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Kommentar Mutterinstinkte

28.09.2005 ·  Bringt Athleten von gestern und von morgen ins schonungslos ehrliche Gespräch; ermuntert die Erfahrenen offen über alle Facetten ihrer Karriere zu berichten, nicht bloß von Medaillen; reißt die Mauer des Schweigens über schwierige, schmerzhafte Themen ein.

Von Jörg Hahn
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Die richtige Frage ist gestellt worden, die Antwort läßt weiter auf sich warten. Beim ersten "Internationalen Olympia-Forum" in der Frankfurter Paulskirche hat Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, einen der wichtigsten Gründe für seine Politik der "Null Toleranz" in Dopingfragen benannt: Ließen Mütter ihre Kinder nicht mehr in die Sportvereine gehen, weil sie befürchten müßten, daß ihre Sprößlinge dort früher oder später zwangsläufig mit verbotenen, schädlichen Mittel in Berührung kämen, praktisch in eine Drogenlaufbahn gedrängt würden, dann ginge der (Spitzen-)Sport zugrunde.

Heike Drechsler, Doppel-Olympiasiegerin in der Leichtathletik und Mutter, fragte Rogge während der Podiumsdiskussion etwas ungelenk, aber in bemerkenswerter Sorge und Offenheit, was sie denn dem Kinde sagen solle bei diesem Thema? Damit meinte sie nicht nur den eigenen Sohn, sondern auch all jene jungen Menschen, denen sie in Schulen und anderswo begegne - und denen sie immer noch als Vorbild präsentiert wird. Sie, die Athletin aus der DDR, die ihre Karriere in der Ära des hochanabolen Dopings begann und die, wie sie in Frankfurt beklagte, die völlige Vereinnahmung durch die Politik bis zur deutschen Vereinigung durchlebte.

Bringt Athleten von gestern und morgen ins Gespräch

Rogge konnte ihr keinen Leitfaden mitgeben, und manches klang gar nach Beschwichtigung, was in der Paulskirche gesagt wurde. Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer, daß der Sport in der Gesellschaft zwar eine Vorbildrolle spiele, bei bestimmten Fragen aber an seine Grenzen stoße. "Man kann vom Sport nicht mehr verlangen als von der Gesellschaft", sagte der Theologe in der Runde, Hans Küng. Rogge ergänzte, man könne vom Sport nicht Lösungen erwarten, die in viertausend Jahren Zivilisation nicht erreicht worden seien.

Aber bleiben wir bei Heike Drechsler und anderen ehemaligen Athleten in vergleichbarer Lage: Die Sieger der Vergangenheit können die Zukunft des Sports mitgestalten. Sie kennen aus eigenen Erleben die Wirklichkeit des Hochleistungssports, und dazu gehören eben nicht nur die leuchtenden Augen der Aktiven während ihres Einmarsches zur olympischen Eröffnungsfeier. Dazu gehören die zerstörerischen dunklen Seiten des Betrugs, auch des Selbstbetrugs. Eine Heike Drechsler hat offenbar ihren Nachfolgern etwas zu sagen. Wie auch immer ihre Botschaft (ihre Warnung?) aussehen mag: Die Sportorganisationen sollten dieses Potential nutzen.

Bringt Athleten von gestern, von heute und von morgen ins schonungslos ehrliche Gespräch; ermuntert die erfahrenen Frauen und Männer, offen über alle Facetten ihrer Karriere im Spitzensport zu berichten, nicht bloß von Titeln und Medaillen; reißt die Mauer des Schweigens über schwierige, schmerzhafte Themen ein. Dann wird es womöglich sehr viel einfacher, die Antwort auf die Frage zu finden, ob oder unter welchem Umständen man Kinder überhaupt noch guten Gewissens auf den Weg in den Spitzensport schicken darf.

Quelle: F.A.Z., 29.09.2005, Nr. 227 / Seite 31
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