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Kommentar Sport Das gesammelte Schweigen

 ·  VON ANNO HECKER

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Alle reden über Michael Schumachers Zukunft, aber niemand kennt sie.

Michael Schumacher tritt zurück! Das haben Sie noch nicht gewußt? Stimmt. Können Sie ja auch nicht. Denn solange weder Ferrari noch der Formel-1-Star schriftlich erklären, daß Feierabend ist mit Ende des letzten Rennens dieser Saison, so lange ahnen wir viel, wissen aber gar nichts. Weil die Scuderia, die selbsternannte Herrin des Verfahrens, eisern schweigen will bis zum Ende des Großen Preises von Italien am Sonntag in Monza, sind also noch ein paar Tage Geduld angesagt. Sicher, die Weltpresse des Motorsports inklusive einer Kompanie von Fotografen wird so brav und andächtig die Sause im königlichen Park abwarten wie Kinder den Weihnachtsgottesdienst und das Hauskonzertchen samt Zugabe vor der Bescherung. Für diese Charakterprüfung muß man Verständnis haben. Es geht schließlich noch um die Entscheidung in der Fahrerweltmeisterschaft. Was ist schon ein möglicher Rücktritt des Superstars der Formel 1 gegen einen Sieg auf dem Weg zum Titel? Doch, man weiß schon was vor der Verkündung, definitiv: Sie sind PR-Profis bei Ferrari. Offiziell wollen die Strategen Ruhe für den Sportler und ihren Sport haben vor dem Sturm. Inoffiziell aber muß eine andere Taktik hinter der Terminwahl stehen: Ist es nicht so, daß die Verzögerung der Bescherung die Begierde noch erhöht?

Die Medien, soweit sie sich für die Formel 1 interessieren, haben sich über Monate warmgeschrieben und -geredet. Es gibt kaum eine Variante, die nicht erörtert, nicht als Faktum, hingestellt und hinterher widerlegt wurde. Von diesem Donnerstag an aber werden mit dem Einzug von Schumacher ins Fahrerlager die Drehzahlen der Meinungsmacher in den roten Bereich getrieben. Fährt er weiter, oder geht er? Warum, wieso, weshalb? Als führte eine verweigerte Antwort zum gesammelten Schweigen derer, die von Nachrichten leben. Niemals, im Gegenteil. Dem bekanntesten lebenden Repräsentanten Ferraris steht eine PR-Kampagne bevor, wie sie die Scuderia in 56 Jahren Formel 1 wohl nicht erlebt hat. Und das, ohne irgend etwas zu sagen. Cha-peau!

Für eine Rücktrittsverkündung Schumachers gibt es aus Sicht von Ferrari sicherlich keinen idealen Zeitpunkt. So eine Schlagzeile wäre eine Niederlage für die Scuderia, für den Präsidenten Luca di Montezemolo, der Schumacher liebend gerne für immer festschnallte im Cockpit. Wenn dieser smarte Boss am Samstag, bei der traditionellen Ferrari-Gala, nun erstmals seit Jahren auf eine Verkündung verzichtet, dann liegt der Kurz-Schluß nahe: Schumacher steigt aus. Andernfalls hätte sich der eitle Montezemolo die Chance nicht entgehen lassen, mit pathetischen Worten eine Vertragsverlängerung (und damit auch sich) in goldenem Licht erscheinen zu lassen. Die Verbreitung schlechter Unternehmensnachrichten aber überlassen auch die Fürsten von heute lieber Untergebenen.

Auch hinter dieser Interpretation steckt (leider) nicht mehr Wissen, als die meisten wissen. Aber sie ist ein indirekter Beweis: Ferrari wird in den nächsten vier Tagen alles bekommen, vielleicht sogar Pluspunkte im Kampf um die Fahrer-WM. Nur das nicht, was man sich gewünscht hat: Ruhe.

Quelle: F.A.Z., 07.09.2006, Nr. 208 / Seite 32
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