nicht weiter schert. Mit dem Sieger London können alle leben. Die Stadt habe die Hauptthemen "Fakten, Jugend, Sport und Emotion" glänzend bedient, sagte das deutsche IOC-Mitglied Thomas Bach.
Peking 2008, London 2012 - und was dann? Voraussichtlich kommt nicht schon wieder eine Stadt vom europäischen Kontinent. Die vorbereitete und am Mittwoch veröffentlichte Ankündigung Hamburgs, für 2016, 2020, 2024 und 2028 mit dem Konzept "Olympische Spiele im Herzen einer Weltstadt am Wasser" anzutreten, zeigt schon, daß man sich einer wahrscheinlich langen Vorbereitungs- und Wartezeit bewußt ist. Das bedeutet im übrigen, daß die schönen Stadien, die hierzulande für das Fußball-Großereignis im kommenden Jahr fertiggestellt worden sind, für olympische Anlässe kaum mehr ins Kalkül gezogen werden können. Mußten sich die Franzosen nicht eben erst von Konkurrent London süffisant sagen lassen, das Stade de France (WM-Arena von 1998) sei 2012 ja uralt? So ist es.