22.10.2004 · Die Olympischen Winterspiele von 2002 in Salt Lake City scheinen nun langsam doch beendet zu werden: Nach der Übergabe einer Bronzemedaille an die deutsche Skilangläuferin Viola Bauer in dieser Woche dürfte nicht mehr viel kommen.
Die Olympischen Winterspiele von 2002 in Salt Lake City scheinen nun langsam doch beendet zu werden: Nach der Übergabe einer Bronzemedaille an die deutsche Skilangläuferin Viola Bauer in dieser Woche dürfte nicht mehr viel kommen. Sie rückte nach der auch in letzter Instanz bestätigten Doping-Disqualifikation zweier Russinnen auf einen Medaillenplatz vor. Die Olympischen Spiele 2004 in Athen gehen dagegen wohl noch sehr lange weiter - ebenfalls vor Gericht. Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) hat zwar gerade ein Urteil gesprochen - der amerikanische Turner Paul Hamm darf sein Mehrkampf-Gold trotz erwiesener Fehlurteile der Kampfrichter behalten, die Beschwerde Südkoreas wurde aus formaljuristischen Gründen abgewiesen -, doch die Sportrechtsexperten kommen nicht zur Ruhe. Sie müssen sich in den kommenden Wochen und Monaten mit drei weiteren Einsprüchen in Dopingfällen in Athen befassen. Vier ältere Anträge sind noch nicht einmal verhandelt, die Aktenberge wachsen. Das Unbehagen ebenfalls. "Ich habe mich fast geschämt, daß es so lange gedauert hat", sagte Gian Franco Kasper, der Präsident des Internationalen Skiverbandes, nachdem er Viola Bauer die Medaille umgehängt hatte. Späte Gerechtigkeit? Eher Gerechtigkeitskosmetik.
Betrüger schämen sich leider so gut wie nie, das belegen einige der Eingaben beim CAS in Lausanne. Der wegen Dopings disqualifizierte ungarische Hammerwurf-Olympiasieger Adrian Annus stellt gar Bedingungen für die Rückgabe der zu Unrecht erhaltenen Goldmedaille und hat sich wie sein gedopter Landsmann Robert Fazekas (Diskuswurf) uneinsichtig an die Schweizer Sportrichter gewandt. Zwei ungarische und ein griechischer Gewichtheber wollen ebenfalls partout nicht klaglos akzeptieren, daß sie gegen die Regeln verstoßen haben und deshalb vorübergehend aus der olympischen Familie verbannt worden sind.
Diese Aufzählung ist wahrscheinlich nicht einmal vollständig, aber als Bilanz einer vordergründig ganz normalen Sportwoche erschreckend genug. Was an Nachrichten noch dazugehörte: die vierjährige, bis Ende 2008 dauernde Dopingsperre gegen den amerikanischen Leichtathleten Alvin Harrison, Staffel-Olympiasieger von 1996 und 2000. Die Medaillen darf er gleichwohl behalten, denn erst vom Stichtag 1. Februar 2001 an werden seine Ergebnisse annulliert. Bemerkenswert: Dies ist schon die 17. und bestimmt nicht die letzte Dopingsperre in der amerikanischen Leichtathletik in diesem Jahr, und Harrison geht nach seiner Teamkollegin Kelli White als zweiter Fall in die Sportgeschichte ein, der nach Indizien entschieden worden ist. Obwohl niemals positiv getestet, heißt es für den 400-Meter-Läufer: Stop! Es gehört nicht viel dazu, vorherzusagen, daß White und Harrison nicht lange alleine bleiben werden. Die Beweislage stellt sich auch in weiteren Fällen als erdrückend dar.
Letzte Anmerkung zu einer Woche, nach der man einen Begriff wie Fair play am liebsten für immer aus dem sportlichen Vokabular streichen möchte: Auch die erste Verteidigungsrede von Thomas Springstein im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gehört in die bizarre Abteilung des Hochleistungssports. Aus einer Sitzecke heraus behauptete der muskulöse Leichtathletik-Trainer aus Magdeburg zur Beschuldigung, Dopingmittel an Minderjährige weitergegeben zu haben: Die Menge an verbotenen Mitteln, die von der Staatsanwaltschaft bei ihm gefunden worden sei, könne allenfals für eine Person ausreichen. Soll das etwa heißen: Ich hatte gar nicht genug Anabolika, um etwas davon abzugeben? Armer Sport!
Jörg Hahn