Dopingfahnder machen sich in Scharen auf ins Wankdorf-Stadion, um dort nach Spurenelementen von Substanzen zu graben, die einem deutschen Mythos vor fünfzig Jahren die entscheidende Kraft geschenkt haben. Das wäre der zweite Teil einer vermeintlichen Sensationsstory, die derzeit durch deutsche Medien geistert. Die Geschichte handelt von entdeckten Ampullen in den Waschbecken der deutschen Kabine nach dem 3:2 im Weltmeisterschafts-Endspiel gegen Ungarn. Was dieser ziemlich schattenhafte Report damit suggerieren will, ist vollkommen klar: Das Wunder von Bern ist ungültig - Herbergers Jungs waren gedopt!
Dabei hat sich die Sache längst in Luft aufgelöst. Nicht nur die Mittelchen, die den künftigen deutschen Heroen damals verabreicht wurden (angeblich Vitamin C), sondern auch das Stadion. Es wurde schon vor Jahren abgerissen, und in diesem Sommer wird an der berühmtesten Pilgerstätte der deutschen Sporthistorie ein nagelneues Wankdorf-Stadion eingeweiht. Ganz abgesehen also vom Staub der Geschichte, der sich nach einem halben Jahrhundert über Wankdorf gelegt hat: Damals konnten Fußball-Wunder tatsächlich noch mit allen möglichen Substanzen und Stimulanzien im Körper möglich gemacht werden - es stand nicht unter Strafe. Aber nun ist der Verdacht in die Welt gesetzt, und ist es nicht ein weiteres Indiz für unlautere Methoden, daß es bald nach dem Titelgewinn zu zahlreichen Fällen von Gelbsucht bei den Weltmeistern kam? Bei dieser Art von Unterstellungen fällt es nicht schwer, von der Gnade der frühen Geburt zu sprechen. Damals noch wurden deutschen Sporthelden solche Fragen nicht gestellt - und Geschichten, die am Mythos kratzen, nicht in dieser Weise gemacht und vermarktet.
Was die Väter aller deutschen Fußball-Helden in ihrem Jubiläumsjahr derzeit erleben, ist so etwas wie ein verspäteter Realitätsschock. Die Medien stürzen sich auf das deutsche Jahrhundertereignis Bern, und bei der Suche nach neuem Stoff wird alles mögliche zutage gefördert: Schönes, Wahres, Unangenehmes, Halbwahrheiten, Lügen. Vor einigen Tagen etwa wurde beschrieben, wie einige Ersatzspieler von damals sich heute weigern, ohne Bezahlung über ihre Erlebnisse von damals zu sprechen. Nun erleben die Männer der Nachkriegszeit, wie sie auf einmal selbst zu Mitgliedern der Sportunterhaltungsindustrie des 21. Jahrhunderts werden - mal aktiv, mal passiv. Ihrem Mythos wird das nicht mehr schaden. Aber diese Erfahrung kann all jenen nutzen, die in ihrem moralischen Urteil über die Nachfahren der Weltmeister aus der guten alten Zeit so siegessicher sind.
Michael Horeni