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Kommentar Natürlich gedopt?

Warum rennen die deutschen Langläufer, die jahrelang der Weltspitze hinterherliefen, plötzlich ganz vorne mit? Kein Sportler darf sich über einen stutzigen Zuschauer beschweren, der vier Jahre zurückdenkt.

© picture-alliance/ dpa/dpaweb Vergrößern Vorläufig gesperrt: Evi Sachenbacher-Stehle

Nein, es ist nicht der erste Dopingfall der Spiele. Nein, es ist nicht nur nicht der erste Dopingfall der Spiele, es ist überhaupt kein Dopingfall. Noch nicht. Ja, die Sache mit Evi Sachenbacher-Stehle und weiteren sieben Athleten, die wegen überhöhter Hämoglobinwerte schon vor der Eröffnungsfeier in Turin für fünf Tage aus dem olympischen Rennen genommen worden sind, löst gemischte Gefühle aus: Was wird daraus? Was steckt dahinter?

Was kommt noch alles auf uns zu an schmierigen Geschichten, die von den Kehrseiten des Hochleistungssports erzählen? Die über Manipulationen berichten, von denen wir wegen der Übersättigung mit Betrügereien und Hinterhältigkeiten am liebsten nichts mehr hören und sehen wollen? Aber auf die langen Schatten, die angestrahlte Sieger werfen, fällt immer wieder das grelle Schlaglicht der Enthüllungen, über die das Publikum nicht hinwegsehen darf.

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„Schutzsperre“ - die Wortwahl ist keine Beschönigung, durch die ein dopingverdächtiger Athlet schon mal ein bißchen bestraft werden soll, weil man ihn nicht mit einer positiven Dopingprobe erwischen konnte. Eine Schutzsperre ist es tatsächlich, was der Internationale Skiverband, viele Jahre lang der Vorreiter bei Bluttests, in seinem Regelwerk verankert hat.

Diesseits oder jenseits der Grenzlinie?

Zu schützen ist der Körper des Athleten: vor einem drohenden Gesundheitsschaden. Zu schützen sind die sauberen Athleten: vor manipulierten Sportlern, die sich durch Blutdoping etwa mit Erythropoietin (Epo) einen unsportlichen Vorteil erschleichen. Zu schützen sind schließlich alle Athleten: vor falschen Verdächtigungen, die ihren Ruf dauerhaft schädigen.

Ob Evi Sachenbacher-Stehle, die einen so mädchenhaft frischen Charme ausstrahlt und deshalb gerne als Unschuld vom Lande angesehen wird, zur einen oder zur anderen Gruppe gehört, diesseits oder jenseits der Grenzlinie läuft? Keine Frage, es gibt Grenzfälle unter den Grenzwerten, die den Übergang zwischen körpereigener Produktion und Zufuhr künstlicher Stoffe von außen markieren sollen. Angeblich lavierten die Blutwerte des Langläufers Jens Filbrich, der zu Beginn des Winters mit „zuviel“ Hämoglobin auffiel, und Evi Sachenbacher-Stehles, der das nun ausgerechnet vor Olympia passierte, schon immer dicht an der Grenze. Das sei lange bekannt, behaupten jetzt Ärzte. Warum wurde es jeweils erst nach den Grenzüberschreitungen öffentlich?

Krankhafte Phänomene

Die Fragen, die noch kein Tatvorwurf sein dürfen, häufen sich: Warum rennen die deutschen Langläufer, die jahrelang der Weltspitze hinterherliefen, plötzlich ganz vorne mit? Warum mehren sich die genetischen Dispositionen, die als Anomalie attestiert werden, vor Großereignissen? Warum häufen sich die krankhaften Phänomene, die Sportlern einen natürlichen Vorteil verschaffen können?

Brach die Asthma-Epidemie vor einigen Jahren unter den Radprofis aus, weil die zur Behandlung geeigneten Medikamente einen anabolen Nebeneffekt besitzen? Evi Sachenbacher-Stehle wäre von der Natur in reichem Maße mit leistungsfördernden Blutkörperchen ausgestattet - und könnte doch auf jedes Höhentraining verzichten, das anderen Athleten erst die nützliche Nähe dicht am erlaubten Wert beschert.

Kein Sportler darf sich über einen stutzigen Zuschauer beschweren, der vier Jahre zurückdenkt: Der bayerische Wahlspanier Johann Mühlegg fiel zuerst durch hohe Hämoglobindaten auf. Und dann förderten Zielkontrollen auf Epo das Doping zutage, das dahintersteckte. Die heutigen Skilangläufer sollten größten Wert darauf legen, so oft wie möglich auf Blutdoping getestet zu werden - und damit belegen, daß sie nicht in Mühleggs Spur geraten sind.

Quelle: F.A.Z., 11.02.2006, Nr. 36 / Seite 29

 
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Veröffentlicht: 11.02.2006, 12:46 Uhr

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