Ist es Trotz oder Mut, mit einem so üppigen Aufgebot ausgerechnet nach Göteborg zu reisen? Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat an die schwedische Hafenstadt keine gute Erinnerung. Vor elf Jahren, bei den Weltmeisterschaften 1995, folgte einer desaströsen Leistungsbilanz ein Strukturwandel; weniger Athleten, strengere Erfolgskontrolle, mehr zentrale Planungskompetenz, dies und noch mehr gehörte damals zum Veränderungskatalog. Ausgerechnet zu den Europameisterschaften in der zweiten Augustwoche in Göteborg scheint der DLV seinen Kurs der Vernunft aufzugeben. Rund achtzig Aktive sind nominiert worden, darunter elf ohne Norm. Den ohne ausreichende Qualifikation berücksichtigten Nachwuchsathleten wird zugetraut, "in der Konkurrenz der europäischen Elite ihre Bestleistungen zu steigern und zumindest Qualifikationen oder Vorläufe erfolgreich zu bestreiten", so die Lagebeurteilung des Leitenden Bundestrainers Jürgen Mallow. Nach dem Reinfall der deutschen Mannschaft vor drei Wochen beim Europacup in Malaga und der Stagnation bei den nationalen Meisterschaften am vergangenen Wochenende wären eine strengere Bewertung und Auslese angemessen gewesen.
Natürlich wehrt der Verband sich jetzt gegen den Vorwurf, mit zuviel Optimismus in die nächste Blamage zu stolpern, und verteidigt den Göteborg-Kader als Resultat einer realistischen Grundeinschätzung. Ob die individuelle Fitness stimmt, ob alle gesund und gut vorbereitet in Schweden an den Start gehen, ob - gerade bei den jüngeren Athleten - die Nerven mitspielen, all das wird man wohl erst beim Ernstfall erkennen können. Sicher wäre es falsch, aus lauter Sorge mit einem kleinen Team anzutreten und so Nachwuchssportlern eine wichtige Entwicklungschance für die kommenden Jahre, für Olympia 2008 in Peking und die Heim-WM 2009 in Berlin, zu nehmen. Doch wenn zu viele Aktive in den Qualifikationen oder Vorkämpfen scheitern, das war die schmerzliche Erkenntnis 1995, kann die gesamte Mannschaft in einen Sog geraten. Damals rumorte es frühzeitig im Mannschaftsquartier, die Ausgeschiedenen ließen Professionalität und Mannschaftsgeist vermissen. Das Ansehen der deutschen Leichtathletik nahm insgesamt Schaden.
Bei der letzten Europameisterschaft, 2002 in München, gewann die deutsche Mannschaft 19 Medaillen (darunter zwei Titel) und erreichte in der Nationenwertung Rang zwei hinter Rußland. Einige der Stars von München fehlen, wie 400-Meter-Europameister Ingo Schultz. Auch neue Hoffungen wie Sprinter Tobias Unger und Hallen-Mehrkampfweltmeister Andre Niklaus verpassen wegen Verletzungen die EM-Teilnahme. Die Mannschaft des Jahrgangs 2006 ist dennoch groß. Ihre Medaillenaussichten sind eher klein, auf jeden Fall schwer abzuschätzen. Das macht auch die Ankündigung des DLV-Vizepräsidenten Leistungssport, Eike Emrich, deutlich: bei Formschwäche, Krankheit oder Verletzung könne er Nominierungen kurzfristig widerrufen.