12.11.2009 · Wer seine Schwächen verschweigen will, sucht sich am besten eine Gesellschaft, in der es verboten ist, über Schwächen zu reden. Darum wird der Leistungssport an Enkes Schicksal nicht wachsen. Er kann daran nur erkennen, wie klein er ist.
Von Evi SimeoniIst der Sport schuld am Schicksal von Robert Enke? Es ehrt die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes, seines Vereins Hannover 96 und Enkes Mitspieler, dass sie sich nun erschrocken fragen, warum sie nicht gemerkt haben, in welch auswegloser Lage der Torwart sich befand. Ob es ein moralisches Vermächtnis Enkes gebe, eine Lehre, die sie aus dem verstörenden Erlebnis ziehen können. Doch keine Antwort ist überzeugend. Der Sport, so wie er ist, war Enkes Welt. Sein Rückzugsgebiet vor sich selbst, seine Kraftquelle, sein Korsett und sein selbst gewähltes Verhängnis.
Man müsse eine Art Frühwarnsystem einführen, wird jetzt gefordert. Die Welt der Hochleistung solle sich öffnen für die Schwächen ihrer Helden. Die Kameraden auf dem Platz sollten besser aufeinander achten und psychische Probleme erkennen. Aber das sind hilflose Ideen angesichts einer Krankheit, die manchmal stärker ist als guter Wille, als Scharfsinn, als medizinische Expertise, als die Liebe. Die Härte, der reglementierte Zeitplan, der mit seiner ganzen Persönlichkeit der Leistungsoptimierung untergeordnete Mensch sind dem Spitzensport immanent. Deshalb ist er nicht nur Bühne für echte Helden, für starke, offensive, mit glücklichen Anlagen gesegnete Menschen. Er ist auch Zuflucht für die Schwachen, die vor ihrer inneren Finsternis in die Leistung fliehen.
Unter Spannung hat er sich entspannt
Der Ruder-Olympiasieger Bahne Rabe etwa, der sich als Folge schwerer psychischer Störungen vor acht Jahren zu Tode hungerte, schien nur unter allergrößter sportlicher Belastung zu sich selbst zu finden, gleichzeitig betäubt und in eine andere Welt gehoben. Und auch für den depressiven Robert Enke war der Sport das „Lebenselixier“. Unter Spannung hat er sich entspannt, der Sport gab ihm Druck und nahm ihm Druck. Darum liegt im Schweigegebot der Hochleistungsgesellschaft Fußball auch nicht der Grund für seine Bedrängnis. Es ist andersherum: Wer seine Schwächen verschweigen will, sucht sich am besten eine Gesellschaft, in der es verboten ist, über Schwächen zu reden.
Was kann die Hochleistungsgesellschaft also von Enke lernen? Sie erhält ein klareres Bild über sich selbst. Darüber, wie sie die Menschen instrumentalisiert, zu Nummern auf Ranglisten abqualifiziert und gleichzeitig zu unverwundbaren Kunstfiguren aufbaut. Wie sie Individualität nur als Mittel zur Leistungsproduktion anerkennt. Wie sie die Welt ausblendet, indem sie sie blendet. Darum wird der Leistungssport an Enkes Schicksal nicht wachsen. Er kann daran nur erkennen, wie klein er ist.