Home
http://www.faz.net/-gtl-tkli
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kommentar Sport Kombinationsfehler

03.10.2006 ·  VON ROSWIN FINKENZELLER

Artikel Lesermeinungen (0)

Die Schach-Historie zeigt: Argwohn ist
gut zu begründen.

Schach ist unsichtbar. Kein Zuschauer im Saal erblickt Gedankengänge, Gedankensprünge oder Gedankenfehler. Will sich das Auge satt sehen, muß es mit zwei Stubenhockern, ihren Pokergesichtern und plötzlich ausgestreckten Armen vorliebnehmen. Die auf eine Leinwand projizierte Diagrammstellung zählt auch nicht gerade zu den Exponaten, nach denen sich Museumsdirektoren sehnen. Vor allem weiß der Laie nicht, was er sieht, wenn Diagrammstellungen vor ihm auftauchen. Und dann haben die Kenner eine Art, entzückt zu sein, die sogar den Dilettanten kränkt. Wieso diese verstohlene Genugtuung, bloß weil Weiß mit seinem letzten unscheinbaren Zug angeblich den Druck auf irgendein Mittelfeld enorm erhöht?

Doch die Laien wissen sich zu helfen. Sie flüchten sich in die Verklärung oder in den Spott. Obwohl, statistisch betrachtet, die meisten Züge, die das Licht der Schachwelt erblicken, mittelmäßig bis schlecht sind, hat sich in der Politik die Rede vom "raffinierten Schachzug" eingebürgert. In der Werbung verdeutlichen stehende, ja sogar umgefallene Figuren einen kühn unterstellten Bezug zu höherer Geistigkeit. Viel lieber aber macht sich das Volk über die Schachspieler lustig. Sie sind ja auch komisch, so komisch wie die meisten Menschen, Formel-1-Fahrer nicht ausgenommen. Doch während diese von ihren Schrullen ablenken, indem sie einen Höllenlärm erzeugen, Konkurrenten abdrängen, Reifen verlieren oder ihren Wagen den Flammen übergeben, aus denen sie sich nonchalant retten, vermögen die Denksport treibenden Sonderlinge ihre Eigenheiten kaum zu verbergen. Und wenn sie gar keine haben? Dann passiert eben etwas, das auch Menschen kapieren, denen die Springergabel so fremd ist wie das Epaulettenmatt.

Das Schachspiel kann nichts dafür, daß kaum einer weiß, wo Elista liegt, jedoch schmunzeln oder grinsen würde, vernähme er, daß dort die Kalmücken leben. Haben sich da die Exoten gefunden, die Kalmücken und die Kombinatoriker? Die Wahrheit, daß ein gewisser Kirsan Iljumschinow zweimal Präsident wurde, einmal der Republik Kalmückien und einmal des Weltschachbunds Fide, war auch kein Beitrag zur Dämpfung der Heiterkeit. Vielmehr brach diese mit voller Wucht aus, als eine Örtlichkeit ins Blickfeld rückte, deren Funktion nun wirklich jeder begreift: die Toilette, genauer die Toilette des Wladimir Kramnik, eines Großmeisters, der am Brett den Laien ein Rätsel ist, von ihnen aber sofort verstanden wird, sobald er jenen Raum aufsucht. So groß ist die Verständnisinnigkeit des großen Publikums, daß der Wunsch eines Weltmeisterschaftskandidaten nach einer für den Gegner unzugänglichen Exklusivtoilette nie und nirgends beanstandet wurde. Da jeder gern von sich auf andere schließt, schloß jeder ohne Arg auf allgemein menschliche Bedürfnisse samt Sehnsucht nach Hygiene. Niemand lachte.

Weselin Topalow, der Gegner, schloß auf mehr. Der Bulgare unterstellte dem Russen, daß er während der stundenlangen Partien sein Refugium nicht nur aus sanitären Motiven betrete. Die Dusche neben dem Klo war bereits auf ihre Tauglichkeit zur Stellungsanalyse untersucht worden. Doch war der Verdacht nicht lächerlich, Kramnik könnte auf elektronischem Wege gute Ratschläge zur Fortsetzung seiner Partie einholen? Selbst wenn Topalow seinen Gegner nur ein wenig hätte ärgern wollen, wäre er um eine gute historische Begründung des Argwohns nicht verlegen gewesen. In der Sowjetzeit ist es vorgekommen, daß Russen, die im Ausland grübelten, während der Partie mehrmals mit Moskau telefonierten. Heute weiß die ganze Schachwelt, wie recht Bobby Fischer hatte, wenn er die sowjetischen Großmeister bezichtigte, auf unsportlichste Weise gegen ihn zusammenzuhalten. Damals folgerte der ganze Westen, Bobby ticke nicht richtig - und beging damit einen Kombinationsfehler.

Quelle: F.A.Z., 04.10.2006, Nr. 230 / Seite 36
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Zeit für Bekenntnisse

Von Rainer Seele

Kein Schlussstrich unter der Akte Ullrich: Der ehemalige Radprofi ist in seiner eigenen, eigenartigen Welt gefangen. Jetzt steht er offiziell als Dopingsünder da. Mehr 1

Fußball
 Bundesliga 
 2. Bundesliga 
  Verein Sp Diff Pkt.  
1.  Logo: Borussia Dortmund
Borussia Dortmund   20  31   43 Verbesserung zur Vorwoche
2.  Logo: Bayern München
Bayern München   20  33   41 Verschlechterung zur Vorwoche
3.  Logo: FC Schalke 04
FC Schalke 04   20  21   41 Gleichheit zur Vorwoche
4.  Logo: Bor. Mönchengladbach
Bor. Mönchengladbach   20  19   40 Gleichheit zur Vorwoche
5.  Logo: Werder Bremen
Werder Bremen   20  -1   32 Gleichheit zur Vorwoche
6.  Logo: Bayer Leverkusen
Bayer Leverkusen   20  1   31 Gleichheit zur Vorwoche
7.  Logo: Hannover 96
Hannover 96   20  -2   30 Gleichheit zur Vorwoche
8.  Logo: 1899 Hoffenheim
1899 Hoffenheim   20  -2   24 Gleichheit zur Vorwoche
9.  Logo: 1. FC Köln
1. FC Köln   20  -11   24 Verbesserung zur Vorwoche
10.  Logo: VfL Wolfsburg
VfL Wolfsburg   20  -12   24 Verschlechterung zur Vorwoche
11.  Logo: VfB Stuttgart
VfB Stuttgart   20  -2   23 Verschlechterung zur Vorwoche
12.  Logo: Hamburger SV
Hamburger SV   20  -9   23 Verschlechterung zur Vorwoche
13.  Logo: FSV Mainz 05
FSV Mainz 05   20  -6   22 Verschlechterung zur Vorwoche
14.  Logo: 1. FC Nürnberg
1. FC Nürnberg   20  -12   21 Verschlechterung zur Vorwoche
15.  Logo: Hertha BSC
Hertha BSC   20  -6   20 Gleichheit zur Vorwoche
16.  Logo: 1. FC Kaiserslautern
1. FC Kaiserslautern   20  -9   18 Gleichheit zur Vorwoche
17.  Logo: FC Augsburg
FC Augsburg   20  -14   17 Gleichheit zur Vorwoche
18.  Logo: SC Freiburg
SC Freiburg   20  -19   17 Gleichheit zur Vorwoche