Rennfahrer darf man nicht einfach fahren lassen. Sie würden noch in schrottreifen Boliden Gas geben. Nicht mal schwere Verletzungen halten sie von der Lust auf den Geschwindigkeitsrausch ab. Niki Lauda sprang sechs Wochen nach seinem Feuerunfall auf dem Nürburgring wieder in ein Cockpit der "Wahnsinnsformel". Der Brite Johnny Herbert ließ sich einst zu seinem Rennwagen tragen, weil er nicht gehen konnte. Alessandro Zanardi siegte in der Tourenwagen-WM, obwohl er nach einem Champcar-Unfall auf dem Lausitzring oberhalb beider Knie amputiert werden musste. Robert Kubica passt also ins Schema, wenn er sich fünf Tage nach seinem Crash in Montreal bei Tempo 280 "wie neugeboren" fühlt. Nur zur Erinnerung: Beim ersten Aufprall zerrten gut zwei Tonnen an diesem schmalen Burschen, vom Scheitel bis zur Sohle.
Die Sause ist also nach wie vor eine Sucht, der Pilot ein Abhängiger. Insofern ist der Weg zum Arzt der richtige. Gary Hartstein, Mediziner des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA), hat Kubica am Donnerstag mit gutem Grund gestoppt. Ein zweiter Crash an diesem Wochenende in Indianapolis, eine zweite Gehirnerschütterung innerhalb von einer Woche könnte fatale Folgen für den 22 Jahre alten Polen haben. Die FIA hat ihn vor sich selbst geschützt. Sie beweist damit abermals, dass ihre Sicherheitskette trotz des großen wirtschaftlichen Drucks von allen Seiten funktioniert. Der Mensch scheint wichtiger als der Mammon. Das ist ungewöhnlich für die Formel 1. Allerdings hatte der Zirkus nach den tödlichen Unfällen von Imola 1994 keine andere Wahl. Teure Vorschriften machen seither die Autos so sicher wie nie zuvor. Teure Umbauten verwandelten die meisten Rennstrecken in Fahrsicherheitsparks. Der Preis zahlt sich aus. Zwar wurden zwei Streckenposten von Trümmerteilen erschlagen. Aber immerhin ließ in den vergangenen 13 Jahren trotz zahlreicher Crashs kein Fahrer sein Leben auf der Piste. Dieses Glück wiederum erleichtert Sponsoren und Konzernen ein Engagement. Insofern hat die Sicherheitspolitik der FIA auch einen kommerziellen Hintergrund. So wie das Startverbot für Kubica am Sonntag. Die FIA ist als Führerschein-Behörde und Amtsarzt-Institution der Formel 1 verantwortlich. Ließe sie den BMW-Mann fahren, dann drohte ihr im Falle eines tragischen Unglücks eine Klage, von der sie sich nur schwer erholen könnte. Wenn etwa ein Rad von Kubicas Boliden über den Zaun spränge und einen Zuschauer träfe. Am Sonntag geht es schließlich in Amerika rund. Dort, wo schon heißer Kaffee Schadensersatzklagen in Millionenhöhe provoziert, muss man auf Nummer Sicher gehen. Zum Wohle aller.